Monet-Ausstellung in Basel

Wie ein Bad in reiner Schönheit

von Hans-Dieter Fronz

Basel - „Sie, / Wie Maler, bringen zusammen / Das Schöne der Erd’“, lesen wir bei Hölderlin. Auf einen Maler, noch zu Lebzeiten Hölderlins geboren, passt das Dichterwort wie kaum auf einen zweiten. Auf seinen vielen Reisen hat Claude Monet das Schöne der Welt nicht nur in einer Fülle zusammengetragen wie wenige andere Künstler. Von den vielen schönen Bildern, die wir dem Impressionismus verdanken, sind die schönsten vielleicht von seiner Hand. Und so schwelgt die Fondation Beyeler in ihrer aktuellen Ausstellung mit dem kunstvoll-schlichten Titel „Monet“ in Schönheit, lässt den Besucher darin förmlich baden. Es ist der Auftakt zum Jubiläumsjahr: Vor zwei Dezennien wurde der so bestechend elegante wie funktionale Museumsbau von Renzo Piano am Rande von Riehen, dort, wo die Kleinstadt bei Basel in die Natur übergeht, eröffnet. Zur Feier gibt’s jetzt für jeden, der nicht älter als 25 ist, freien Eintritt. Doppeltes Glück für die Jugend!

Ästhetik verbindet sich mit Modernität

Von Beginn an war Monet einer der zentralen, wenn nicht der zentrale Künstler der Sammlung. Mit einer Kathedrale von Rouen und zwei kleineren Seerosenbildern besitzt das Museum wichtige Werke; mit dem aus drei aneinander gefügten Tafeln bestehenden, mehr als neun Meter messenden „Bassin aux nymphéas“ („Der Seerosenweiher“) zudem ein herausragendes Spätwerk; nebenbei das späteste Bild der Schau. Für die Dauer der Ausstellung hat es seinen angestammten Platz im westlichsten Teil des Gebäudes, wo es als Teil der Schausammlung durch die Glaswand hindurch mit dem realen kleinen Seerosenteich kommuniziert, verlassen und bildet nun in einem eigens dafür geschaffenen Raum im östlichen Bereich den glanzvollen Abschluss des Parcours. Zu dem exquisiten Monet-Ensemble der Fondation gesellen sich in der Schau annähernd sechzig Gemälde aus bedeutenden Ausstellungshäusern – dem Musée d’Orsay, der Tate London oder dem Museum of Modern Art in New York – sowie aus Privatbesitz.

Unbestreitbar schön sind Monets Bilder - sind sie aber auch „nur“ schön? Keineswegs. Schönheit, die zentrale Kategorie der traditionellen Ästhetik verbindet sich bei Monet mit Modernität. Als einen Wegbereiter der Moderne, für die Schönheit ja nicht länger das Kriterium eines Kunstwerks ist, möchte Kurator Ulf Küster den Maler sichtbar machen. Schon einmal tat dies an selber Stelle vor fünfzehn Jahren die Ausstellung „Claude Monet … bis zum digitalen Impressionismus“, indem sie Monets Wirkung auf die Zeitgenossen und die Nachwelt untersuchte. Die aktuelle Schau beschränkt sich demgegenüber ganz auf Monet selbst. Ja, sie schränkt sich im Hinblick auf sein überschwänglich reiches Oeuvre zeitlich wie motivisch stark ein.

Die Malerei emanzipiert sich von der Wirklichkeit

So soll sich Monets Modernität allein aus der Landschaftsmalerei der Jahre zwischen etwa 1880 und 1905 erhellen – „Landschaft“ hier verstanden auch im Sinne von Stadtlandschaft, wie sie etwa in den London-Ansichten ins Bild tritt. Die Eckpunkte sind mit Bedacht gewählt. Um 1880 vollzieht sich in Monets Leben und Werk ein Umbruch. Camille, seine Ehefrau, war 1879 gestorben. Und als Pionier des Impressionismus war Monet mittlerweile anerkannt, erzielte er mit seinen Bildern Preise, die ihm ein auskömmliches Dasein sicherten. Auch Reisen waren jetzt möglich. Künstlerisch aber hatte Monet eine neue Stufe erreicht, indem er, Ausdruck wachsender Reflektiertheit, mit malerischen Mitteln das Malen selbst zum Thema machte. Dieser Prozess, der im Spätwerk kulminiert, an dessen Rand die Schau den Besucher ganz am Ende mit einigen frühen Seerosenbildern führt, ist das heimliche Thema der Schau.

