Millionenschäden

So tobte das Unwetter in der Region

von Martin Dold, Armin Schulz, Gert Ungureanu, Marc Eich und Frank Krause

Horb/Rottweil/Balingen/Villingen-Schwenningen/Reutlingen - Äste auf den Straßen, vollgelaufene Keller, zerstörte Dächer, kaputte Fenster: Gestern ist das ganze Ausmaß des Unwetters vom Sonntag deutlich geworden. Vor allem in Reutlingen und Umgebung. Kein Stadtviertel blieb unbeschadet. Die Reutlinger erschütterte der größte Hagelsturm Baden-Württembergs: »In dem Ausmaß haben wir das noch nicht erlebt«, sagt Harald Herrmann, der Einsatzleiter der Reutlinger Feuerwehr.

Stadt Reutlingen

Autos weisen golfballgroße Dellen auf, Ampeln sind ausgefallen, in den Straßen stockt der Verkehr. Von Bäumen und Sträuchern sind zum Teil nur noch Astskelette übrig, das Laub häuft sich auf Gehwegen und Straßen – an manchen Stellen meterhoch. Dachziegel und Glasscherben liegen überall verstreut. Das Stadtbild erinnere an die Verwüstungen eines Bürgerkriegs, sagt Oberbürgermeisterin Barbara Bosch.

Das Unwetter hat eine Spur der Verwüstung durch die Stadt gezogen. Studentenwohnheime, Kindergärten und Schulen sind beschädigt, auch ein Klinikum sowie die Stadthalle, deren Untergeschoss überflutet wurde. Rund 70 Verletzte sind gemeldet, es sind vor allem Schnitt- und Platzwunden.

Bis in die Nacht zum Montag hatte der Einsatz von Feuerwehr, Technischem Hilfwerk und anderen Rettungskräften gedauert. Und gestern geht es sofort weiter. Dauerregen lässt den Helfern keine Pause. Fast 2000 Feuerwehreinsätze werden im Landkreis erfasst. Über 800 Einsatzkräfte und 123 Fahrzeuge sind unterwegs. Aus ganz Baden-Württemberg wird Unterstützung angefordert.

Kreis Tübingen

Ein schweres Unwetter mit Blitz, Hagel und heftigen Sturmböen zog auch über den Kreis Tübingen hinweg. Zwischen 17 und 18.30 Uhr am Sonntag registrierte alleine die Polizei über 200 Notrufe. Personen kamen bis auf einen Fußgänger, der eine leichte Verletzung durch den Hagel erlitt, nicht zu Schaden. Die Schäden waren so immens, dass einige Industriebetriebe in Rottenburg gestern nicht produzieren konnten. Zerstört wurde auch der Wein in der Rottenburger Neckarhalde. Die Hagelkörner mit einer Größe von Tischtennisbällen zerfetzten zahllose Fenster- und Autoscheiben.

Ein Erdrutsch legte zeitweise den Verkehr zwischen Rottenburg und Bad Niedernau lahm, während zwischen Frommenhausen und Wachendorf aufgrund von umgestürzten Bäumen nichts mehr ging.

Schwarzwald-Baar

Dauerregen sorgte im Schwarzwald-Baar-Kreis für zahlreiche Überflutungen. Besonders stark betroffen war vor allem der südliche Teil des Kreises. Rund um St. Georgen wurden überflutete Straßen gemeldet, betroffen war auch die Bundesstraße 33. In Peterzell kämpfte die Feuerwehr in zwei Fabriken gegen den Wassereinbruch, in Teilen der Produktionsstätten stand bereits das Wasser. »Die Firma droht uns abzusaufen«, erklärte ein Kommandant vor Ort. Schuld war dabei das Übertreten eines Baches, der die Wassermassen nicht mehr aufnehmen konnte. Augenzeugen berichten von Zuständen »wie zur Schneeschmelze«. Auch aus weiteren Gemeinden wie Unterkirnach, Buchenberg und Fischbach wurden Überschwemmungen gemeldet, zu Schäden konnte die Polizei derweil noch nichts sagen.

Kreis Rottweil

Nach und nach erhöht sich die Schadensbilanz im Kreis Rottweil. Betroffen von Sturm und Hagel war vor allem der westliche Teil des Landkreises. In Rottweil und Umgebung hingegen blieb es weitestgehend ruhig. So berichtet die Stiftung St. Franziskus-Heiligenbronn in Schramberg davon, dass das Unwetter etliche Gewächshäuser des eigenen landwirtschaftlichen Betriebs zerstört habe. Die Stiftung rechnet mit einem Schaden in sechsstelliger Höhe.

Einbußen von 80 Prozent der Ernte auf seinem Apfelgut in Sulz-Hopfau befürchtet Bernd Neuner-Duttenhofer. Wie sich die aufgeschlagenen Äpfel entwickeln würden, war für den bekannten Buchautor und Fernsehkoch gestern noch nicht absehbar. Da komme es auf das Wetter an, sagt er. Regen indes würde die Aussichten weiter verschlechtern. Eines sei aber sicher, so Neuner-Duttenhofer: »Tafelobst wird es sehr, sehr wenig geben.« Die andauernden Regenfälle bis gestern Nachmittag haben zu weiteren Einsätzen geführt.

