Nagold

"Alte Post" serviert künftiges Deftiges statt Gourmet-Küche

von Peer Meinert

Nagold - In Nagold geht eine Ära zu Ende – die Ära der Gourmet-Küche. Der neue Eigentümer der "Alten Post" setzt eher auf Alltags-Küche. Dafür soll das schönste Gebäude Nagolds kräftig saniert werden.

Gastronomische Wende in Nagold: Die altehrwürdige "Alte Post" gibt ihren kulinarischen Anspruch auf. Statt Schlemmen wie Gott in Frankreich, statt gehobener Küche auf Gourmet-Niveau soll es künftig eher Deftiges geben. Doch viel wichtiger: Das schönste Gebäude der Stadt soll saniert werden. Als neuer Eigentümer zeichnet BIN Boysen Innovationszentrum Nagold – den Ton gibt Boysen-Chef Rolf Geisel an. Oberbürgermeister Jürgen Großmann gibt sich geradezu entzückt über diese Entwicklung.

Lokal seit fast sechs Monaten geschlossen

Blick zurück: Seit fast sechs Monaten ist das 350 Jahre alte Traditionslokal geschlossen – das denkmalgeschützte Fachwerkgebäude mit dem imposanten Wirtshausschild mutet an wie eine offene Wunde im Herzen der Stadt. Offiziell wurden als Grund der Schließung Personalprobleme angegeben – doch das Restaurant erlebt bereits seit Jahrzehnten eine schmerzhafte Berg- und Talfahrt.

Nun springt Boysen ein. BIN Boysen habe sich nur zum Kauf entschlossen, "da es seit Monaten niemanden gab, der in die Alte Post investieren wollte", so Rolf Geisel. "Der einzige Grund ist, dass das Gebäude der Alten Post als Wahrzeichen der Stadt Nagold erhalten bleibt – in einem guten Zustand, ohne wirtschaftlichen Druck."

Zur Küche äußert Geisel die Hoffnung, dass "es vielleicht gelingt, ohne den massiven wirtschaftlichen Druck daraus ein Lokal mit süddeutscher Küche zu machen mit Bistro und Café". Mit Blick auf das Angebot fügt Geisel hinzu - "vom Schnitzel bis Wurstsalat oder Strammer Max". Sterneküche werde es nicht mehr geben, "völlig unwirtschaftlich".

Konkret bedeutet dies, dass Boysen die obere Etage der "Alten Post" – dort, wo in vergangenen Jahren auf Sterne-Niveau serviert wurde – nur noch für Veranstaltungen nutzen will. Im Parterre des Hauses wurde zwar schon in den vergangenen Jahren schwäbisch-bürgerliche Küche kredenzt – allerdings mit Anspruch und stellenweise mit kreativem Einschlag. Doch auch hier blieb der Zuspruch der Gäste eher zurückhaltend.

Dass Haute Cuisine in Nagold keine Zukunft hat – darüber sind sich alle einig. "Alles Geschichte, zu ambitioniert, ist nicht zu machen", so Großmann. Der OB ist "zutiefst überzeugt", dass Geisel ein tragfähiges Konzept entwickelt und plädiert für ein "gutes gastronomisches Angebot". Und auch Hans Nock, Sprecher der bisherigen Eigentümergesellschaft, die die "Post" jetzt verkaufte, sieht für wirklich gehobene und entsprechend teure Kulinarik in Nagold schlichtweg keinen Platz.

Tatsächlich ist die Konkurrenz in Sachen elaborierte Schlemmerei beinhart – und nirgends so beinhart wie in Baden-Württemberg. Sage und schreibe 74 Sterne-Restaurants gibt es im Südwesten, mehr als in jedem anderen Bundesland. Zudem liegt Deutschlands Gourmet-Hochburg Baiersbronn, wo die beiden Drei-Sterne-Tempel "Hotel Traube Tonbach" und "Restaurant Bareiss" beheimatet sind, praktisch vor Nagolds Haustür.

Allerdings, wie deftig und alltagstauglich die künftige Speisekarte in der "Alten Post" tatsächlich ausfallen dürfte, scheint noch nicht ganz geklärt zu sein. Immerhin: "Verwirklichen Sie Ihre Gastronomischen Träume!", heißt es in einer Anzeige Boysens. Klingt das nach ausschließlich Strammer Max und Schnitzel? Und ausdrücklich heißt es weiter: "Sie bekommen jegliche Unterstützung zum Aufbau Ihrer Selbstständigkeit." Gesucht wird "ein engagiertes qualifiziertes Pächterpaar oder Team mit Berufserfahrung zur gastronomischen Weiterentwicklung unseres Hauses". Das klingt durchaus ambitioniert und verheißungsvoll. Man darf also gespannt sein.

Ein Kulturdenkmal in der Stadt

Ob sich schon jemand auf die Anzeige gemeldet hat, ob ein konkreter Termin zur Wiedereröffnung avisiert wird, das wurde allerdings zunächst nicht bekannt.

Wichtig und erfreulich für alle Nagolder: Ganz offenbar ist eine kräftige Sanierung des stark sanierungsbedürftigen Gebäudes angesagt. "Als Wahrzeichen...erhalten bleiben...in einem guten Zustand", betont denn der oberste Boysen-Chef.

Großmann nennt das ehrwürdige Fachwerkgebäude "eines der Kulturdenkmäler in der Stadt", auf das "in den kommenden Jahren erhebliche Sanierungsaufwendungen zukommen werden".

"Deshalb braucht es gute und starke Partner", fügt der OB hinzu – offenbar auch mit Blick auf einen unzufriedenen Mitbewerber für die "Alte Post", der beim Kauf nicht zum Zuge gekommen war. Einen ersten Schritt in Richtung Sanierung habe die Stadt Nagold bereits getan. "Die Stadt hat das denkmalgeschützte Gebäude in das Sanierungsgebiet Nagold Mitte/Nord aufgenommen." Dies bedeute, dass Mittel des Bundes, des Landes und der Stadt, "den finanziellen Rahmen" für eine Sanierung verbessern können. Wie eine Sanierung konkret ausfallen könnte, ist freilich noch nicht bekannt.

"Da ging es nicht nur um den höchsten Preis"

Tatsächlich hatte der Nagolder Gastronom Fetah Krasniqi heftig gegen den Verkauf an Boysen protestiert. Er habe ein "wesentlich höheres" Angebot vorgelegt, allein für die obere Etage hätte er 400.000 Euro geboten. Doch die Eigentümergesellschaft habe nicht einmal sein gastronomisches Konzept anhören wollen. Dabei habe er das "Post Café" von 2001 bis 2012 zehn Jahre lang höchst erfolgreich geführt. Krasniqi: "Wir waren das beliebteste Café Nagolds." Offenbar sei beim Verkauf die Stimmung gegen ihn geschürt worden, klagt Krasniqi, der aus dem Kosovo stammt, seit 1991 in Nagold lebt und einen deutschen Pass hat. "Etwas läuft massiv falsch in Nagold."

Das sieht die Eigentümergesellschaft anders. Zwar will sie den Verkaufspreis nicht nennen. "Da ging es nicht nur um den höchsten Preis", meint Sprecher Hans Nock. "In den nächsten Jahren stehen ganz erhebliche Investitionen an." Da sei Boysen schlicht als geeigneter Käufer erschienen. "Die ›Alte Post‹ braucht dauernd viel Aufmerksamkeit und Pflege."