Landwirtschaft

Wachstum auf Gedeih und Verderb

von Thomas Faltin

Biberach - Die Kuh Bettina kann extrem hartnäckig sein. Schon zum sechsten Mal drängt sie an diesem Nachmittag in den Melkstand, obwohl der Roboter sie immer wieder abweist – ein Sender um den Hals verrät ihm, dass sie erst vor Kurzem gemolken wurde. Die Extraportion Kraftfutter, wegen der die Kühe gern in die vollautomatisierte Melkmaschine traben, bleibt Bettina erneut versagt.

Bis zu 70 Kühe pro Tag schafft der Melkroboter im Stall von Alexander Keller, dem Juniorchef auf dem Talhof in Gutenzell-Hürbel (Kreis Biberach). Im Moment haben er und seine Eltern Hans und Rita Keller aber 230 Tiere im großen offenen Stall stehen; hinzu kommen 150 Jungtiere. Damit betreiben sie einen der größten Milchviehbetriebe unter den 1200 Bauern, die an die Milchwerke Schwaben liefern. Zwei weitere Roboter wären notwendig, um alle Tiere automatisch zu melken, doch ein Gerät kostet 100 000 Euro, und in Zeiten des niedrigen Milchpreises ist das nicht drin: „Wir haben gerade eine Haushaltssperre“, witzelt Alexander Keller. Soll heißen: Alle Investitionen werden verschoben.

Experten für Milchvieh – und Fotovoltaik

Hans Keller hätte es sich vor 40 Jahren nicht träumen lassen, wie groß der Betrieb mal werden würde. Als er 1975 den Hof von seinem Vater übernahm, hatten sie 15 Tiere und 15 Hektar Land, nun sind es fast 20-mal so viele Kühe und zehnmal so viel Ackerfläche. „Wer den Trend nicht mitgeht, muss irgendwann aufhören“, so Hans Keller. Und der Trend heißt: wachsen.

Schon Jahrzehnte dauert dieser Strukturwandel unvermindert an. Mehr als zwei Drittel der Betriebe haben seit den 1970er Jahren aufgegeben, und die übrig gebliebenen haben das Land übernommen (siehe Grafiken). Strukturwandel heißt allerdings nicht nur „Wachse oder weiche“, sondern oft geht damit eine Spezialisierung einher, viele erschließen sich zusätzliche Geschäftsfelder. Auch die Kellers sind diesen Weg gegangen: Sie sind Experten in Milchviehhaltung geworden, aber sie erzeugen per Fotovoltaik auch Strom, und sie betreiben eine Biogasanlage, die zu 90 Prozent mit der Gülle der Kühe betrieben wird.

Die beiden größten Triebkräfte dieses bundesweiten Strukturwandels sind: der Preisdruck auf die Erzeugnisse und die fortschreitende Technik. Die Bauern müssen rationell arbeiten, und ihre Höfe müssen eine gewisse Größe haben, um überleben zu können. Alexander Keller könnte wirklich sauer werden, denn die Politiker und die Verbraucher wünschten sich immer noch eine bäuerliche Idylle, bei der der Landwirt am Abend gemütlich hinter fünf Kühen her nach Hause geht. „Aber wir sind doch keine Schauspieler“, schimpft Keller: „Denn gleichzeitig macht die Politik Vorgaben, die ein kleiner Hof nicht mehr erfüllen kann, und die Verbraucher sind nicht bereit, auch nur ein paar Cent mehr für den Liter Milch zu bezahlen.“

Wer überleben will, muss rechnen können

Ein Landwirt muss deshalb heute auch ein sehr guter Betriebswirt sein – und er muss Mut zum kalkulierten Risiko haben. Alexander Keller und seine Eltern, die den Betrieb zusammen führen, haben sich 2004 entschlossen, den großen Schritt zu wagen. Sie haben Millionen von Euro investiert und einen neuen Hof und einen neuen Stall außerhalb des Teilorts Zillishausen gebaut, mit viel Platz und moderner Technik.

Im Moment müssen die Kellers eine Durststrecke verkraften, 2015 und 2016 fehlen ihnen durch den Wegfall der Milchquote und die niedrigen Preise rund 350 000 Euro in der Bilanz. „Auf Dauer könnten wir so nicht überleben, aber langfristig ist die Perspektive bei der Milch gut“, sagt Alexander Keller. Er sieht schon Licht am Horizont, da das Milchwerk Schwaben viel Käse herstellt, der gerade sehr gut nachgefragt wird – das Werk zahlt derzeit immerhin 30 Cent pro Liter, das ist nicht so schlecht.

Dass Wachstum nicht automatisch nachteilig ist für die Tiere, das beweist der Talhof eindeutig. Zwar ist auch sein Stall weit entfernt vom grünen Weideglück der Kühe – aber die Tiere können frei im hellen Stall herumlaufen, sie haben große Ruheboxen mit Stroh, können sich von motorisierten Bürsten durchmassieren lassen und besuchen den Melkroboter, wenn das Euter drückt und nicht wenn der Bauer geruht aufzustehen. Die Maschine ist fast immer im Einsatz.

Im Jahr 2011 wurden er und sein Vater mit dem Tierschutzpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Darauf – und auf seine Kühe – ist Alexander Keller stolz. Noch immer bekommt in seinem Stall jede Kuh einen Namen und nicht nur eine Nummer. Für die zwei Landwirte selbst zahlt sich die gute Haltung durch eine höhere Milchleistung aus – rund 10 000 Liter Milch gäben seine Kühe pro Jahr. Im landesweiten Durchschnitt sind es nicht einmal 7000 Liter. Kein Wunder, dass Alexander Keller mit diesem Konzept und mit diesen Erfolgen auffällt im Land: Im vergangenen Jahr erhielt er zudem den ­Ceres Award als Manager des Jahres unter den Landwirten.

Was er sich allerdings wünscht, das wäre ein besserer Ruf für die Landwirte: „Wir sind immer an allem schuld, sei es am hohen Nitratwert in Flüssen, an der Gentechnik oder an schlechter Tierhaltung.“ Dabei seien sie oft Getriebene und ein Spielball des freien Marktes: „Die derzeitigen Strukturen befördern den Umbau der Landwirtschaft maximal“, sagt Keller.

Dennoch möchte er nichts anderes sein als Bauer. Unterm Strich, so sagt Alexander Keller, bleibe die Landwirtschaft ein hartes Brot mit viel Arbeit und schwankender finanzieller Grundlage. Aber er bereut seine Entscheidung für den großen Hof nicht: „Denn es gibt doch nichts Minderes im Leben, als auf Dauer etwas zu machen, was man nicht will“, sagt er. Und scheucht Bettina das siebte Mal aus dem Melkroboter.