Die flirrende Pinselschrift

Als Impressionist gehört Monet einer Kunstbewegung an, die Richtung auf Peinture pure nimmt, auf reine Malerei in Analogie zur Poésie pure, einer Strömung in der damaligen Dichtung. In der flirrenden impressionistischen Pinselschrift lösen die Konturen der Dinge sich auf – der entscheidende erste Schritt zur Emanzipation der Malerei von der Wirklichkeit, ihrer malerischen Aufhebung in ein Spiel aus Licht und Farbe. In Monets Bild „Die Weiden, Giverny“ von 1886 gelangt diese Augen kitzelnde Kunst zu früher Konsequenz und Radikalität. Denkt man sich die dunklen Baumstämme und Äste weg, besitzt Landschaft hier keinen Anker mehr im Bild. Sie löst sich auf in reine Farbe, ein Informel aus Farbpunkten und nackten, keineswegs mehr die Konturen der Dinge nachfahrenden Pinselstrichen. Dass wenige Jahre später Wassily Kandinsky ein Monet-Bild mit dem Motiv eines Heuschobers auf freiem Feld – vermutlich war es das in Riehen ausgestellte aus dem Kunsthaus Zürich –, als erstes abstraktes Gemälde der Kunstgeschichte im eigenen Werk aufgreift, verwundert unter diesen Prämissen nicht.

Das britische Parlament wirkt dunkel-unwirklich, geisterhaft

Wasser, das Element der alles Sichtbare verflüssigenden Kunst des Impressionismus, ist als Flusslauf und Meer (nach dem der Maler, wie er einmal bekennt, „verrückt“ ist), ja selbst als nebliger Dunst wie in den London-Bildern bei Monet schon früh das Spielfeld einer malerischen Entgrenzung und Entmaterialisierung – im Phänomen der Spiegelung. Bereits Monets erstes erhaltenes Bild zeigt im Wasser sich spiegelnde Pappeln. In Riehen kommen keine zehn Bilder ohne diese beiden Elemente aus: Wasser und Spiegelphänomene.

Die Stadt mutiert im Spiel der Elemente

Im informell verschwimmenden Spiegelbild des Wirklichen übt sich eine Kunst, die sich mehr und mehr von der Realität abwendet und als eigene Wirklichkeit zur Geltung bringt. Das Städtchen Antibes erscheint im gleichnamigen Gemälde von 1888 im verschwimmenden Spiegelbild im Wasser des Hafens wie entmaterialisiert, Vétheuil (1901) im Spiegelbild der Seine als verführerische Fata Morgana nach unten. Das Spiegelbild der als glutroter Ball am nebligen Himmel stehenden Sonne in einem London-Bild aber zerläuft im Wasser der Themse in ein Informel aus roten Farbschlieren.

Überhaupt mutiert die Stadt im Spiel der Elemente Wasser und Nebelluft zur düsteren Schimäre. Gerade noch, dass die in Dunst gehüllten, kaum mehr erahnbare Waterloo-Bridge oder Charing Cross Bridge einiger Gemälde als dürres Korsett des Wirklichen das Umkippen der Komposition in pure Abstraktion, ihr vollständiges Abdriften in Farbe verhindern. Das altehrwürdige englische Parlament erscheint in zwei Bildern von 1904 als dunkel-unwirkliches, geisterhaftes Schemen. Ganz zuletzt, am Ende des Parcours, taucht der Besucher dann im neun Meter breiten museumseigenen „Bassin aux nymphéas“ visuell in eine Welt aus reiner Farbe ein, in der das Ufer des Gegenständlichen vollständig aus dem Blick gerückt ist.

Fondation Beyeler, Baselstr. 77, Basel-Riehen. Bis 4. September 2017, täglich von 10–18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.