Hornberg

"Namasté" bedeutet, wertvoll zu sein

von Evelyn Jehle

Der indische Bischof Singh Komanapalli tour vier Wochen lang durch Süddeutschland und berichtet über die Arbeit der Nethanja-Kirche in Südostindien. Am Mittwoch hat das Indienteam Station in der Johannes-Täufer-Kirche in Hornberg gemacht.

Hornberg. Bei den hochsommerlichen Temperaturen fühlten sich die Gäste richtig heimisch. "Wie angenehm kühl es hier ist, bei uns daheim hat es 48 Grad", scherzte der Bischof, nachdem Mirjam Staiger und Magdalena Gramer von der evangelischen Kirchengemeinde Hornberg die Gäste zu einer farbenfrohen "Reise der Hoffnung" begrüßt hatten.

"Daheim" bedeutet für den Bischof das Missionszentrum am Rand der Millionenstadt Visakapatnam am Golf von Bengalen. Dort sind seine Arbeitsschwerpunkte Kinderheime und Gemeindeaufbau. Das Zentrum gehört zur Nethanja-Kirche, mit der der Verein Christliche Mission Indien zusammenarbeitet. Neun Kinderheime mit etwa 700 Kindern, davon zwei Mädchendörfer, werden unterstützt.

Obwohl das Kastenwesen offiziell längst abgeschafft wurde, sind die Menschen faktisch immer noch in Gruppen sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher Geltung eingeteilt. Frauen und Mädchen sind – bestenfalls – nach wie vor Menschen zweiter Klasse. Die Geschichten, die von Mitarbeitern, Lehrern und Bewohnerinnen des Kinderheims szenisch dargestellt und vom Bischof erzählt wurden, sind erschütternd, aber auch voller Hoffnung.

Die drei jungen Frauen vom "Indienteam", die Singh eingangs vorstellte, wuchsen alle im Kinderheim auf. Mit indischen Tänzen erfüllten Teja und Martha die Hornberger Kirche mit exotischem Flair. Jessica verzauberte mit ihrem Spiel auf dem Harmonium.

Unvorstellbar für hiesige Wertmaßstäbe: Nach dem Tod ihrer Mutter sollte Jessica aufgrund ihres Geschlechts als Säugling in der Mülltonne landen, weil der Vater verzweifelt war. Suresh, ein Mitarbeiter des Missionszentrums, rettete das Mädchen und brachte sie ins Kinderheim. Eine alte Frau bewahrte Martha, die von ihrem Stamm als Unglückskind betrachtet wurde, vor dem sicheren Tod. Heute studiert Jessica Betriebswirtschaft und Martha Botanik.

Singh ist sich gewiss, dass sich in diesen Biografien das Wirken Gottes zeigt. Namasté sei nicht nur eine gebräuchliche Grußform im indischen Kulturkreis. "Namasté bedeutet für uns Christen, dass du gesehen wirst, wertvoll und willkommen bist", ist der Bischof überzeugt.

Unter diesem Leitspruch steht auch die diesjährige Tour von Singh. Er ist selbst Vater von vier Mädchen und einem Jungen. Zwar schilderte der Bischof die Reaktionen seines Umfelds mit einer großen Prise Humor, doch die Botschaft dahinter war nicht misszuverstehen. Zu den großen Zielen der Arbeit in den christlich-sozialen Zentren gehört, das "Minus" vor dem weiblichen Geschlecht auszumerzen.

So werden auch Witwen aufgenommen, die in Indien nach dem Tod des Mannes aus dem Gemeinschaftsleben ausgegrenzt werden. Ein Zentrum für Menschen mit Behinderungen und ein Missionskrankenhaus sowie Schul- und Berufsausbildung sind zusammen mit den Kinderheimen und dem Gemeindeaufbau Teile eines Netzwerks sozialer, medizinischer, pädagogischer und geistlicher Hilfe.

Die Christen bilden in Indien, in dem 1,3 Milliarden Menschen leben, eine Minderheit von etwa drei Prozent der Bevölkerung und haben immer wieder mit Verfolgungen zu kämpfen. Bei den Wahlen im Mai errang die hindu-nationalistische Partei die absolute Mehrheit, was der Bischof kritisch beurteilt, weil nun eine Verfassungsänderung möglich ist. "Beten Sie für uns, denn es könnte gefährlich für Minderheiten werden", befürchtete Singh.

Die evangelische Nethanja-Kirche umfasst etwa 1500 Gemeinden und 120 000 sonntägliche Gottesdienstbesucher. Unterstützung ist möglich durch die Übernahme einer Patenschaft für ein Schulkind (20 Euro pro Monat) oder ein Kinderheimkind (30 Euro pro Monat). Auch Einmalspenden sind willkommen: Volksbank HerrenbergNagold-Rottenburg, IBAN: DE04 6039 1310 0673 0360 06, BIC: GENODES1VBH