Nagold

Den Blick immer nach vorne gerichtet

von Denise Palik

Reißen, Stoßen, Heben – Gewichtheben klingt schwer und anstrengend. Doch der Sport hat auch etwas mit Koordination zu tun. Und er ist nicht nur etwas für große, starke Männer, wie ich im Selbstversuch merke.

Nagold-Iselshausen. "In einer Stunde kannst du das auch", sagt Ralf Schumacher, der Trainer der Gewichtheber des VfL Nagold. Ich stehe mit ihm im Trainingsraum in der Gemeindehalle Iselshausen und die zwölfjährige Marie hat mir gerade gezeigt, wie "Reißen" geht. Doch dass ich das Können soll, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen – "dafür reicht meine Kraft in den Armen nicht aus", denke ich mir.

Im Trainingsraum trainieren bereits einige erwachsene Männer, die Kinder und Jugendlichen fangen jetzt an. Nach einem kurzen Aufwärmen gehen die Kleinsten in die Halle. Sie dürfen noch nicht richtig Gewichtheben, sondern fangen im Training mit Kraft- und Koordinationsübungen an, die darauf vorbereiten.

Ralf reicht mir eine Hantel, auf welcher noch keine Gewichte angebracht sind. Sie wiegt alleine 2,5 Kilogramm. Ich soll mich etwas breiter als hüftbreit hinstellen und die Füße ein wenig nach außen drehen, sodass ich in einer V-Form stehe. Dann soll ich die Hantel mit gestreckten Armen über mich halten und in die Knie gehen. "Weiter runter, noch ein Stück weiter", weist Ralf mich an. "Die Arme ein Stück weiter nach hinten." Ich folge seinen Anweisungen und fühle mich, als ob ich nach hinten umkippe. Meine Beine und mein Rücken müssen das Gleichgewicht halten.

Nachdem ich das einige Male wiederholt habe, bekomme ich eine 7,5-Kilogramm-Hantel. Ich wiederhole die Übung zunächst, dann kommen die nächsten Schritte dazu. "Ich bringe dir das Reißen jetzt rückwärts bei, so ist es einfacher", erklärt Ralf. Meine Arme hängen jetzt mit der Hantel vor meinem Körper und ich stehe hüftbreit da. Während ich nun meine Arme mit der Hantel nach oben nehme, soll ich in den etwas breiteren Stand springen und dann nach unten gehen. Leichter gesagt als getan. Ich konzentriere mich und nach einigen Versuchen wird es besser.

Die nächsten Schritte sind über dem Knie, dann vom Schienbein und schließlich vom Boden aus zu starten. "Zuerst ganz aufrichten und dann die Arme nach oben", korrigiert mich Ralf, als ich meine Arme mit der Hantel gleich nach oben strecken möchte. "Achte darauf, dass du die Hantel nah am Körper vorbeiführst. Sie darf dich immer ganz leicht berühren."

Wichtig ist dabei auch, nach vorne zu schauen. "Den Blick immer geradeaus richten, nicht zur Seite schauen", erklärt Ralf. Eigentlich soll man an der Hantel auch nicht sprechen, bei mir macht er aber eine Ausnahme, wenn ich eine Frage habe.

Langsam komme ich schon ins Schwitzen. Deshalb mache ich erst einmal eine Pause und schaue den anderen Gewichthebern im Raum zu. Sie lassen die Hanteln nach dem Heben einfach fallen, das ist sehr laut. Neben mir steht Marie, die mir das Reißen am Anfang vorgemacht hat. Bei ihr sind die ganzen Abläufe, die ich mühsam nacheinander gemacht habe, eine fließende Bewegung. Und natürlich hat sie schwere Gewichte auf ihrer Hantel.

Ralfs Schüler bekommen jede Woche einen Trainingsplan, darauf ist vermerkt, wie viele von welcher Übung sie in den Trainingsstunden am Montag, Mittwoch und Freitag machen müssen. Auch wie viel Gewicht sie heben müssen, ist darauf vermerkt. Marie ist im Moment an einer Übung mit 46 Kilogramm. Ich schaue ihr ungläubig zu, wie sie es tatsächlich schafft, ihre Hände mit dem Gewicht nach oben zu strecken.

Auch der kleine Klaus auf meiner anderen Seite reißt bereits 27 Kilogramm. "So viel wiegst du ja nicht mal", sage ich. "Doch, da fehlen noch fünf Kilo", antwortet er grinsend.

Danach bin ich wieder an der Reihe. Nachdem ich ohne Gewichte geübt habe, schraubt mir Ralf jetzt welche auf meine Hantel. Insgesamt habe ich nun elf Kilogramm, die ich reißen soll. Als ich es wieder versuche, merke ich, dass sich vom Gewicht nicht viel verändert hat. Allerdings wird es nach jeder Übung anstrengender, in die Knie und langsam wieder nach oben zu gehen, gleichzeitig die Arme ganz durchzustrecken und die Abläufe richtig durchzuführen. Immer drei Wiederholungen mache ich, dann soll ich eine Pause machen.

Irgendwann, ich bin schon ziemlich am Schwitzen und meine Beine fangen langsam an zu zittern, meint Ralf: "Das reicht für das erste Mal." Und mit einem Grinsen ergänzt er: "Du wirst morgen bestimmt Muskelkater haben." Er sollte Recht behalten – aber Spaß gemacht hat es trotzdem.