Hechingen

Teilgeständnisse im Drogenprozess abgelegt

von Klaus Stopper

Hechingen - Wie wird jemand zum Verbrecher? Auch das war ein Thema am Mittwoch im Hechinger Drogenprozess vor dem Landgericht. Zudem gestanden die beiden Angeklagten, dass sie mit Drogen gehandelt hatten.

Ein Psychologe war als Sachverständiger geladen, um zwei Grundfragen zu beantworten. Erstens: Lagen geistige Schäden vor, die die Taten entschuldigen könnten? Zweitens: Ist eine Entzugstherapie in der zu erwartenden Haft empfehlenswert? Bei der ersten Frage nach der Zurechnungsfähigkeit, die der Experte für beide Angeklagte für gegeben hielt, ging es natürlich auch um die Biografie, und da zeigte sich, dass beide Angeklagte Auffälligkeiten aufweisen. Giovanni M. war ADHS-Kind, früh schon in jugendpsychiatrischer Behandlung, erhielt Ritalin zur Beruhigung. Eine genetische Veranlagung verursachte bei ihm ständige Gereiztheit und Unruhe.

Aus der Schule, die er nach dem Hauptschulabschluss besuchte, flog er wegen Drogenkonsum raus. Körperverletzungsdelikte, schwerer Raub, ständiger Cannabis-Konsum – aus einer zweijährigen Entzugstherapie während einer Haftstrafe wurde er rausgeworfen, weil sein Verhalten alle Anstrengungen als aussichtslos erscheinen ließ.

Im Mai 2016 wurde er aus der Haft entlassen, lebte ohne Struktur vor sich hin, konsumierte Kokain und Marihuana. Eine schiefe Bahn, die ein halbes Jahr später im tödlichen Schuss an der Staig mündete. Der Psychologe empfahl, ihm noch eine Chance auf Drogenentzug im Gefängnis zu bieten. Die Staatsanwältin äußerte sich skeptisch. Warum sollte diese Therapie klappen, wenn die letzte so schief ging? Über diese Frage diskutierte sie länger mit dem Experten.

Auch bei Alen S. gab es einen Bruch, der nicht nachvollziehbar scheint. Er war ein durchschnittlicher Realschüler, bis er nach eigenen Angaben in der siebten Klasse beschloss, dass er "was erleben wollte" und dass er "mehr Spaß in die Sache" bringen möchte. Schlägereien, Schuleschwänzen, dann der Schulverweis. Ein neuer Anlauf an einer anderen Schule. Wieder Drogen und Alkohol. In der achten Klasse endet die Schullaufbahn.

Seither hat er nichts Vernünftiges mehr geleistet, war eine Zeit lang obdachlos, lebte dann bei einer Freundin, prügelte sich, brach ein, nahm Drogen, brach eine Ausbildung schnell wieder ab. Ob er nun genug "Spaß in die Sache" gebracht hat und nochmal die Kurve in ein normales Leben kriegt? Der Psychologe befürwortete einen Drogenentzug in der Haft. Alen S. zeigte sich dankbar über diese mögliche Chance.

"Fühle mich noch meinem Freund Umut gegenüber schuldig"

Zuvor hatten im Prozess die beiden Angeklagten gestanden, dass sie mit Drogen gehandelt haben. "Ich fühle mich noch heute gegenüber meinem Freund Umut schuldig", leitete Giovanni M. sein Geständnis ein. Umut K. war bekanntlich am 1. Dezember in Hechingen erschossen worden, weil Drogenlieferanten die verabredeten 5000 Euro für ein Kilo Marihuana nicht erhalten hatten. Warum sie dieses Kilo im puren Vertrauen an Giovanni M. übergaben, einen drogensüchtigen, vorbestraften Kriminellen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Tatsache ist: Der rauchte den Stoff zum Großteil selber, den Rest vertickte er zu Billigpreisen. Geld, um Schulden zu zahlen, hatte er nie. Die Rechnung zahlte sein Freund Umut K. mit dem Leben.

Auch Alen S. gab eine Art Geständnis ab. Er sei am Verkauf des Marihuanas beteiligt gewesen, räumte er ein, habe nach dem Todesschuss die Tasche mit den Drogen aufbewahrt. Vorher habe er keinen Schlüssel zum Drogendepot gehabt. Zur Waffe in der Tasche meinte er, diese sei ja funktionsunfähig gewesen. Allerdings trug er sie in den Tagen nach dem Mord bei sich "zur Abschreckung".

Was einem eine kaputte Waffe bei einem Mordanschlag nutzen soll, und woher er überhaupt wusste, dass die Waffe nicht schussfähig ist? Diese Fragen blieben offen, weil beide Angeklagte keine weiteren Antworten geben wollten.

Weil Giovanni M. aber behauptete, er habe überhaupt nie was mit der Waffe zu tun gehabt, beantragte sein Anwalt die sofortige Entlassung aus der Untersuchungshaft wegen mangelnder Fluchtgefahr. Entschieden wurde darüber noch nicht.

Mit einem formalem Termin am 15. November um 12 Uhr geht der Prozess weiter, am 4. Dezember sollen voraussichtlich die Plädoyers gehalten werden, am 6. Dezember könnte dann das Urteil fallen.