Horb a. N.

Das Dilemma des Neckar-Erlebnis-Tals

von Jürgen Lück

Viel Sehenswertes gibt es in der Region, doch warum kommen so wenig Touristen? Beim ersten Netzwerktreffen des Neckar-Erlebnis-Tals (NET) wurde das Dilemma deutlich, in dem die Tourismus-Vermarkter stecken.

Starzach-Bierlingen/Horb/Rottenburg/Sulz/Eutingen. Der Sitzungssaal im Rathaus Bierlingen ist komplett voll. Kein Wunder, denn der neue NET-Vorstand mit Christina Gsell an der Spitze stellt das neue Konzept vor und sucht Mitstreiter.

Die Konzeption

Vorgestellt von Alexander Seiz, Geschäftsführer von Kohl und Partner aus Stuttgart, der größte Tourismusberater Österreichs, so Seiz, hat auch ein Gutachten zum Nationalpark geschrieben. Seiz: "Insgesamt gibt das NET kein schlechtes Bild ab. Die Anbindung durch die A 81 und die Bahn ist sensationell. Es gibt drei Alternativen: Man macht eine Marketing-Kooperation, man kümmert sich nur um die wichtigsten Themen oder schmeißt den Tourismus aller Städte zusammen. Dafür ist es meinem Eindruck nach allerdings zu früh." Also werden jetzt die wichtigsten Themen beworben: Ausflug, Radfahren, Wandern sowie Kultur und Städte. Dabei allerdings im Fokus: "Naturbegeisterte Aktive" und "Anspruchsvolle Wochenend-Aussteiger".

Seiz: "In diesen Zielgruppen sehen wir ein großes Potenzial. Für das NET liegt die Ausflugsregion auf der Hand." Und das heißt: vor allem Tagesgäste. Bei den Übernachtungen geht nicht mehr viel. Die Analyse in der Folie der Fachberater (Übernachtungszahlen 2017): "Auffallend ist, dass Rottenburg und Horb unter Berücksichtigung von Einwohnern und Größe der Orte verhältnismäßig geringe Ankunft- und Übernachtungszahlen aufweisen."

Das Hotel-Dilemma

Warum ist das so? Ines Singer –­ unsere Whisky-Brennmeisterin aus Dießen – betreibt auch ein Gästehaus. Sie sagt: "Uns geht es wie so vielen Gasthäusern: Wir werden hauptsächlich von Monteuren oder Geschäftsreisenden angesprochen. Monteure, die eine Woche bleiben, sind natürlich einfacher zu handeln als Tagesgäste." Frank Börnard, stellvertretender Vorsitzender des NET: "Die Übernachtungskapazitäten sind unser Flaschenhals."

Kohl und Partner-Geschäftsführer Seiz: "Die fehlenden Kapazitäten für touristische Übernachtungsgäste ist natürlich ein Hindernis. Deshalb sollte man die neue Kampagne mit dem Tagestourismus beginnen. Wenn sich die Region hier attraktiv aufstellt, werden die Chancen größer, dass jemand neue Übernachtungsmöglichkeiten schafft."

Das Naturschutz-Dilemma

Seiz hatte eigentlich empfohlen, das Wasser und den Neckar ganz oben auf die Werbe-Agenda zu setzen. Waltraud Göttler vom Naturschutzbund Horb: "Wenn ich als Nabu-Mitglied sehe, dass fünf Kanus auf einmal auf dem Neckar fahren, dann ist das das Maximum, was die Natur verträgt." Börnard: "Die Neckar-Tal Ranger haben das Herausstellen des Wasser-Elements aus Naturschutzgründen gebremst."

Ein Mitglied des Golfclubs Schloss Weitenburg: "Als der Neckar in Börstingen renaturiert wurde, dachte ich mir, dass es am Fluss dann einen Wasserzugang für Familien gibt. Mit Grillstelle vielleicht." Starzachs Bürgermeister Thomas Noé: "Das ist ein Projekt des Landes. Im Konzept war es nicht vorgesehen, etwas Touristisches zu machen."

Frank Busch, auch Mountainbiker: "Wir haben Strecken gemeinsam mit Dieter Zuleger vom Forst entwickelt. Er hat die Einstellung, dass man etwas anbieten sollte, um die Mountainbiker so zu kanalisieren, dass der Naturschutz möglichst gewahrt bleibt."

Rauschbart-Wirt Michael Singer: "Man darf eines nicht vergessen: Jeder Fußgänger, jeder Radfahrer oder jeder Kanufahrer benutzt keinen Verbrennungsmotor."

Die Bevölkerung

Starzachs Bürgermeister Noé: "Wenn es unter anderem nach mir gegangen wäre, hätte ich das Thema Tourismus mit einer Lenkung und Anlegestelle gemacht. Aber die Bevölkerung war dagegen." Börnard – auch zuständig für den Tourismus in Sulz: "Beim Wasserschloss Glatt machen wir nur zwei bis drei Großveranstaltungen im Jahr. Um die Bevölkerung nicht dauernd mit Bussen zu nerven."

Monika Laufenberg, Sprecherin der NET-Fördermitglieder: "Wir haben in Börstingen zwei Sachen: Unser Dorfmuseum und den Kunstort Eleven. Wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz. Man muss erst mal was anbieten und die Bürger einladen, dann kommt auch die Akzeptanz."

Das Dilemma des NET: zu wenig Hotelkapazitäten, eine tourismusskeptische Bevölkerung und starke Naturschutz-Akteure. Deshalb setzt man jetzt auf Highlights. Maximal sechs Wege. Dazu Highlight-Schlaufen weg vom Neckartalradweg. Die durch E-Bikes auch machbar werden.

Und die Gäste beim ersten Netzwerktreffen – offenbar angetan vom Konzept. Barbara Staudacher und Heinz Höglerle wollen ihren Gedenkstättenverbund einbringen. Laufenberg: "Die Authenzität der Geschichte ist hier im Neckar-Erlebnis-Tal wirklich nachvollziehbar. Deshalb ist es eine Bereicherung für das NET, wenn wir die jüdische Geschichte mit einbeziehen können."

Frank Busch kündigt an, dass die evangelische Kirche in Mühlen jetzt Radkapelle werden soll – ein Platz zum Rasten, Beten und zur Ruhe kommen im Gotteshaus für Wanderer und Radfahrer.

Tourismus-Experte Seiz: "Ich bin begeistert von der Resonanz. Ich denke, es gibt genug Ansätze im Neckar Erlebnis-Tal, um über das Story-Telling – also das Erzählen spannender Geschichten aus den Orten – Ausflügler anzulocken."