Horb a. N.

Stadtbefestigungen: Der Schurkenturm ist jünger

von Joachim Lipp

Horb. Im voll besetzten Nebensaal des Gasthauses Schiff hielt am Freitagabend Thomas Biller aus Freiburg auf Einladung des Kultur- und Museumsvereins einen Vortrag über die mittelalterlichen Stadtbefestigungen von Horb.

Der Referent gilt als Kapazität zu diesem Thema und ist der Verfasser des zweibändigen Handbuchs "Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen in Deutschland", das 2016 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt erschienen ist.

Ausschussmitglied Stefan Bühner konnte Biller für diesen interessanten Vortrag gewinnen, weil sich die Befestigungsgeschichte von Horb für den Experten bei erneuter Betrachtung als sehr vielschichtig und beispielhaft erwies und er dabei auf die Veröffentlichungen des Ehrenvorsitzenden Franz Geßler zurückgreifen konnte, die er lobend hervorhob.

Ältester Siedlungsteil im Bereich des Burgstalls

Auf Grundlage des Stadtplans, den der Horber Geometers Alois Fischer von 1813 bis 1819 angefertigt hat, verdeutlichte Biller die einzelnen Phasen der Stadtentwicklung und damit auch der Befestigungen. Der älteste Siedlungsteil von Horb dürfte im Bereich des Burgstalls gelegen haben, wo eine Burg der Herren von Horb stand, die um 1100 erstmals urkundlich erwähnt wurden. Von dieser frühesten Entwicklungsphase ist als Bausubstanz nichts mehr erhalten, aber die grundsätzliche Struktur von Straße, Flussübergang, Burg und noch unbefestigter Siedlung war zu dieser Zeit durchaus verbreitet.

Es ist laut Biller ebenfalls völlig normal, dass man nicht einfach die vorhandene Siedlung ummauerte und zur Stadt machte, sondern dass man die Stadt um 1225 neben dieser ursprünglichen Siedlung auf dem Bergrücken des Schüttebergs neu anlegte, wo sie zumindest dreiseitig gut geschützt lag.

An das obere Ende dieser kleinen Stadtanlage stellte man die Heilig-Kreuz-Kirche, deren Turm nach Biller zunächst anstelle des später errichteten Schurkenturms die Angriffsseite der Stadt schützte. Zumindest sprechen dafür die Mauerdicke und die Eckbuckelquader, die an diesem Kirchturm auffällig sind. Dass die sehr kleine, erste Stadt auf ihrem Bergrücken befestigt war, belegen die Häuserreihen am Marktplatz, die über eine längere Strecke auf einer durchlaufenden Linie stehen.

Heilig-Kreuz-Kirche mehrfach vergrößert

Schon die mehrfache Vergrößerung der Heilig-Kreuz-Kirche zeigt die positive Entwicklung von Horb, die auch in einer neuen äußeren Stadtmauer ihren Ausdruck fand. Die Erweiterung bezog vor allem die Abhänge des Bergsporns unter der ersten Stadtanlage ein und der Mühlkanal sowie der Grabenbach boten eine zusätzliche Sicherung vor der neuen Stadtmauer. Diese zweite Mauer besaß vier Stadttore und neben einem verschwundenen Eckturm am Mühlkanal den mächtigen Schurkenturm an der Hauptangriffsseite unter dem Schütteberg. Zwischen Erstanlage und Erweiterung lag ein Zeitabstand von nur 50 Jahren und das noch vorhandene Mauerwerk, das sich der Hangneigung angepasst hatte, kann in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert werden. Die Buckelquader und die Formgebung des Schurkenturms als Schalenturm deuten aber eher auf eine Entstehung in der Mitte oder zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Den Turmstumpf des Sommerhaldenturms datierte Biller erst ins fortgeschrittene 14. oder gar ins 15. Jahrhundert. Dieser ehemals sehr hohe Turm besaß für Biller allerdings keinerlei Wehrfunktion, sondern war ein symbolhafter Stadtturm, der wie der Augsburger Perlachturm in unmittelbarer Nähe des Rathauses errichtet worden war. Ein weiterer repräsentativer Torturm der zweiten Mauer von Horb, war der fünfstöckige Pfennigturm, in dem die Stadtkasse und das Stadtarchiv verwahrt wurden und der als ehemaliges Bildechinger Tor bei der Entstehung des äußeren Mauerrings ins Innere der Stadt geraten war.

Der 1422 erbaute Schütteturm bildete für Biller eine typische Warte, die es im Spätmittelalter bei vielen Städten gegeben hat. Der Zweck eines solch hohen Turms bestand darin, die Landschaft weithin zu überblicken und damit die Annäherung von Feinden möglichst frühzeitig zu bemerken.

Horb wächst im Spätmittelalter kräftig

Dass Horb wie viele andere Städte im Spätmittelalter kräftig wuchs, zeigen noch heute die Ummauerungen der Vorstädte. Unklarheit herrscht dabei angesichts des Gaistors in der Ihlinger Vorstadt nicht nur bezüglich der Reihenfolge, sondern auch mit Blick auf die Vorstadt im Tal und die Vorstadt am Aischbach in dem Punkt, ob es sich um zwei oder gar drei separate Vorstädte gehandelt hat.

Bei diesen Mauerbauten befand man sich in einer Phase, als sich die Pulvergeschütze rasant entwickelten und die Baumeister daher ständig über neue Konzepte der Befestigungen nachdenken mussten.

Obwohl eine Verteidigung der Stadt gegen einen gut ausgerüsteten Gegner seit dem späten 15. Jahrhundert gar nicht mehr möglich war, entschieden sich die Bürger von Horb, mit dem äußeren Stadtmauerring wenigstens ein Minimum an Sicherheit gegen weniger zahlreiche und schlechter ausgerüstete Angreifer mit erheblichem Aufwand zu errichten.

Erst die Weiterentwicklung der Feuerwaffen beendete die Befestigungsgeschichte von Horb, denn die rasante Weiterentwicklung der Artillerie machte ab dem 16. Jahrhundert die weitere Befestigung der so ungünstig liegenden Stadt endgültig obsolet.