Horb a. N.

Die Deportieren, die nicht weinten

von Ina Frank

Mechtild Schöllkopf-Horlacher zeichnet Porträts von Kindern, die von den Nazis ermordet wurden. Sie schafft so Gedenken an jene, die vergessen werden sollten. Ab Sonntag ist die Ausstellung im Jüdischen Betsaal zu sehen.

Horb. Ein blasser Jungen schaut einen mit ernstem Gesicht an. So mag ein Kind schauen, dass nicht fotografiert werden möchte. Doch dies ist eine Kreidezeichnung – und der abgebildete Junge wurde von den Nationalsozialisten ermordet.

Unter dem Titel "Kinder, wir machen einen Ausflug" zeigt die Künstlerin Mechtild Schöllkopf-Horlacher vom 17. September bis 19. November Malereien und Materialbilder im Museum Jüdischer Betsaal. Zu sehen sind Kinder, die während der NS-Zeit ermordet wurden, weil sie Juden oder angeblich "asoziale ­Zigeunermischlinge" waren oder eine Behinderung hatten. Eine schreckliche Zeit – doch Schöllkopf-Horlacher möchte dieses Thema auf andere Weise angehen. Ihr liegt die Sicht der Kinder am Herzen. "Jeder spricht von der schrecklichen Zeit, aber die Kinder wussten oft gar nicht, was mit ihnen passiert. Sie waren fröhlich", meint sie.

Weil die Kinder zum Beispiel dachten, sie würden einen Ausflug machen. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf folgendes Ereignis: In Mulfingen im Hohenlohekreis gab es das Kinderheim "St. Josefspflege". Aus diesem wurden 33 Sinti-Kinder abgeholt und nach Künzelsau gebracht – unter dem Vorwand, sie würden einen Ausflug machen. Letztendlich ging es jedoch mit dem Zug über Crailsheim weiter nach Auschwitz.

Durch die Bilder komme man den Menschen auch näher als durch reines Erklären, denkt die Künstlerin. Die Idee zu der Ausstellung kam ihr während einer Sommerakademie 2011 im Kloster Irsee. Was der Künstlerin damals zunächst nicht bewusst war: Das Kloster war zur NS-Zeit eine psychiatrische Einrichtung, in der mehr als 200 Kinder ermordet wurden. Im Kloster gibt es zwar eine Gedenkstätte, doch Schöllkopf-Horlacher empfand die Darstellung als nicht wirklich passend. "Abgebildet ist ein abgemagertes, missgebildetes Kind in verschiedenen Körperhaltungen. Diese Fotos haben mich sehr irritiert, denn das gezeigte, schreiende, hilflose, nackte Kind (brutal festgehalten von Mitarbeitern der Heil- und Pflegeanstalt) wird dem Betrachter buchstäblich vorgeführt", erinnert sie sich. Andere Teilnehmer der Akademie wollten die Bilder nicht einmal ansehen.

"Im Gedenken an die Kinder sollte man sie nicht so grausam darstellen, das haben sie nicht verdient", ist sich die Künstlerin sicher. Schon während der Sommerakademie in Irsee begann sie mit der Arbeit an den Bildern – und so mit einer anderen Form des Gedenkens an die Kinder. Schöllkopf-Horlacher versucht, sich in die Gefühle der Kinder hineinzuversetzen. Ihre Werke sollen nicht abschrecken, sondern die Betrachter sollen sich zu den Kindern hingezogen fühlen. Und das gelingt.

Da wäre zum Beispiel die Zeichnung von Ernst Lossa, der den Betrachter beinahe unverwandt anstarrt. Lossa war Halbwaise und aus der Volksgruppe der Jenischen, weshalb er den Nationalsozialisten als "Zigeunermischling" und "asozial" galt und nach Irsee gebracht wurde. Dort wurde er 1944 ermordet. Im Gegensatz zu kleineren Kindern hatte er allerdings längst durchschaut, was in der Anstalt vor sich ging.

Den Kindern von Izieu (jüdische Kinder, die in ihrem Versteck nahe Lyon entdeckt und deportiert wurden) wurde ein ganz besonders "Denkmal" gesetzt. Für jedes Kind oder Geschwisterpaar gibt es ein Kästchen mit Foto und Dekoration. Auch sechs jüdische Kinder aus Rexingen werden in der bewegenden Ausstellung dargestellt.

Weitere Informationen: Die Ausstellung wird am Sonntag, 17. September, um 14 Uhr eröffnet. Anschließend ist sie samstags und sonntags immer von 14 bis 17 Uhr geöffnet.