Hüfingen

Das Horn ist die Krone der Kuh

von Gabi Lendle

Das Horn ist die Krone der Kuh, es verleiht ihr Stolz und Würde und ist ein wichtiges Organ für die Tiere".

Hüfingen. Werden unsere Kinder irgendwann tatsächlich im Internet recherchieren müssen, um herauszufinden, ob Kühe von Natur aus mit Hörnern ausgestattet sind oder nicht?

Etwa zwölf Millionen Kühe leben in Deutschland, davon sind bereits über 80 Prozent hornlos. Inzwischen werden die Hörner an den Rindern teilweise weggezüchtet. Auch gibt es Rassen, die genetisch bedingt hornlos sind, wie zum Beispiel das Angus Rind.

Seit ein Schweizer Bergbauer im vergangenen Jahr eine Initiative für die Hornerhaltung der Kühe angeschoben hat, wird über dieses Tierorgan viel diskutiert. Der mutige Landwirt forderte in einer Volksabstimmung, diejenigen Viehhalter mit Geld zu belohnen, die den Kühen ihre Hörner lassen. Er konnte aber keine Mehrheit für sich verbuchen. Auf der Baar muss man lange suchen, um überhaupt Kühe auf einer Weide anzutreffen, die dann noch obendrein mit Hörnern ausgestattet sind.

Einer der weiß, welche Bedeutung das Horn für die Kuh hat, ist Landwirt Max Bogenschütz vom gleichnamigen biologisch-dynamischen Demeter-Hof in Sumpfohren. 70 "Altdeutsche Schwarz-Bunte" Kühe leben hier, haben selbstverständlich Hörner und dürfen diese auch mit Stolz tragen. Für Bogenschütz und seine Familie, die nach festgelegten Regeln und Richtlinien ihren Bio-Hof betreiben, ergibt sich die Frage "Horn oder nicht Horn" überhaupt nicht. Er weiß, wie wichtig dieses Organ für die Tiere ist. Sonst hätte es ihnen die Natur ja nicht mitgegeben. "Das Horn ist die Krone der Kuh, es verleiht ihr Stolz und Würde", sagt Max Bogenschütz und steht hinter seiner Aussage, die auch in Form einer Plakette an seinem Stall hängt.

Der Bio-Landwirt weiß, dass das gut durchblutete Organ für den Wärmeausgleich der Tiere sorgt und sogar mit den Verdauungsorganen verbunden ist. Mit dem Horn behält die Kuh einen kühlen Kopf, sie kann damit kommunizieren, Verhaltensregeln signalisieren und soziale Rangordnungen in der Herde herstellen. Aber mit der Vergrößerung der Ställe verschwanden auch die Hörner von den Kühen. "Man passte aus wirtschaftlichen Interessen die Kühe den Ställen an und nicht umgekehrt" sagt Max Bogenschütz.

Dass die Hörner einer Kuh eine Gefahr für Mensch und Tier darstellen, stimmt er nicht zu. "Mich hat noch nie eine Kuh mit den Hörnern attackiert", sagt er. Im Gegenteil. Bei seinem täglichen Gang auf die Weide wird er von seinen Kühen freundlich umringt. Seit April dürfen sie hier genüsslich frisches Gras mampfen. Auch untereinander werden die Hörner nicht als Waffe eingesetzt, lediglich zum kommunizieren. Der Ausdruck ihrer Gestik hat ohne Hörner nicht dieselbe Wirkung, zum Beispiel wenn sie den Kopf senken, um sich Distanz zu verschaffen.

"Das Horn verleiht der Kuh einen harmonischen Ausdruck. Erst mit Hörnern ist für mich eine Kuh komplett", unterstreich Max Bogenschütz seine Einstellung. Sein Fazit: "Die Natur irrt nie. Man hätte das Hornvieh so lassen können, wie es früher war und kann sich dennoch der modernen Technik im Stall bedien".

"Das Horn ist keine Waffe der Kuh, sondern ein vielfältiges Instrument, mit dem sie arbeitet. So ist eine Kuh sogar imstande, ihr frisch geborenes Kälbchen sanft mit dem Horn ans Euter zu führen" sagt Bio-Landwirt Bernhard Wintermantel aus Hüfingen, der mit seinem Sohn Lukas den geschlossenen Betrieb führt. Hier werden insgesamt 33 Tiere, elf Mutterkühe und ihre Nachzucht gehalten. Alle mit Hörnern, lediglich der Bulle hat keine.

"Ein Bulle mit Hörnern ist auf dem Markt kaum noch zu bekommen" bedauert Bernhard Wintermantel. Bei der Betriebshaltung von Rindern und Kühen gebe es riesige Unterschiede, je nachdem wie groß der Stall gebaut ist. "Die Verletzungsgefahr der Kühe ohne Hörner ist meist größer als mit", weiß der Landwirt.

"Unterm Strich spricht alles für den Erhalt der Hörner bei den Kühen, denn diese gelten schon immer als das zentrale Symbol dieser Tiere".

In großen Ställen können durch die Enge des Raums durchaus Verletzungen durch Hörner unter den Tieren und auch am Mensch vorkommen. In Bruggen bei Landwirt Reinhold Moßbrugger und seinem Sohn Markus leben 55 Milchkühe der hier am häufigsten anzutreffenden Rasse "Fleckvieh".

Er hat schon seit über zwei Jahrzehnten seinen herkömmlichen Kuhstall zum Laufstall umgebaut, hier werden weibliche Jungtiere (Rinder) und "werdende Mütter" sowie die Milchkühe voneinander getrennt. Auch um Rangfragen zu klären und jenen Ruhe zu gewährleisten die sie brauchen, wie etwa eine Kuh vor dem Kalben. Seit der Einführung des Laufstalls werden bei Moßbruggers die Hörner der kleinen Kälbchen innerhalb von 14 Tagen nach Geburt unter örtlicher Betäubung abgebrannt.

"Damit wollen wir der Verletzungsgefahr vorbeugen, denn es kann schon mal vorkommen, dass eine Kuh eine andere verletzt oder auch die Menschen im Stall. Ich wurde sogar schon einmal von einer Kuh über die Buchtenabtrennung geworfen" erinnert sich Doris Moßbrugger. "Wir betreiben einen konventionellen und wirtschaftlichen Betrieb. Unsere Kühe kommen nicht auf die Weide, dennoch geht es ihnen gut. Sie können fressen und laufen wie und wann sie wollen" sagt Markus Moßbrugger, der wie die meisten Landwirte allen seinen Kühen einen Namen gibt.

Mit einem Gerät ähnlich einem heißem Brenneisen, werden den Kälbchen im Alter von zwei oder drei Wochen die Hornknospen weggebrannt. Das Gerät wird dazu auf rund 600 Grad erhitzt. Vor dieser zehn Sekunden dauernden Prozedur werden sie meist örtlich betäubt, vorgeschrieben sind allerdings nur Beruhigungs- und Schmerzmittel. Ein Horn kann nun nicht mehr entstehen. Ob und wie stark und vor allem wie lange danach das Kälbchen Schmerzen verspürt, ist noch nicht ausreichend untersucht. Eine Studie der Universität Bern deutet jedoch darauf hin, dass die Tiere nach der Enthornung chronische Schmerzen entwickeln können.