Hechingen

Tödlicher Schuss traf mitten ins Herz

von Klaus Stopper

Hechingen - Wie viel Schmerz können Eltern ertragen? Am Mittwoch wurden Fotos der Obduktion von Umut K. im Mordprozess am Hechinger Landgericht gezeigt. Auch der Vater des Opfers ging dazu nach vorne an die Richterbank. Es flossen Tränen.

Der Schuss, der auf Umut K. am 1. Dezember vorigen Jahres in Hechingen abgefeuert wurde, traf ihn mitten ins Herz. Möglicherweise war er durch den Schock sofort bewusstlos, spätestens aber nach zehn Sekunden. "Selbst wenn ein Notarzt direkt neben ihm gestanden und sofort mit der Reanimation begonnen hätte, hätte niemand sein Leben retten können", berichtete am Mittwoch der Gerichtsmediziner Dietmar Benz, der als letzter Zeuge im Prozess seine Aussage machte.

Obduktionsfotos werden am Richtertisch gezeigt

"Ich möchte Sie vorwarnen. Überlegen Sie sich, ob Sie diese Aussagen aushalten", sagte der Vorsitzende Richter Hannes Breucker mit Blick vor allem auf die Angehörigen von Umut K., die immer noch zahlreich den Prozess verfolgen. Niemand stand auf.

Dietmar Benz legte dem Gericht dann Fotos der Obduktion vor, die das Einschussloch in der Brust von Umut K. zeigen und am Rücken die Stelle, wo die Kugel knapp unter der Haut stecken blieb. Mehr war von außen nicht zu erkennen von den massiven Verletzungen. Dietmar Benz zeigte aber auch Aufnahmen der zerfetzten Herzkammer. Die Fotos waren von den Zuschauerreihen aus natürlich nicht zu sehen, sie wurden direkt auf der Richterbank ausgebreitet, die Verfahrensbeteiligten wurden nach vorne gerufen.

Herzzereißend, den Vater von Umut K., der als Nebenkläger aktiv den Prozess mitverfolgt, in dieser Situation zu erleben. Erst zögerte er, mit nach vorne zu gehen, dann überwand er sich doch. Nachvollziehbar? Es ist sein Sohn, dessen Körper dort fotografiert und aufgeschnitten wurde. Den Schmerz im Prozess so direkt auf sich zu nehmen, empfindet er möglicherweise als Verpflichtung seinem getöteten Sohn gegenüber. Aber es ging schier über seine Kraft. Tränen liefen ihm über die Backen. Der Türkisch-Dolmetscher, der ihm den ganzen Prozess bislang übersetzt hatte, stützte ihn. Sein Gesicht sprach Bände.

Vielleicht war es auch Einbildung, aber auch die drei Angeklagten, die sonst fast unbeteiligt dem Prozess folgen, wirkten bei diesem Anblick nervös. Sie blinzelten, die Gesichtsfarbe wurde dunkler. Schämen sie sich? Schwer zu sagen. Vielleicht ist das auch nur Wunschdenken aus dem Zuschauerraum.

Der Gerichtsmediziner ging anschließend auch nochmal auf die Frage ein, ob aus dem Winkel, in dem die Kugel den Körper von Umut K. durchschlagen hat, Schlussfolgerungen auf den Ort gezogen werden können, von dem aus geschossen wurde. Die plausibelste These sei, dass das Auto direkt an dem Bordstein gestanden habe, der die Abgrenzung zu dem kleinen Ruhebereich bildet, wo Umut K. stand, so Dietmar Benz. Er wies aber auch darauf hin, dass solche Indizien "immer nur Mosaiksteinchen sein können", aus denen sich ein Gesamtbild zusammensetze. Möglicherweise stand das Auto beim Schuss also auch einen Meter weiter weg.

Rechtsmediziner hält Calogero S. für den Todesschützen

Auch für die Frage, wer den Schuss abgab, lieferte Dietmar Benz ein Mosaiksteinchen. Die Spezialistin der Kripo hatte bei der Auswertung der Schmauchspuren festgestellt, dass beide Autoinsassen als Schützen in Frage kommen, Dietmar Benz legte sich fest, dass die plausibelste Version die ist, dass Calogero S., der Beifahrer, die Pistole abfeuerte. Giovanni M., der Mann, der beim Schuss neben Umut K. stand, hatte in einer Polizeivernehmung ebenfalls Calogero S. als "den Schützen" bezeichnet.

Am Mittwoch, 11. Oktober, wird der Prozess fortgesetzt. Dann sollen die Plädoyers gehalten werden, was sich wohl über den ganzen Tag erstrecken könnte, wie Richter Hannes Breucker ankündigte.