Nagold

Ausnahmezustand in Hochdorf

von Axel H. Kunert

Eine Narrenzunft, die es närrischer einfach nicht mehr erwischen kann. Ein glückstrunkener Zunftmeister Sven Katz, der sich seine Stimme fast komplett weg gejubelt hat. Und ein Komponist Thomas Kinne, der den Sieg beim Närrischen Ohrwurm irgendwie noch gar nicht richtig begriffen hat.

Nagold-Hochdorf. Hochdorf im absoluten Ausnahmezustand – am späten Sonntagabend nach der Rückkehr der Daxburghexen, der Maiwaldteufel, der Erdmahle und der Zwosäckle vom großen Sängerwettstreit unten in Singen am Hohentwiel konnte man es im und rund um die Hochdorfer Schützenhütte erleben. Narren komplett außer Rand und Band – wenn es noch eine Steigerung zum überhaupt schon närrischen Treiben gibt.

"Es ist einfach der komplette Wahnsinn", sagt ein irgendwie unter einem glückseligen Schock stehende Tommi Strohäker, der vor knapp eineinhalb Jahren den Anstoß zum jetzt preisgekrönten Hochdorfer "Narrenmarsch" gab. Tommi ist eigentlich Wirt von "Tommis Bistro" in Jettingen, "aber alle meine Kumpels sind in der Hochdorfer Narrenzunft". So trat auch er der Zunft vor 25 Jahren bei. Weil’s "im Evangelischen" sowas sonst ja nicht so oft gibt. "Aber mittlerweile gibt’s die Zunft seit 27 Jahren", da wurde es Zeit für einen eigenen Narrenmarsch. Schlug Tommi seinem Vorstand vor. Und der gab damals grünes Licht, dass Tommi seinem Kumpel aus Jugendtagen, Thomas "Gally" Kinne, anhauen sollte, ob der nicht "so ebbes Passendes" komponieren könnte.

31,2 Prozent! Fast jede dritte Stimme ging nach Hochdorf

Und was der daraufhin nach dem Wunschzettel der Hochdorfer Narren komponiert hat! Am frühen Sonntagabend konnte es der ganze Südwesten im dritten Fernsehprogramm des SWR verfolgen. Und alle, wohl wirklich alle waren elektrisiert: Der Saal in Singen (nomen est omen), den die komplett auf der Bühne angetretene Narrenzunft so richtig "rocken" konnte; selbst die Fans der übrigen elf Teilnehmer-Gruppen des Närrischen Ohrwurms gaben ihren meisten Applaus den Hochdorfern. Die Promi-Jury mit Schauspielerin Ursula Cantieni ("Die Fallers"), Entertainer Hansy Vogt und Sängerin Alexandra Hofmann (Geschwister Hofmann), die ebenfalls den Nordschwarzwäldern ihren ungeteilten Respekt für deren mitreißenden Vortrag zollten. Und schließlich das Fernsehpublikum, das per Telefon-Entscheid mit mehr als deutlichem Vorsprung den Hochdorfer "Narrenmarsch" den Wettbewerbs-Sieg zusprach. 31,2 Prozent! Fast jede dritte Stimme ging nach Hochdorf.

Absolute Zahlen, wieviele Zuschauer sich insgesamt für die Hochdorfer an diesem Abend entschieden haben, werden offiziell zwar nicht genannt. Aber den Offiziellen der Hochdorfer Narrenzunft waren vom Veranstalter hinter vorgehaltener Hand allein über 7500 SMS genannt worden, die für den "Narrenmarsch" gezählt wurden. Ein Ehrfurcht gebietender, unerreichter Allzeitrekord bei dieser Veranstaltung, die heuer immerhin zum zehnten Mal ausgetragen wurde.

Und die – um das noch einmal mit den Worten von Tommi Strohäker zu betonen – ja "im Katholischen" stattfand, wo man bisher die "evangelischen Fasnachts-Zünfte" irgendwie nicht besonders ernst genommen hat. Was sich jetzt sicher ein für alle Mal nachhaltig geändert haben wird.

Ein großes Dankeschön für die "bärenmäßige Unterstützung"

Auf dem Rückweg vom Bodensee in den Nordschwarzwald machten die beiden Hochdorfer Busse der Narrenzunft noch kurz Station in Eutingen an der Festhalle, um beim dortigen Zunftball ein großes Dankeschön für die "bärenmäßige Unterstützung" (Zitat Sven Katz) von dort abzugeben. Aber dann ging’s nach Hause, wo auf die Schnelle eine riesen Gewinner-Party organisiert worden war – mit reichlich Freibier von der Hochdorfer Brauerei und weiterer spontanen "feuchtfröhlicher Unterstützung" vom Hochdorfer Ortschaftsrat, zu dessen "inoffiziellen Sprecher" im Überschwang der Gefühle sich kurzerhand Ortschaftsrat Frank Stetter machte. "Wenn’s der Ortschaftsrat nicht mitträgt, nehm’ ich diese Zeche auf meine private Kappe." Aber wer kann nach einem solchen Erfolg dieser Truppe noch widerstehen?

Und dann wurde die entfesselt tobende Menge in der Schützenhütte doch noch einmal – na ja: fast – ernst: als sich Zunft-Vorstand Sven Katz beim Komponisten Thomas Kinne für diesen immer noch einfach unfassbaren Erfolg bedankte. "Ohne dich, Gally, hätten wir das nie erreicht." Und Kraft seines Amtes, auch ohne vorliegenden Vorstandbeschluss, ernannte Katz unter den wieder maßlos tobenden Jubel seiner Zunft Thomas Kinne zum Ehrenmitglied der Hochdorfer Narren auf Lebenszeit.

Komponist Thomas Kinne selbst konnte all das irgendwie auch Stunden nach der Siegerehrung in Singen immer noch nicht ganz realisieren. Kurz rechnet der ja bereits in vielen Formationen und Bands erfolgreiche Musiker und Produzent nach, und, tatsächlich, "eigentlich ist das mein allererster Preis, den ich jemals für meine Musik gewonnen habe." Und das wiegt für ihn umso mehr, als er ja auch im letzten Jahr mit seiner eigenen Blödel-Formation "Odeng" beim Närrischen Ohrwurm des SWR angetreten war – und damals nur "unter ferner liefen" platziert wurde.

Jetzt also der Sieg, bei dem alles passte, alles klappte. Und auch die Erfahrung vom letzten Jahr natürlich einfloss: Das Geheimnis des Sieges seien "die Hochdorfer Kinder auf der Bühne" gewesen. "Und soviele Akteure wie möglich aus allen Generationen." Allein dieser versammelten Wucht konnte sich keiner im Saal und vor den Fernsehgeräten widersetzen. Kein Wunder, dass zur Feier-Hymne des Abends wurde: "So sehen Sieger aus!"