Nagold

Gymnastik für den guten Zweck

von Jacqueline Geisel

In Reingard Gaschos Frauengymnastikgruppe wird nicht nur Sport gemacht. Die rund 25 Damen sammeln seit einigen Jahren, auf Wunsch ihrer Übungsleiterin, Geld für einen guten Zweck. Die jüngste Spende ging an das Frauenhaus Calw.

Nagold. Jeden Dienstag trifft sich die Frauengymnastikgruppe des VfL Nagold in der Hohenbergerhalle, um unter Leitung von Reingard Gascho zu trainieren. Zu poppiger oder klassischer Musik – Hauptsache, der Rhythmus stimmt – bringen sie ihren ganzen Körper in Form, mal mit Physiobändern, mal mit Stäben, Seilen oder Ringen, mal mit dem großen Gymnastikball und mal auf dem Aerostepper. Jede Woche sind andere Übungen an der Reihe, ein paar wenige sind immer dabei, so Gascho, "weil sie besonders wichtig sind". Denn bei Reingard Gascho werden "von Kopf bis Fuß alle Muskeln durchgemacht", beschreibt die 70-Jährige ihr Konzept.

Dass sie so lange eine Frauengymnastikgruppe leiten würde, hätte Reingard Gascho 1973 noch nicht gedacht. Von Berufswegen war die Wahlnagolderin Lehrerin an der Christiane-Herzog-Realschule, unter anderem für das Fach Sport. Beim VfL engagierte sie sich als Volleyball-Übungsleiterin und trainierte die Damenmannschaft, gab als Ski-Übungsleiterin Kurse für Kinder und Erwachsene. Dann wurde sie gefragt, ob sie nicht für eine Übungsleiterin einspringen könnte. "Das hörte sich an, als wäre das für vier Wochen", erinnert sich Gascho. "Daraus sind 45 Jahre geworden."

Ihr bevorzugtes sportliches Feld sei Gymnastik nicht gewesen, Gascho war eher der Typ für den Mannschaftssport: "An Gymnastik hab ich am wenigstens gedacht, deswegen bin ich umso mehr überrascht, dass ich das so lange gemacht habe." Das liege natürlich auch an den Frauen, die so gerne mitmachen. Viele sind mit Gascho älter geworden und der Stil habe sich dementsprechend verändert. Die älteste Teilnehmerin ist 82, die jüngste derzeit 52 – auch wenn die Gruppe offen für alle Altersklassen ist. Privat schwimmt Reingard Gascho bis heute gern. "Die allerbeste Sportart, die es überhaupt für den Körper gibt", meint sie. Mit dem E-Bike ist sie ebenfalls unterwegs.

Reingard Gascho und ihre Frauen sind mit Freude bei der Sache. "Das tut gut und macht Spaß", sagt Gerda Steck. Die 69-Jährige ist seit über 40 Jahren dabei. Auch Renate Gauss trainiert schon seit etwa 40 Jahren mit. "Es ist immer schön und tut uns allen gut", meint die 80-Jährige. Beate Schuon ist noch relativ neu in der Gruppe – und schon begeistert: "Ich kann ohne das gar nicht mehr leben", sagt die 74-Jährige, die seit etwa eineinhalb Jahren dabei ist. Sie könne es immer gar nicht erwarten, dass das nächste Training beginnt. "Ich hab das viel zu spät entdeckt", meint Schuon. "Das ist für jedermann zu empfehlen, Jung und Alt."

Und weil die Damen so zufrieden sind, haben sie Reingard Gascho häufig großzügige Geschenke wie einen Schlafsack oder ein Fahrrad gemacht. Doch zu Weihnachten 2001 sagte die Übungsleiterin: "Ich brauch nichts mehr." Wenige Monate zuvor war bei ihr Lymphknotenkrebs im ganzen Körper entdeckt worden. "Die Prognose war nicht gut", erzählt sie. Umso schöner sei es, dass sie so lange überlebt habe. Der Sport habe geholfen, ebenso die sozialen Bindungen. "Das ist bei so einer Krankheit sehr wichtig", meint Reingard Gascho. Zu diesen Bindungen gehört für sie mitunter die Frauengymnastikgruppe. Neben dem Training unternehmen die Teilnehmerinnen mehrmals im Jahr gemeinsame Ausflüge. Eine kleine Fahrradgruppe ist aus ihren Reihen entstanden, die jede Woche einen halben bis einen ganzen Tag eine Tour unternimmt. Über Jahre hinweg seien die Frauen auf Wochentour gegangen. "Das ist eine schöne soziale Bindung", so Gascho.

Die erste Spende zu Weihnachten 2001 ging an die José-Carreras-Leukämie-Stiftung, weil Gaschos Krebsart im weitesten Sinne zu diesem Krankheitsbereich gehöre, wie sie erklärt. Danach entschied die Gruppe, Organisationen in der Region zu unterstützen. "Da ist ja die Not auch groß", sagt Gascho. So gingen beispielsweise Gelder an die Hospizgruppe, die Lebenshilfe und das Frauenhaus Calw. Letzteres bekam am 21. Dezember seine vierte Überweisung von den sportlichen Frauen. 1000 Euro spendeten sie für die Einrichtung, die "leider nicht überflüssig wird", so Gascho. Die Spenden werden das Jahr über in der Gruppe gesammelt. "Jede Frau spendet so viel, wie sie will", berichtet Reingard Gascho.

Wenn sich die Gruppe zu einem Ausflug trifft, bezahlen die Teilnehmer kein Benzingeld: "Da sag ich immer: Tu das Geld ins Kässle", berichtet die Übungsleiterin. Wenn sich die Frauen zum Kaffee oder zum Frühstück bei einer von ihnen treffen, bekommt die Gastgeberin dafür kein Geld. Stattdessen wandern die Euros in das Spendenschwein. "Kleinvieh macht auch Mist", so Gascho, "da kommt was zusammen". Zwei der Teilnehmerinnen binden Adventskränze und verkaufen sie in der Gruppe. Bei der Jahresabschlussfeier kurz vor Weihnachten sind meist Ehemalige dabei, die nicht mehr mitturnen können. Sie spenden dann auch noch was. "Deswegen warten wir diesen Abend noch ab", erzählt Gascho. Dieses Jahr waren es exakt 1000 Euro, die zusammenkamen.