Löffingen

Auf den Spuren der frühen Pilger

von Angele Kerdraon

Wahlfahrtsorte bieten in unserer modernen und hektischen Zeit stille Rückzugsmöglichkeiten. Ein solcher Ort ist auch die Wallfahrtskirche Witterschnee, mit deren Historie sich der Geschichtsforscher Werner Waßmer intensiv beschäftigt hat.

Löffingen. "Es ist immer wieder faszinierend und interessant, wie Herr Waßmer die Löffinger Geschichte den Menschen näher bringt", freute sich Rita Bölle vom Schwarzwaldverein, die den geschichtlichen Abendspaziergang organisierte. Wie interessiert die Löffinger an ihrer Stadtgeschichte sind, bewiesen 25 Bürger, die mehr erfahren wollten.

Schon auf dem Weg zum Schneekreuz, wie die Einheimischen ihren Wallfahrtsort gerne nennen, führte Waßmer die Teilnehmer ins vergangene Löffingen, das einst von der Wallfahrerschar, die durch das Maienländer Tor zur "Witterschnee-Kapelle" pilgerte, wirtschaftlich stark profitierte. Mit Hilfe alter Zeichnungen und Fotografien dokumentierte der Pädagoge im Ruhestand die teilweise große Veränderungen der Häuser, die modernisiert und der heutigen Zeit angepasst wurden.

"Eigentlich war das Maienländer Tor damals nur ein Durchschlupf", erklärte Waßmer. Hinter dem Tor entstanden schon um 1700 neue Häuser, die beiderseits der Straße fundiert benannt wurden. Natürlich erforderten die Pilgerströme Kost- und Logismöglichkeiten. Zwölf Gasthäuser entstanden, wie der vor Jahren abgebrannte Pilgerhof (1871 gebaut) oder das Gasthaus Witterschnee, dessen Bau 1877 dokumentiert ist. Auch Häuser mit kleinen "Lädele" gab es am Pilgerweg und alte Brunnen. "Das ist ein Teil von Löffingen, der leider heute verschwunden ist", bedauerte Waßmer.

An der Wallfahrtskapelle angekommen, führte der abendliche Spaziergang zur Verwunderung der Löffinger am Eingang der Wallfahrtskirche vorbei zur Rückseite der Kirche. "Hier fängt die eigentliche Geschichte "Witterschnee" an, überraschte Waßmer mit seiner Aussage. "Genau hier, wo sich die Mauer befindet, stand ein alter Lindenbaum auf einem Feld von weitem Schnee ohne Orientierungspunkt", versuchte Waßmer die damalige aussichtslose Situation des Mannes, der im Jahr 1732 sozusagen den Grundstein für den Wallfahrtsort "Witterschnee" legte, zu verdeutlichen.

Der Name des Gewanns "Irtisne" im Sinne von weiter Schnee, entstand im elften Jahrhundert und aus diesem Dialektwort wurde "Witterschnee"; erläuterte Waßmer den Namensursprung. In seinem Vortrag verwies er auf die verschiedenen Informationsquellen, wie seine eigenen Recherchen im Stadt- und Pfarrarchiv, den Kirchenführer von Pfarrer Manfred Herrmann, die Magisterarbeit von Maria Ida Fink aus Sigmaringen und an die Versionen von Pfarrer Friedrich Kaier. Angelehnt hat sich Waßmer in seinen Ausführungen an einem Verfasser, den Fink in ihrer Magisterarbeit "Anonymus" nennt.

Bei "Anonymus" ist es entgegen anderer Ausführungen kein Wanderer, sondern ein Mann, der damals unterwegs war und in den Schneesturm geriet, wobei ihn die Kräfte verließen. Dem Tode nahe, gelobte er, bei einer Rettung, als Dank ein Kreuz zu errichten. In der Ferne vernahm er ein Glöcklein. Es war das Feierabendglöcklein Löffingens, das zum Verlassen der Wirtschaften aufrief. Außerdem hörte er nahende Männerstimmen von Holzfällern auf ihrem Heimweg.

Sie entdeckten den Gestrandeten und nahmen ihn mit nach Hause, um ihn zu pflegen. Wieder gesund, machte er sein Versprechen wahr und errichtete das versprochene Kreuz mit der Figur eines Heilands auf dem Platz vor einem Lindenbaum.

"Weithin sichtbar stand das Kreuz im Winter mitten im Schneefeld, und für die Bevölkerung war es das Schneekreuz", erinnerte Wassmer an den Ursprung. Nach einiger Zeit fiel das morsche Kreuz um und der in der Nähe wohnende Ziegler nahm die Christusfigur mit nach Hause. "Fast wäre es in Vergessenheit geraten, aber Menschen, die am ehemaligen Platz des Kreuzes vorbei kamen, hörten ein Jammern und Stöhnen, weshalb sie ein neues Kreuz errichteten, das sie mit dem alten Christus in einer überdachten Nische geschützt anbrachten", erklärte der Heimatforscher. Das war 1751/52. "Damals war Löffingen schon Wallfahrtsort", erinnerte Waßmer.

Beeindruckt waren die Teilnehmer von der Holzkapelle, die mit Heiligenbildern, Kreuzen, Krücken und kleinen Dankgebeten dekoriert ist.

Der große Pilgeransturm und der Wunsch der Löffinger Einwohnerschaft eine neue Kapelle zu erbauen, keimte 1890 auf. Ein Bauantrag wurde 1891 eingereicht und vom Stiftungsrat aufgegriffen. 1894 stellte die Stadt Löffingen das Gewann Witterschnee mit elf Ar zur Verfügung. Die alte Holzkapelle wurde an den heutigen Standort versetzt und die über 200 Jahre alte Linde mußte dem Neubau weichen. Grundsteinlegung war 1894 und 1901 weihte Erzbischof Thomas Nörber die Kirche ein.

Der Bau kostete 72 000 Mark, die Summe wurde teilweise von Spendern, Opfergaben von Wallfahrern und von Haussammlungen und Kollekten aufgebracht. Die Altäre hat der Bildhauer und Maler Josef Simmler aus Offenburg geschaffen. In dem nur zu bestimmten Feiertagen aus Sicherheitsgründen geöffneten Flügelaltar stehen zwölf Apostel. Daraus wurden 1979 zwei Figuren gestohlen. Zwei Monate später konnten sie bei einem Kunsthändler in Koblenz sichergestellt und zurückgegeben werden.