Kunstmuseum Bern zeigt „Entartete Kunst“ aus dem Kunstfund Gurlitt

Hitlers offizieller Kunsteinkäufer

von Adrienne Braun

Bern - Wäre die Geschichte anders verlaufen, könnte man sich die Reise nach Bern sparen. Man würde Ernst Ludwig Kirchners steil aufragenden „Wettertannen“ von 1919 in der Staatsgalerie Stuttgart besichtigen. Bei einem Ausflug in die Kunsthalle Mannheim würde man sich an den köstlichen Straßenszenen von Georg Grosz erfreuen, etwa dem Aquarell „Krankenschwester“. Nun hängen in der Kunsthalle Bern jene Zeichnungen und Grafiken, die deutsche Museumsdirektoren früherer Generationen passioniert zusammentrugen – und die die Nationalsozialisten rabiat aus den Museen entfernen ließen, verbrannten oder verkauften. Rund 20 000 sogenannte „entartete“ Werke wurden beschlagnahmt. Und einer der vier Händler, die deren Verkauf offiziell übernahmen, war Hildebrand Gurlitt (1895-1956).

Das Kunstmuseum Bern hat nun jene Ausstellung eröffnet, die neugierig erwartet wurde: „,Entartete Kunst’ – Beschlagnahmt und verkauft“ präsentiert einen Teil der rund 1500 Werke aus dem Besitz von Gurlitts Sohn Cornelius, die der Zoll 2012 beschlagnahmte. Die Kunsthalle Bern, die die Bestände geerbt hat, konzentriert sich auf jene Werke, die die Nationalsozialisten aus deutschen Museen entfernten. Da sie die Aktion rückwirkend gesetzlich legitimierten, haben die Staatsgalerie und andere Häuser keinen Anspruch mehr auf das, was ihnen genommen wurde.

In Bern ist eine spannende und informative Schau herausgekommen, allerdings weniger aufgrund der 150 Arbeiten, die fast alle auf Papier sind. Man findet keine Sensationen, aber es sind schöne Blätter dabei, Aquarelle von August Macke, deren Farben von solcher Frische und Intensität sind, als wären sie eben erst entstanden. Es gibt kantige Akte von Otto Mueller, abstrahierte Porträts von Erich Heckel, Otto Dix’ Mappe „Der Krieg“ und andere Anti-Kriegs-Motive, die die Nazis als „entartet“ etikettierten.

Hildebrand Gurlitt hat gelogen und Hinweise auf die Herkunft der Kunst manipuliert

Aber in Bern geht es nicht um ästhetische Fragen, sondern beleuchtet man, womit sich Kunstmuseen gewöhnlich nicht befassen mögen: die Geschichte, „die den Bildern eingeschrieben ist“, wie Nina Zimmer es nennt, die Direktorin des Kunstmuseums Bern, die die Ausstellung mitkuratiert hat. Sie erzählt den Werdegang von Hildebrand Gurlitt im Kontext der historischen Ereignisse – und macht verständlich, warum an den meisten Exponaten „Provenienz in Abklärung“ steht oder „aktuell kein Raubkunstverdacht“. Denn die Restauratoren und Provenienzforscher sind auf Beispiele gestoßen, bei denen Stempel mit der Rasierklinge ausgelöscht oder Hinweise entfernt wurden.

Um die Herkunft seiner Bestände zu kaschieren, hat Hildebrand Gurlitt mitunter auch gelogen. So schreibt er nach Kriegsende: „Die meisten der Kunstwerke habe ich von den Künstlern persönlich gekauft, um diese in ihrer schweren Not zu unterstützen.“ Keines der Bilder stamme „aus jüdischem Besitz oder aus dem Ausland.“

Die Familie Gurlitt war immer kunstsinnig

Vermutlich wähnte sich Gurlitt auch da noch im Recht und begriff sich als Retter der Kunst. Ursprünglich muss er ein offener, liberaler Geist gewesen sein. Er stammte aus einer kunstsinnigen Familie. Der Großvater war ein erfolgreicher Landschaftsmaler, der Vater Architekt und Kunsthistoriker, der Onkel Fritz hatte eine Galerie in Berlin. Mit elf Jahren schleppte die Mutter ihn bereits in Dresden in eine Ausstellung der Brücke-Künstler. „Die barbarisch leidenschaftlich kraftvolle Farbe“, notierte er später euphorisch, sei „wie ein Schlag ins Gesicht“.

Gurlitt war ein Verfechter der Moderne. Als Museumsdirektor in Zwickau mischte er Zeitgenössisches in die stadtgeschichtliche und geologische Sammlung. Wegen dieses Engagements für die Avantgarde wurde er erst in Zwickau, dann in Hamburg aus dem Amt gejagt, aber auch, weil er sich weigerte, den Hamburger Kunstvereins national-sozialistisch zu beflaggen. Max Pechstein schrieb ihm solidarisch, er „finde es entwürdigend, Kunst vom parteipolitischen Standpunkt aus zu betrachten.“

Gurlitt gründet in Hamburg das Kunstkabinett Dr. H. Gurlitt. Obwohl er wegen seiner jüdischen Großmutter als „Mischling II. Grades“ eingestuft ist, wird er einer der wichtigsten Kunsthändler Hitlers und erhält sogar den Auftrag, Werke anzukaufen für das geplante „Führermuseum“ in Linz.

Nolde gilt als „entarteter“ Künstler, auch wenn er sich zu Hitler bekennt

Die Ausstellung in Bern beleuchtet viele Aspekte – und erinnert zum Beispiel an Emil Nolde, der in die NSDAP eintrat und seine Loyalität zu Hitler bekundete und trotzdem als „entarteter“ Künstler diffamiert wurde. Ein Kapitel wird den Aktivitäten in Frankreich gewidmet: Nach der Kapitulation Frankreichs 1940 plünderten die Deutschen öffentliche wie private Sammlungen und enteigneten jüdische Galeristen. Auch die Rolle der Schweiz wird thematisiert. So fand 1939 in der Galerie Fischer in Luzern eine Versteigerung zahlreicher von den Deutschen konfiszierter Werke statt.

Auch die drei weiteren Händler, die für die Nationalsozialisten tätig waren, werden porträtiert. Einer von ihnen brachte sich nach Kriegsende um. Der Buchhändler Karl Buchholz handelte dagegen von Kolumbien aus weiter mit Kunst, Ferdinand Möller eröffnete in Köln eine Galerie. Gurlitt wurde 1948 Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen.

In den vergangenen Monaten gab es viel Kritik am Umgang mit dem Kunstfund Gurlitt. Die Staatsanwaltschaft, die Kulturstaatsministerin und die kunsthistorische „Task Force“, aber auch die Presse haben mitunter fragwürdig gehandelt. Bei allen Widersprüchen, die bleiben, hat der Fall aber auch sein Gutes. Er hat die Provenienzforschung extrem vorangebracht. Museen und Handel können künftig nicht mehr so arglos über die Historie hinweggehen und sich allein auf ästhetische Fragen zurückziehen. Im September 2018 sollen die Ausstellungen aus Bern und Bonn im Berliner Martin-Gropius-Bau zusammengeführt werden. Man kann nur hoffen, dass auch dort der Fokus nicht nur auf der Kunst, sondern auch auf der dunklen Geschichte liegen wird, die den Werken eingeschrieben ist.