Konstanz/Karlsruhe

Hat Mafia vom Schwarzwald aus agiert?

von (dpa/lsw)

Karlsruhe/Konstanz - Hüfingen im Schwarzwald-Baar-Kreis ist ein malerisches Städtchen, die fünf Schüsse in die erleuchteten Fenster einer Gaststätte im Mai 2017 passten dazu nicht. Der Vorfall war der vorläufige Höhepunkt krimineller Machenschaften mit Bezug zur italienischen Mafia im Schwarzwald. Im Sommer vergangenen Jahres wurde das Ausmaß öffentlich, nun werden zahlreiche Straftaten einer überwiegend italienischen Bande vor Gericht verhandelt. Damit steht ein großer Prozess über mafiöse Strukturen im Südwesten bevor: Drogenhandel, Waffenbesitz, versuchter Mord.

Neun Männer zwischen 26 Jahren und 57 Jahren müssen sich von Freitag (21. September) an vor dem Landgericht Konstanz verantworten. 17 Verteidiger werden erwartet, mindestens 15 Zeugen sind geladen. 67 Verhandlungstage sind angesetzt - "in Art und Ausmaß für uns ein Ausnahmeverfahren", sagt eine Sprecherin.

Schauplatz für Prozessauftakt und den zweiten Verhandlungstag ist deshalb zunächst Karlsruhe. Weil die Räumlichkeiten am Landgericht Konstanz nicht ausreichen und das vorgesehene Ausweichquartier noch nicht ganz fertig ist, tagt die Konstanzer Kammer zunächst im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Karlsruhe. Danach ziehen Richter und Angeklagte zurück nach Konstanz - in eine umgerüstete frühere Firmenkantine.

Geldwäsche und Erpressungen in Gaststätten

Größere Sicherheitsvorkehrungen begleiten den Prozess. In Karlsruhe müssen Prozessbeobachter durch den Seiteneingang und Zeit für Kontrollen einplanen, heißt es von Seiten der Karlsruher Gerichtssprecherin.

Den Angeklagten, laut Gericht überwiegend Italiener oder italienischstämmig, wird Drogenhandel in großem Stil vorgeworfen sowie Schmuggel und der Besitz scharfer Schusswaffen. Drogengeld wurde in Gaststätten gewaschen, Wirte massiv bedroht.

Im Fall von Hüfingen geht es um versuchten Mord: Die Schüsse aus einem Auto auf das Lokal sollten "Unstimmigkeiten aus Drogengeschäften" offenbar auf die harte Tour regeln. Verletzt wurde niemand.

Der Schlag gegen das kriminelle Netzwerk war deutschen und italienischen Ermittlern nach monatelanger und streng geheimer Vorarbeit gelungen. Im Juni vergangenen Jahres dann der Zugriff: Rund 300 Polizisten nahmen 15 Männer fest, zwei wurden in Italien festgesetzt. Im Südwesten waren rund 30 Wohnungen, vorwiegend im Schwarzwald-Baar-Kreis, durchsucht worden .

Die Beamten beschlagnahmten nach Angaben der Staatsanwaltschaft unter anderem kiloweise Drogen sowie Grundstücke, Fahrzeuge, Schmuck und Geld - Vermögenswerte im Wert von rund sechs Millionen Euro. Die Ermittlungen ergaben "Bezüge zur sizilianischen Cosa Nostra und zur kalabrischen 'Ndrangheta".

Angeklagte alle gesellschaftlich integriert

Elf Männer wurden schließlich Ende Februar angeklagt; die Anklageschrift listete auf 117 Seiten 54 Tatvorwürfe. Zwei 36 Jahre und 52 Jahre alte Männer sind bereits in abgetrennten Verfahren zu Haftstrafen von jeweils mehr als drei Jahren verurteilt worden. Sie waren geständig. Im Fall der verbliebenen Angeklagten, von denen sechs in Untersuchungshaft sitzen, habe bisher nur einer sich aussagebereit gezeigt, so das Konstanzer Landgericht. Vier der Männer gelten als Hauptbeschuldigte. Gegen rund 35 weitere Personen wird noch in gesonderten Verfahren ermittelt.

Nach dem Schlag gegen den mafiösen Clan sprach der Mafia-Experte des Landeskriminalamtes in Stuttgart, Wolfgang Rahm, von einer bürgerlichen Mafia: "Alle waren gesellschaftlich bestens integriert." Auch im vergangenen Januar kam es im Rahmen einer großangelegten, bundesweiten Razzia zu Festnahmen im Südwesten.

In Deutschland leben nach Angaben aus dem Sicherheitsbericht 2017 des Innenministeriums etwa 560 Personen, die im Verdacht stehen, Mitglieder der italienischen organisierten Kriminalität zu sein. Ein knappes Drittel davon, vor allem mutmaßliche Mitglieder der Mafiaorganisation 'Ndrangheta, wohnen demnach in Baden-Württemberg.

Video von der Pressekonferenz nach den Festnahmen: