Horb

Marmorwerk: Stadt "missbilligt Vorfall"

von Jürgen Lück und Florian Ganswind

Horb - Jetzt macht das Rathaus Druck auf das Marmorwerk. Die Stadtspitze "missbilligt" den Vorfall. Vereinsvorsitzende Viviana Weschenmoser kündigt Gespräche an. Harter Alkohol soll aber auch künftig ausgeschenkt werden.

Ein Image-Film des Jugendtreffs, in dem Kurze gekippt werden. Die Einladung zu einer Party mit Wodka zum Taschengeldpreis. Auf der dann betrunkene Jugendliche randalierten. Die Polizei musste sogar mit einem Polizeihund anrücken, um die Situation im Marmorwerk in den Griff zu bekommen.

Rathaus will aufarbeiten

Für das Rathaus ein Grund, dort jetzt einzugreifen. Ein Stadtsprecher: "Wir werden in enger Zusammenarbeit mit dem Verein den jetzigen Vorfall aufarbeiten und dabei auch die gemeinsame Konzeption der Jugendarbeit im Marmorwerk optimieren und die ganzheitliche Jugendarbeit der Stadt, die auch die Alkoholmissbrauchsprävention umfasst (siehe beispielsweise städtisches Vorgehen gegen starken Alkoholmissbrauch an der Fasnet in der Kernstadt), umzusetzen."

Das Rathaus erklärt, dass es sich bei der umstrittenen Aktion um eine Veranstaltung des Vereins "Haus der Jugend Marmorwerk e.V." handelt. Der Sprecher weiter: "Bei den durch den Verein organísierten Veranstaltungen oder Veranstaltungen privater Mieter im Marmorwerk ist nach unserem Kenntnisstand eine derartige Problemstellung wie am Wochenende bisher in den letzten Jahren in keinster Weise aufgetreten."

Die Rathausspitze missbilligt unabhängig hiervon diesen Vorfall "selbstverständlich": "Zudem ist sich das Rathaus sehr bewusst, dass die Bevölkerung zwischen den Angeboten des Vereins und dem städtischen Jugendreferat im Marmorwerk nicht differenziert und folglich auch durch private Veranstaltungen ein negatives Licht auf die gute Arbeit des städtischen Jugendreferats geworfen werden könnte."

Der Stadtsprecher betont: "Das städtische Jugendreferat mietet sich für regelmäßige Veranstaltungen wie auch Sonderveranstaltungen in den Räumlichkeiten des Vereins gegen eine Mietzahlung ein. Bei allen städtischen Veranstaltungen im Marmorwerk ist immer eine hauptamtliche Betreuung für die Jugendlichen gewährleistet und es wird grundsätzlich kein Alkohol ausgeschenkt. Selbstverständlich werden bei städtischen Veranstaltungen alle gesetzlichen Vorgaben zum Jugendschutz vollumfänglich eingehalten."

Ein Video und das Image

Und auch beim Imagevideo wiegelt das Rathaus ab. Fakt ist: Das gut dreieinhalb minütige Video startet mit drei Jugendlichen, die Schwip-Schwap trinken und sich langweilen. Dann googlen sie nach Marmorwerk-Party und schreiben eine Einkaufsliste. Darauf zu lesen: Bier, Wodka, Captain Morgan. Man sieht die drei einkaufen. Dann ein Sofa wegschleppen. Danach geht es zur Party. Eine Schachtel Zigaretten liegt auf der Theke, daneben steht eine Flasche Bier. Die Jugendlichen trinken bunte Getränke aus Plastikbechern, dann werden gemeinsam Kurze gekippt. Es wird getanzt, dann sieht man einen Jungen auf dem Sofa schlafen.

Der Stadtsprecher: "Das Imagevideo wird auch von der Stadtverwaltung mit Blick auf den jüngsten Vorfall anders bewertet. Das Video in einer Gesamtlänge von 3:18 Minuten zeigt in einem Ausschnitt tatsächlich das Trinken eines sogenannten Shots und den Schwenk über eine Getränkekarte – jedoch nur wenige Sekunden lang und war wohl im Auge des unvoreingenommenen Betrachters darauf ausgelegt, die ›Location Marmorwerk‹ als cool und trendy darzustellen. Zu keiner Zeit war aber mit dem Imagefilm ein Animationsfilm für das Trinken harter Alkoholika beabsichtigt oder wurde dies gar in den Fokus gestellt. Selbstverständlich werden wir auch diese Thematik mit dem Verein besprechen."

Die Suchtberatung in Horb sieht das anders. Ein Berater sagt zum Schwarzwälder Boten: "Gerade in einem Jugendtreff ist es Aufgabe, darzustellen, dass man auf einer Party Spaß auch ohne Alkohol haben kann." Im Film –­ erst Langeweile bei "Schwip-Schwap", dann bunte Mixgetränke, Kurze kippen, fröhlich tanzen und auf dem Sofa schlafen – ist die Dramaturgie allerdings anders.

Zwar verweist das Rathaus auf die Verantwortung des Vereins "Haus der Jugend Marmorwerk e.V.". Erster Vorsitzender des Vereins ist Viviana Weschenmoser, Gemeinderätin der SPD. Zweiter Vorsitzender ist Markus Guse, Leiter des Jugendreferats.

Verein in Verantwortung

Auch Weschenmoser äußert sich nun zu den Vorgängen im Marmorwerk: "Wir müssen das Jugendreferat und den Marmorwerk-Verein ganz klar voneinander trennen. Für die Partys ist allein der Verein verantwortlich. Mangels Personal kann der Verein derzeit auch nur Partys anbieten. Wir versuchen, das einmal im Quartal. Jungs kommen auf uns zu und wollen gerne so eine Party organisieren. Das versuchen wir zu ermöglichen." In der Vergangenheit sei auch keine der Partys aus dem Ruder gelaufen. Denn es seien mindestens drei Verantwortliche über 18 Jahre vor Ort gewesen. Doch bei der Winter Party am vergangenen Samstag war nur einer vom Marmorwerk-Team vor Ort gewesen. "Der 19-Jährige hat sich auch vorbildlich verhalten", so Weschenmoser.

Die Eskalation

Die Vorsitzende berichtet, wie es zur Eskalation kam: "Diejenigen, die randalierten, sind zuvor noch nie im Marmorwerk gewesen. Um 24 Uhr sollten alle unter 18 Jahren die Party verlassen. Allerdings hat sich diese Clique geweigert. Schon kurze Zeit später kam es zum Vorfall mit dem Feuerlöscher. Unser Mann hat dann sofort, wie es auch bei uns Absprache ist, die Polizei gerufen. Dass die Jugendlichen dann Widerstand leisteten, ist überhaupt nicht zu akzeptieren. Ich verurteile es, wenn die Polizei attackiert wird." Der Verein wolle versuchen, mit diesen Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. "Sie werden von uns auch eine zweite Chance erhalten. Denn, wenn so etwas passiert, ist das Marmorwerk der richtige Ort, um diese Jugendliche aufzufangen.

Umgang mit Alkohol

Doch was ist mit dem Hochprozentigen? Muss das im Marmorwerk sein? Weschenmoser antwortet mit einem Ja. Harter Alkohol sei gesellschaftlich die Realität. Und man wolle auch kein gegensätzliches Bild im Marmorwerk vorspielen – bei Beachtung aller gesetzlichen Vorgaben. "Mir ist es lieber, dass wir die jungen Menschen bei uns haben, als dass sie auf dem Parkdeck, am Skaterpark oder am Neckar Alkohol trinken, oftmals völlig unbeobachtet. Wir haben einen Blick darauf und können dann auch bremsen, einschreiten oder einfach ein Wasser auf den Tisch stellen. Wir hatten noch nie ein Alkoholproblem, auch bei der letzten Party war das nicht das Problem", sagt die Vorsitzende, die betont, dass der Verein keinen pädagogischen Auftrag habe und sie auch keine Pädagogin sei. Auch in Zukunft soll es harten Alkohol geben. "Natürlich aber nicht für einen Euro. Ich gebe zu, das ist uns durchgegangen."

Doch wie sollen solche Vorfälle künftig verhindert werden? "Wir werden uns zusammensetzen, auch mit dem Jugendreferat, die haben die Konzepte. Es wird sich etwas ändern." Weschenmoser spricht von Einlasskontrollen, Armbändern, die auf das Alter hinweisen und Security. Auch über den Imagefilm wolle man noch einmal nachdenken.

War es früher anders?

Ein-Euro-Wodka-Party. Harter Alkohol. Hat es das früher schon im Marmorwerk gegeben? Holger Zimmermann,einer der Gründervater des Marmorwerks und der allererste Vorsitzender in der Vereinsgeschichte: "Die Strategie war früher, die jungen Menschen zu einem selbstständigen Umgang mit Alkohol anzuleiten. Entsprechend gab es Bier und Wein, jedoch keinen harten Alkohol. Ausnahme waren besondere Veranstaltungen. Das Personal war grundsätzlich geschult, dass kein Alkohol an sichtbar betrunkene Personen ausgeschenkt werden durfte. Security aus Marmorwerk-Reihen war bei Veranstaltungen im Einsatz und hatte ein spezielles Augenmerk darauf, dass harter Alkohol nicht an Jüngere ausgeschenkt und kein ›Fremdalkohol‹ weitergegeben wurde. Darüber hinaus haben wir den Kontakt zur Polizei gesucht, damit diese bei Veranstaltungen – sofern machbar – vorbeischaut. Alle Macher haben stets das offene Gespräch gesucht, damit die Jugendlichen lernen, verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen. "

Und was waren das für besondere Partys damals? "Ich erinnere mich beispielsweise an eine Beach-Party, die wir mal hatten. Da gab es dann Cocktails. Wobei es immer auch (optisch nicht unterscheidbare) alkoholfreie Varianten gab zu einem günstigeren Preis. Alkoholfreie Getränke waren immer einige günstiger als alkoholische."

Auch auf unserer Facebook-Seite wird der Vorfall disktutiert. Vivian G.: "›Da kann man als Veranstalter nichts machen‹ – schwache Aussage! In jedem normalen Club kommen zu Betrunkene einfach nicht mehr rein! Also bitte!" Christof B.: "In dem Teil hängen doch meist Minderjährige rum, oder? Was brauchen die da dann harten Alkohol? Mal abgesehen davon, die ganze Geschichte passierte nach null Uhr, da haben Minderjährige nichts mehr auf der Straße verloren." Miky M. meint dazu: "Früher zu den Anfangszeiten war das ein No Go... Dafür sollten die Veranstalter zur Verantwortung gezogen werden." Stephan B.: "Alkohol hat in einem Jugendhaus allgemein nix verloren. Früher hat man den Jugendclub geschlossen wenn man Alkohol getrunken hat."