Horb a. N.

Mit Leib und Seele Wirtin im Gasthaus Engel

von Marianne Hötzel

Horb-Talheim. Selbst mit 90 Jahren bietet Ida Kuon, geborene Weber, Wanderern, Rentnern und Tagesgästen die Möglichkeit, die Tradition fortzusetzen und am Stammtisch teilzuhaben. Und Ida Kuon tut dies mit Herzblut. Sie ist mit Leib und Seele Wirtin im Gasthaus Engel.

Geboren wurde sie am 15. September 1928 in Obertalheim, und hier durchlief sie auch ihre Schulzeit. Gar zu gerne hätte Ida Kuon einen Beruf erlernt, wie sie mit ein wenig Bedauern erzählte. Doch die Mutter sagte zu ihr: "Ich brauche dich zum Schaffen." So verlief ihr Leben anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Seine erste Frau verlor der Vater durch die Ruhr, und so musste er nun auch zwei Kinder mitversorgen. Er war Landwirt und arbeitete nebenher auf dem Bau. Nachdem der Vater dann zum zweiten Mal geheiratet hatte, ergänzten sechs weitere Kinder die Familie.

Doch der Krieg forderte seinen Tribut, die Familie verlor zwei Söhne, einer fiel und der andere blieb vermisst. Die Familie blieb vor weiteren Schicksalsschlägen nicht verschont; die zweite Frau verunglückte tödlich beim "Stocksprengen" im Wald, eine Schwester starb mit zehn Jahren. Mit 18 Jahren war Ida Kuon "in Stellung" bei einer Zahnarztfamilie in Rottenburg. Dort hatte es dem Mädchen gefallen, es besteht sogar bis heute  Kontakt zu einer damaligen Freundin. Doch damals währte die Freude nicht lange, die junge Frau wurde zuhause dringend benötigt. Sie musste heim.

Schließlich lernte Ida einen Freund des Bruders kennen, Alois Kuon, dieser wurde 1954 ihr Ehemann. Alois Kuon war der Sohn des "Engel"-Wirtes, und Ida Kuon musste nach der Heirat noch sechs weitere Familienmitglieder in die junge Ehe einbeziehen. Das Ehepaar Alois und Ida Kuon schenkte fünf Kindern das Leben, zwei Mädchen und drei Jungen, und die Jubilarin darf sich heuer über neun Enkel und zwei Urenkel freuen.

Schon immer musste Ida Kuon mit beiden Beinen im Leben stehen. So wurde sie nach der Heirat in der Landwirtschaft eingesetzt, später dann auch im Gasthaus. Als sie schließlich auch im Gasthaus mit Aufgaben betreut wurde, war sie oft bis spät in die Nacht in der Küche zugange und hatte dann am frühen Morgen die anfallenden Arbeiten im Stall zu erledigen. So ist es daher nicht weiter verwunderlich, dass immer wieder schwere und ernsthafte Krankheiten ihr Leben begleiteten, selbst in der eigenen Familie musste manch schlimme Krankheitssituation durchgestanden werden. Trotzdem ist die Jubilarin bis heute eine fröhliche Frau, sieht immer das Positve, lässt sich nicht unterkriegen.

 1968 übernahm Ida Kuon dann endgültig das Gasthaus zum Engel. "Und sie blühte auf als Wirtin", wie ihre Tochter Claudia erzählte. Bei den Gästen war sie beliebt. Ein Zeichen dafür war der immer voll besetzte Stammtisch.

Zwei Ärzte, Schmelzle und Ehinger, kamen früher zwei Mal wöchentlich ins Gasthaus, um Rezepte für Patienten auszustellen und kleinere Blessuren zu beheben. Tochter Claudia erinnert sich noch gut an jene Zeit, erledigte sie doch zeitgleich im selben Raum ihre Hausaufgaben. Urlaub zu machen, war nicht möglich, obwohl Ida Kuon gerne einmal weg­gefahren wäre.

Die Jubilarin erinnert sich sehr gerne an jene Zeit, als der Stammtisch noch ein gefragter Treffpunkt im Ort war. Für Stammgäste bereitete die Wirtin so manch leckere Suppe, bot auch Vesper und Zwiebelkuchen an. Im Lokal wurde viel gesungen, ja auch zur Ziehharmonika getanzt. Über das Geschehen im Ort war die Wirtin stets im Bilde, und so manchem Gast konnte sie mit Rat und Tat weiterhelfen. Vereine feierten ihre Jahresabschlüsse im "Engel". "Einmal", so berichtet sie, und heute kann sie darüber lachen, "sind mir die Knödel beim Rehessen des Ortschaftsrates zerfallen, und ich habe mich so geschämt, dass so etwas passieren konnte." Aber zumeist waren es schöne Sachen, die sie erlebte. "Besonders beispielsweise an Allerheiligen, als der ›Engel‹ Treffpunkt der Einheimischen und Fremden war."

Als dann immer mehr Leute Privatfernsehen hatten und Sportheime eröffnet wurden, nahm die Gästezahl ab. "Das hat mir schon wehgetan." Als 2010 ihr Mann starb, führte sie die Tradition des Stammtischs weiter, wobei zuweilen Kinder und Enkelkinder unterstützend dabei sind.

Sie strickt gerne und viel, bäckt für alle Brot, nimmt zuweilen bei schönem Wetter eine Auszeit auf dem Bänkle, geht regelmäßig zu Fuß zum Gottesdienst und unterhält noch immer die Gäste mit vielen Anekdoten. Ida Kuon gestaltet ihre Zeit selber.

Trotz ihres entbehrungsreichen Lebens blieb sie eine Frohnatur. "Sie ist eine tapfere Frau und macht noch viel", rundet Tochter Claudia das Gespräch ab, und  Sohn Erwin bestätigt dies wohlwollend.