Horb a. N.

"Entweder Sie arbeiten an sich oder Sie gehen in den Knast"

von Peter Morlok

Hor b. Störung des öffentlichen Friedens, vorsätzliche Körperverletzung, Widerstand gegen Vollzugsbeamte sowie unerlaubtes Mitführen von Waffen – diese Taten warf die Staatsanwaltschaft einem 41-Jährigen vor. Dieser musste sich gestern dafür vor dem Amtsgericht Horb verantworten.

"Ich habe genug Schuss für euch alle – wenn ich hier fertig bin, dann hat das Rote Kreuz ordentlich was zu tun." Am 6. August 2016 stieß ein heute 41-jähriger Mann, der in der Horber Kernstadt wohnt, diese Drohung gegen 19 Uhr in der Nähe des gut besuchten Biergartens aus.

Einigen Personen war der scheinbar verwirrte Mann am Bahnhofsvorplatz durch seine Selbstgespräche und seine ständigen Drohungen aufgefallen. Als er dann auch noch zwei Schüsse aus einem scharfen Revolver in den Boden vor sich abgab, wurde die Polizei alarmiert. "Wir haben versucht uns so unauffällig wie möglich zu verhalten", sagte eine der Besucherinnen des Biergartens im Zeugenstand auf die Frage, ob sie Angst oder gar Panik gehabt hätte.

Mit zwei Streifenwagen und insgesamt vier Beamten rückte dann wenig später die Polizei an. "Der Beschuldigte kam sofort schnellen Schrittes auf uns zu", berichtete einer der Beamten. "Meine Kollegin rief ihm noch zu, er solle Abstand halten, und ich fragte ihn nach einem Ausweis", so der Beamte weiter. "Entgegen aller Gewohnheit zeigte der Angeklagte auch sofort seinen Ausweis und gab sich im ersten Moment auch kooperativ, doch dies änderte sich relativ schnell", erinnerte sich der Polizist noch recht genau an die Geschehnisse an diesem Sommerabend. "Wir wollten ihn durchsuchen, stellten ihn dazu mit beiden Armen ans Fahrzeug und plötzlich gab es eine Rangelei. Zuerst standen wir alle an der Beifahrertür und wenig später lagen wir zu dritt nahe der linken Kofferraumseite."

Erst durch den Einsatz der beiden anderen Polizisten gelang es, den Täter zu fixieren und ihm Handschellen anzulegen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung wurden alle vier Beamten zumindest leicht verletzt und auch der Beschuldigte bekam etwas ab. Während der Rauferei zog die Beamtin, die mit am Tatort war, dem Mann den Revolver aus der Tasche und warf ihn einem Kollegen, der in Zivil als Gast im Biergarten war, zu. Dieser stellte sich mit dem Fuß auf die Waffe, mit der man Vier-Millimeter-Geschosse, die etwa die Wirkung einer Druckluftwaffe haben, abfeuern kann und sicherte sie dadurch.

Bei der späteren Durchsuchung des Angeklagten wurden 67 Schuss Munition sowie ein Zimmermannshammer und ein zugespitzter Schraubendreher gefunden.

Weiter war der Mann wegen eines ähnlich gelagerten Delikts, begangen am 16. Februar 2017, angeklagt. Hier hat sich der Beschuldigte im Auto seines damaligen Arbeitgebers so über den Einbehalt seines Lohnes durch seine Bank, bei der er noch ein überzogenen Kontokorrent zu bedienen hatte, geärgert, dass er in seiner Wut Äußerungen wie: "Wenn ich jetzt eine Waffe hätte, dann würde ich mich und gleich ein paar andere umbringen" schrie. Sein damaliger Chef meldete dies beim Polizeirevier Horb. Nicht in Sorge wegen eines möglichen Amoklaufes, sondern mehr aus Sorge um den Beschuldigten selbst, wie er sagte. Auch diese Äußerungen wertete die Staatsanwaltschaft als Störung des öffentlichen Friedens.

"Was war los? Warum sind Sie so ausgerastet?", wollte Amtsgerichtsdirektor Albrecht Trick wissen. Die Antwort war knapp, doch recht prägnant. Frau weg, Job weg, Geld weg und wieder mit dem Alkohol angefangen, so die Kurzfassung einer Abwärtsspirale. "Ich hatte in dieser Zeit noch nicht mal Geld, um mir was zum Essen kaufen zu können. Ich war fertig und soweit ich mich noch erinnern kann, habe ich ständig Bier getrunken – das aber den ganzen Tag. Irgendwann war ich am Bahnhof, hab dort rumgegrölt und auch geschossen. Ich war aus Frust über das Leben, das über mir zusammenbrach, sehr aufgebracht", erklärte er recht emotionslos.

Er habe nur noch vage Erinnerungen an den Tatabend, die Nacht in der Zelle und den Tag danach im Freudenstädter Krankenhaus. Den Revolver habe er wegen der Flüchtlingskrise in Stuttgart gekauft, um sich notfalls verteidigen zu können, so eine weitere Antwort auf die Fragen von Richter Trick.

Bereits zweimal ist der Beschuldigte wegen ähnlicher Taten vorbestraft. 2004 musste er sogar für mehr als ein Jahr in Rottenburg einsitzen, da er wildfremde Menschen mit dem Messer angegriffen und dabei einen der Männer mit einer Flasche krankenhausreif geschlagen hatte. 2008 kam er wegen eines Angriffs auf seine Mutter und auf der ihr zu Hilfe eilender Passanten mit einem Jahr auf Bewährung davon. Dann war bis zum Tattag im August 2016 Ruhe, doch sein Leben, das geprägt war von ständigem Wechsel der Arbeitsplätze und privaten Problemen, brachte er nicht auf die Reihe.

Nun wurde der Angeklagte zu elf Monaten Haft verurteilt, die auf drei Jahre Bewährung ausgesetzt werden. Zudem muss er drei Gespräche in den nächsten drei Monaten mit einer anerkannten Suchtberatungsstelle führen. Das Urteil wurde noch im Gerichtssaal von beiden Seiten angenommen. Der Gutachter bestätigte ihm für die Tat im August 2016 eine verminderte Schuldfähigkeit. "Er ist skurril in seinen Verhaltensmustern. Einmal zeigt er keinerlei Aggression, ist präzise in seinen Aussagen – dann wieder kommt es zu Ausrastern wie die, über die wir heute urteilen müssen." Der Gutachter merkte an, dass der Täter eine emotionale Instabilität vorweise, die sich durch den Genuss von Rauschmitteln wie Alkohol oder Cannabis sehr verstärke. Deshalb legte der Vorsitzende dem Täter auch am Ende der Verhandlung nahe, dass er gerade gegen seine Süchte etwas unternehmen müsse. "Entweder Sie arbeiten an sich oder Sie gehen in den Knast. Ich habe keinerlei Bedenken, Sie in die JVA Rottenburg zu schicken", gab der Amtsgerichtsdirektor dem Verurteilten mit auf den Weg, auf dem ihn ein Bewährungshelfer in den nächsten drei Jahren begleiten wird.