Meßstetten

Was an "O sole mio" russisch ist

von Werner Lissy

Zum wiederholten Mal hat das Vokalensemble "Russische Seelen" ein Konzert in der evangelischen Lamprechtskirche in Meßstetten gegeben. Auf dem Programm standen geistliche Musik der orthodoxen Kirche und russische Volkslieder.

Meßstetten. Rimma Egorutina, Wladimir Matygulin, Alexej Buzakin und Felix Zaretskij sind keine Unbekannten in Meßstetten – umso herzlicher begrüßte Pfarrerin Susanne Stephan die Gäste aus Russland und versäumte es nicht, dem Ältesten von ihnen zu gratulieren: Felix Zaretskij feierte an diesem Tag seinen 81. Geburtstag. Die Besucher ließen sich darauf nicht bitten und intonierten sogleich im Kanon musikalische Glückwünsche: "Viel Glück und viel Segen".

Wofür sich Zaretskij auf Deutsch bedankte – er war es auch, der im Folgenden das Programm moderierte und Erklärungen zu den einzelnen Liedern gab. Die musikalische Leitung oblag wiederum Wladimir Matygulin. Bereits im ersten Beitrag, einer Vertonung des Psalms 33 mit dem Titel "Beresovski" wurden Stimmgewalt und Ausdruckskraft des Ensembles deutlich. Ein ums andere Mal ergänzten die Solostimmen von Sopranistin Rimma Egorutina, Tenor Matygulin, Bariton Alexej Buzakin und dem in tiefster Basslage singenden Felix Zaretsky wirkungsvoll das Klangbild, um am Ende zu einem voluminösen Gesamtklang zu verschmelzen.

Dabei wurde besonders im zweiten Konzertteil deutlich, was das ist: "russische Seele". Mit großer Intensität und mal offener, mal verhaltener Leidenschaft vermittelten die vier Sangeskünstler in ihren Interpretationen russischer Volkslieder einen Eindruck davon, wie Russland lebt, denkt und fühlt. Vor dem geistigen Auge sah man Schwalben fliegen, im Kosakenlied erkannte man einen temperamentvollen Tanz; man vernahm das Läuten der Abendglocken und empfand die Heiterkeit im ukrainischen Scherzgesang, bei dem sogar den Interpreten ein Lächeln über die Lippen huschte. Man ließ sich vom Donkosakenlied mitreißen und schmolz angesichts der glühenden "Schwarze Augen" hin.

Am Ende geizten die begeisterten Zuhörer nicht mit rauschenden Applaus – und bekamen zum Dank dafür eine nur scheinbar unrussische Zugabe zu hören: das urneapolitanische "O Sole mio", zu dessen Melodie Eduardo Di Capua inspiriert wurde, als er 1898 mit dem Neapolitanischen Staatsorchester auf Konzertreise durch das Zarenreich war und in seinem Hotelzimmer in Odessa nachts vor Heimweh nicht schlafen konnte. Das Zimmer hatte offenbar Blick nach Osten, denn Di Capua sah die Sonne, als sie am Morgen aufging – "O sole mio – o meine Sonne" war geboren. Dem Lied ließ Geburtstagskind Zaretskij seinen innigen Dank folgen – an den Kirchengemeinderat, an Pfarrerin Stephan, ganz besonders an Maria und Adolf Ast, die die vier Sänger beherbergten, und nicht zuletzt an das begeisterte Meßstetter Publikum.