Nagold

Hart und zart unter guten Freunden

von Martin Bernklau

Ein Konzert von Liv Kristine gehört fast wie der Christbaum zu einer Nagolder Weihnacht. Zum siebten Mal war die norwegische Sängerin kurz vor den Feiertagen in der Alten Seminarturnhalle. Von Athen bis Amsterdam waren Fans aus der Metal- und Gothic-Szene angereist. Sonic Spy spielten als Vorband.

Nagold. Sonic Spy kommen aus der Region. Sie texten nicht nur deutsch, sie nennen auch den lauten und harten, leidenschaftlichen und doch eingängigen Indie-Stil des Quartetts auch gerne Stromgitarren-Sound. Manchmal hört man Textpassagen heraus, die wie in "Chaos" auch das Pathetische nicht scheuen: "Dann kommt hier die Flut...dein Blut". Die schwarze Kluft des Abends hat bei Sonic Spy eine besondere Bedeutung: Drummer Andi Münch ist vor einiger Zeit gestorben.

Vor ein paar Wochen noch in St. Petersburg gespielt

"Und alles schreit nach Freiheit", singt Frontman Frank und sagt, sie wollten nur "die Liv soundmäßig supporten". Sonic Spy räumt unter dem verdienten Beifall nach einer knappen Stunde die Double Stage für die Frau, die ihren Auftritt schon fast familiär zelebrieren kann – mit ihrem Nagolder Stammpublikum und den Fans von überallher. "Wo sind die Hände?", ruft sie nach dem Opener und "Nagold, geht was?" Klar, alles da. Ein entspannter Jahresabschluss, aber mit voller Kraft. "I feel the fire", singt die zierliche Frau in Schwarz und Nietengürtel mit den blendend blonden Marilyn-Haaren.

Die Jahre von Theatre of Tragedy sind lange vorbei, die schmerzhafte Trennung von Leaves’ Eyes scheint überwunden, aber ihre Songs von all den Alben bleiben, aus denen sich Liv Kristine bedienen kann: von "Fake A Smile" oder "My Wilderness" über "Skintight" bis "Love Decay". Micki Richter hat seine 30 Gitarren mitgebracht, übertreibt sie ein bisschen. Sie haben dieses Jahr schon in Tel Aviv gespielt und erst vor ein paar Wochen in St. Petersburg. Nagold ist, im kleinen Rahmen, Höhepunkt und Finale.

Das erste Set ist das harte, drei Gitarren, ein kompromissloses Schlagzeug, und darüber diese ungemein variable Stimme, die über den raunenden Gothic-Grufttönen des Bassisten im etwas weicheren Balladenton ebenso unverkennbar bleibt wie in den düster nordischen Stimmungen. "Hier ist für euch – ›Panic‹!", ruft sie ihren begeisterten Fans zu oder dreht mit "Cassandra" die Zeit zurück in die verflossene frühe Epoche von Theatre of Tragedy.

Für das Acoustic Set nach der Pause werde sie "was ganz Schickes anziehen", kündigt Liv Kristine an. Es wird ein halblanger Rock im schwarz-roten Schottenkaro, dazu ein Top aus schwarzen Spitzen. Und neben sich hat sie nur noch ihre zwei Gitarristen, die ihre Strominstrumente ganz akustisch Richtung unplugged ausgesteuert haben.

Liv Kristines sensiblen, zärtlichen und nicht selten melancholischen, aber auch mal trotzig entschlossenen Texte sind besser zu verstehen in diesem Sound. Ihr Nagolder Publikum feiert sie genauso dafür wie für die etwas härtere Tour davor.

Es wird noch ein langer Abend, bevor sich dieses Traditionskonzert unter Fans und Freunden in die vorweihnachtlich stille Nagolder Nacht auflöst und Liv wie ein blonder Weihnachtsengel entschwebt – bis zum nächsten Mal.