Horb a. N.

Die Kaiser plant jetzt den Doktor

von Jürgen Lück

Elisabeth Kaiser: Sie ist schon immer die Wanderin zwischen zwei Welten. Die Künstlerin: In Horb aufgefallen mit ihrer Performance bis an die Schmerzgrenze.

Horb-Dettingen. Im Kakteengarten lutschte sie an den Kaktusstacheln und sang heraus, was sie bewegt. Im Till Eulenspiegel des Chamaeleon-Theaters ist Kaiser plötzlich romantisch. Schmachtet im meist klassischen Belcanto den Held an, bis er sie erhört.

Zwei Welten. Die wilde, schmerzhafte Performance. Der Schauspiel-Auftritt als einer der Schwaben in einer burlesken Szene. Dazu romantische, sinnliche Gesänge im Belcanto für den Helden des Stückes.

Kaiser, gebürtige Regensburgerin, lacht: "Ja. Die zwei Welten – das war schon immer mein Ding. Zu meiner künstlerischen Ausbildung gehört nicht nur der Gesang, sondern auch Theater, Musical, und Komposition sowie bildende Kunst. Das Stück von Doro Jakubowski und Andreas Schnell hat mich überzeugt – weil es so vielschichtig ist. Till hat etwas Tiefgründiges. Er hat Sehnsucht nach Heimat und dem Angenommensein. Ich denke, durch den Gesang wird das verkörpert. Und am Ende des Stückes und damit seines Lebensweges kann er diese Sehnsucht endlich verwirklichen."

Zwei Welten. Denn bei der Performance sagt Elisabeth Kaiser: "Meine Erfahrung ist, dass der erste Moment der Improvisation der intensivste ist. Beim Schauspiel kann das auch anders sein: Da ist alles viele Male geprobt. Aber da bin ich interdisziplinär."

Zwei Welten. Horb, Dettingen und Stuttgart. Kaiser: "Das war schon während meiner Zeit im Künstlerhaus so: Ich habe in Stuttgart ein Zusatzstudium am Studio für Stimmkunst und Neues Musiktheater an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst gemacht. Und dort bin ich seit Herbst letzten Jahres mit im Produktionszentrum ›Tanz und Performance‹. Hier setze ich meine Arbeit fort."

Die Arbeit heißt "Jaborosa". Das heißt: Eine gemeinsame musikalische Aktion zwischen Pflanzen und der Künstlerin. Wie beim Erdbeerfest in Horb, als die Kaiser eine Erdbeerpflanze besungen hat. Oder im Kakteengarten. Und jetzt in Stuttgart wird es wieder stachelig, aber auch duftend und weich. Kaiser: "Diesmal singe ich mit Rosen. Dabei habe ich ein Blumengeschäft als Sponsor bekommen. Der Plan ist, dass man beim Kauf einer Rose nicht nur die Pflanze bekommt, sondern auch den Gesang dazu." Deshalb geht sie demnächst dort ins Tonstudio.

Zwei Welten. Denn in ihrer Wohnung in Dettingen genießt Elisabeth Kaiser die Natur: "Hier habe ich einen herrlichen Ausblick. Ich habe mein Atelier, wo ich arbeiten kann. Üben und singen, ohne dass es jemand stört. Und das sind natürlich perfekte Bedingungen, um die Konzeptionen für meine Projekte zu entwerfen."

Und diese Konzeptionen werden dann am Stuttgarter Produktionszentrum umgesetzt. Das heißt aber nicht, dass die Kaiser nur eine Pendlerin ist. Ein großer Nerv dabei übrigens: "Es ist unglaublich. Aber nach halb acht Uhr abends fährt kein Bus mehr nach Dettingen."

Die Künstlerin, die 2013 nach Horb kam und damals mit einem Stipendium ins Künstlerhaus zog: "Ich mache auch hier vor Ort so einige Projekte: Beispielsweise mit Monika Golla. Mit den neuen Künstlerhaus-Bewohnern Stephanie Müller und Klaus E. Dietl werde ich auch einen Film drehen. In Stuttgart ist die künstlerische Arbeit eine andere. Ich möchte meine Kunst weiter tragen – nicht nur in Horb, obwohl das toll ist."

Die zwei Welten. Mensch, Gehirn, Bewusstsein oder Seele, Materie oder Pflanzen und Tiere. Scheinbar Gegensätze. Aber nicht für Elisabeth Kaiser. Die Künstlerin: "Ich bin der Überzeugung, dass es diese zwei Welten so nicht gibt. Die scheinbar so leblose Materie – sogar die Atome – haben ein eigenes Bewusstsein. Pflanzen beispielsweise senden auch Schallwellen, die können wir als Menschen aber nicht erfassen. Und deshalb singe ich ja auch mit Pflanzen. Sie sind meine Partner – der Kaktus und ich beispielsweise sind ein Ensemble." Und genau deshalb will Elisabeth Kaiser jetzt "Frau Doktor" werden. Die Künstlerin: "Ich möchte an dem Thema weiter forschen und möchte eine Promotion darüber schreiben. Dazu benötige ich einen künstlerischen Doktorvater und einen wissenschaftlichen. Und die suche ich gerade"

Ein künstlerischer Doktorvater – kein Problem. Naturwissenschaftlich aber schon eher. Aber sie ist optimistisch: "Langsam schwappt dieses Thema aus den USA auch nach Deutschland rüber. Deshalb hoffe ich, auch für diesen Part jemanden zu finden."