Auch gestern Abend war die Situation mancherorts noch kritisch: Die Eschach, eigentlich ein kleiner Bach, braucht Platz. Innerhalb kurzer Zeit wird sie gestern Abend zu einem kalten See, der einen Zeltplatz bei Bühlingen in der Nähe von Rottweil unter Wasser setzte. Das war der Moment, in dem die Gruppe aus Leibertingen (Kreis Sigmaringen) einen Notruf absetzte. Die 45 Kinder und ihre 15 Betreuer brachten ihre Sachen auf einer höher gelegenen Wiese in Sicherheit, die Feuerwehr evakuierte das Ferienlager. Verletzt wurde niemand. Mit Feuerwehr- und Polizeitransportern wurden die Leibertinger in die Bühlinger Halle gebracht, wo sie zunächst unterkamen.

Übel getroffen hat es Dornhan. Die dortige Kirche steht zurzeit wegen Renovierungsarbeiten sowieso ohne Dach da. Der Sturm blies jetzt auch noch die Schutzplanen herunter. Feuerwehren aus Sulz und Rottweil halfen den örtlichen Kollegen, das Haus wieder dicht zu bekommen. Die gestern anhaltenden Regenfälle verschlimmerten indes die Situation. Nach ersten Schätzungen liegt der Schaden bei 300.000 Euro.

In Schramberg musste die Feuerwehr mehrfach ausrücken, weil Wasser in verschiedene Gebäude eingedrungen ist, darunter in eine Schule, eine Sporthalle, eine Tennishalle und in einen Supermarkt. Der Bach beim Berneckstrand drohte zeitweise über die Ufer zu schwappen und dortiges Baustellenmaterial wegzuschwemmen. Registriert wurden auch kleinere Erdrutschungen an den Berghängen in der Talstadt. Insgesamt haben die Hagelgeschosse viele Autos demoliert sowie Fensterscheiben zerstört.

Zollernalbkreis

Die meisten Städte und Gemeinden im Zollernalbkreis blieben vom Unwetter verschont. Betroffen waren vor allem die Gemeinde Rangendingen und Teile von Owingen. Dort hatten die Feuerwehren aus Hechingen, Haigerloch und Rangendingen im Lauf der Nacht mindestens 80 Einsätze. Laut Kreisbrandmeister Stefan Hermann waren etwa 80 Feuerwehrleute der drei Wehren hauptsächlich damit beschäftigt, kaputte Dächer abzudichten, überflutete Keller auszupumpen und Äste zu beseitigen, die auf die Straße gefallen waren. Innerhalb kürzester Zeit waren etwa 60 Keller in Wohnhäusern vollgelaufen, durch starke Windböen wurden Bäume entwurzelt; der Hagelschauer beschädigte Gewächshäuser, Dachfenster und Fahrzeuge. Der Gesamtschaden kann laut Polizei noch nicht beziffert werden; die Landwirte gehen davon aus, dass allein der Schaden an der Ernte in die Zehntausende geht.

Region Stuttgart

Während die Landeshauptstadt am Sonntag vom Unwetter weitgehend verschont geblieben war, sorgte der Dauerregen gestern teilweise für chaotische Verhältnisse. Polizei und Feuerwehr sind im Dauereinsatz.

Aber auch in der Region sorgte das Wetter für Unbill. Beim Einsturz eines Fabrikhallendachs in Nürtingen-Zizishausen entstand ein Schaden von 100 000 Euro. In Böblingen lief die Tiefgarage der Kreissparkasse voll; in Sindelfingen schichtete die Feuerwehr Sandsäcke um den Klostersee, um dessen Überlaufen zu verhindern.

Versicherungen und ADAC im Stress

Auch an anderen Stellen gibt es hektische Betriebsamkeit. »Unsere Straßenwacht hatte allein am Sonntag zwischen 16 Uhr und 19 Uhr etwa 400 zusätzliche Einsätze«, sagt etwa ADAC-Sprecher Reimund Elbe. »Vielen Autofahrern wurden die Scheiben zerschlagen und sie konnten nicht mehr weiterfahren«, sagt Elbe. Auch gestern waren die Abschleppwagen noch im Einsatz, um Autos, die am Sonntag nur provisorisch abgestellt werden konnten, in eine Werkstatt zu bringen. Bei den Versicherungen herrschte gestern ebenfalls Hochbetrieb. Die Württembergische Gemeindeversicherung (WGV) fürchtet, dass die Unwetter in Baden-Württemberg die größten Schäden in der Geschichte des Unternehmens angerichtet haben könnte. »Viele Fahrzeuge könnten auch Totalschaden erlitten haben«, fürchtet Hans-Joachim Haug, Vorstandsvorsitzender der WGV-Versicherungen.