Hausach

Werbeveranstaltung für Kernenergie

von Matthias Dorn

Hausach - Auf Einladung der Bürgerinitiative "Radlos" hat Jürgen Schöttle im Einbacher Gasthause Hirsch über die Energiewende in Deutschland referiert. Die Zuhörer bekamen eine faktenreiche Abrechnung mit der deutschen Energiepolitik der vergangenen Jahre geboten.

Theo Feger, der Vorsitzende der Bürgerinitiative, wertete den Vortrag des Referenten als willkommenen Beitrag zur "Aufklärungsarbeit" über die Realität der Energiewende, würden doch aktuell entgegen der Darstellung in den Medien lediglich 3,1 Prozent der in Deutschland benötigten Energie durch Windkraft- und Fotovoltaik-Anlagen produziert.

Zur Berechnung dieses geringen Anteils nutzte Schöttle den Begriff der "Sektorkopplung", also die zur Erreichung der Klimaschutzziele geforderte ganzheitliche Betrachtung der Sektoren Elektrizität, Wärmeversorgung und Verkehr. Hiervon erwarten sich Experten Synergieeffekte im großen Maßstab, könnten doch Überschüsse in der fluktuierenden Sonnen- oder Windstromproduktion dazu benutzt werden, Wärmeerzeugung und Verkehr nach und nach auf regenerativen Ökostrom umzustellen.

Der Referent nutzt diesen Zusammenhang aber nur dazu, mit einem einfachen Dreisatz den für alle Sektoren erforderlichen Gesamtbedarf den aktuellen Ausbauzustand der Stromerzeugung aus regenerativen Energien gegenüberzustellen – ein Experiment, bei dem am Ende der niedrige Anteil von 3,1 Prozent herauskommt.

Einfacher Dreisatz soll Gesamtbedarf darstellen

Die weitere Hochrechnung war dann einfach zu bewerkstelligen: Wenn diese 3,1 Prozent bisher etwa zur Hälfte von etwa 30.000 installierten Windkraftanlagen produziert werden, müssten deutschlandweit insgesamt eine Million Windkrafträder gebaut werden. Ein Raunen ging durch den Saal. Dieses Raunen hätte sich mit dem nächsten Kunstgriff des Ingenieurs – der düsteren Vision der so genannten "Dunkelflaute" – wohl zu einem wahren Orkan der Entrüstung aufschaukeln lassen, hätte der ehemalige Kraftwerksingenieur in seiner Rede gegen die regenerativen Energien die Stromerzeugung in Biomasse-Kraftwerken nicht gleich auch noch kleingeredet. Bernhard Kohmann, mit seiner Erfahrung in der Produktion von Biomasse-Energie durchaus als regionaler Experte anerkannt, widersprach aufs Heftigste.

Er könnte sich für seinen Hof einen Technologie-Mix aus Biomasse-Anlage, Blockheizkraftwerk (BHKW) und Gasspeicher vorstellen, der der Vision der "Sektorkopplung" schon in den kommenden Jahren sehr nah komme. Die Gegenrede brachte den Referent nur kurz aus dem Konzept, dann ging es weiter im Kleinreden der regenerativen Stromerzeugung. Da diese nicht regelbar sei, müssten Speichermöglichkeiten im industriellen Stil vorgehalten werden. Entweder müsste auf dem Brandenkopf ein Pumpspeicherkraftwerk mit Druckleitung hinunter zur "Monika" gebaut werden oder es müssten zehn Billionen Euro für Speicherbatterien ausgegeben werden.

Nach gut 45 Minuten und 95 Folien präsentierte der Referent die Lösung für die Energieprobleme der Zukunft. Diese könne nur in einer Renaissance der Kernenergie beziehungsweise noch zu entwickelnder Fusionsreaktoren liegen. Weltweit würden ja bereits 150 neue Kernkraftwerke geplant. Der mit dem Betrieb verbundene Atommüll sei kein Problem. Ein letztes Mal bedient sich der Referent des mathematischen Dreisatzes. Diesmal wurde als Bezugsgröße für den Atommüll aus der zivilen Nutzung der Atomenergie der Atommüll aus der militärischen Nutzung herangezogen. Und für den Atommüll habe Deutschland bereits genügend Endlager gebaut. Leider habe sich Deutschland aus der Forschung auf diesem Gebiet verabschiedet und so dürften sich China, Indien und Russland diesen Zukunftsmarkt mit weltweit etwa 4000 Kernkraftwerken untereinander aufteilen. Technologisch seien die neuen Kraftwerke (noch) sicherer. Ein ernstzunehmender Störfall sei statistisch nur alle 5000 Jahre zu erwarten.

Referent erweist Initiative Bärendienst

Nach den Ausflügen in die Dreisatzrechnung hätte der Zuhörer für die 4000 zukünftigen Kernkraftwerke gerne auch eine mathematisch korrekte Kombination mit den 5000 Jahren gehört, diese blieb aber aus. Bernhard Kohmann gelang es mit der Frage, welche Technologien den Staaten der Dritten Welt denn für deren Energiehunger zur Verfügung gestellt werden sollten, den Fokus wieder auf eine menschen- und umweltschonendere Basis zu stellen. Hier seien dann doch tatsächlich die einfachen Lösungen Windrad und Fotovoltaik angezeigt, so Schöttle. Das war dann das Schlusswort. Weitere Nuklearenergieträume unter dem Brandenkopf gingen im Stühlerücken unter.

Kommentar: Bärendienst

Von Matthias Dorn

Mit seinen 95 Folien hat der gelernte Kraftwerksingenieur und ehrenamtliche Physiklehrer Jürgen Schöttle ein eindrucksvolles Plädoyer für die Kernenergie gehalten. In der Hinführung der "Alternativlosigkeit" dieser Technologie beziehungsweise dem Kleinrechnen der Anteile der regenerativen Energien hat er sich des mathematischen Dreisatzes bedient, eine Technik, die er laut eigener Schilderung aus dreijähriger Unterrichtserfahrung bei seinen Physik-Schülern nicht mehr voraussetzen konnte.

Ob die wohl 100 Zuhörer in der "Monika" auch gekommen wären, hätten sie gewusst, dass hier Werbung für Kernenergie gemacht werden soll? Also für eine Form der Energiegewinnung, die nach den Katastrophen in Tschernobyl, dessen Folgen auch nach über 30 Jahren bei erlegten Wildschweinen immer noch in hohen Strahlungswerten zu sehen sind, und Fuku-shima in Baden-Württemberg überwunden schien?

Den Mitgliedern der Initiative "Radlos – Windvernunft an Wolf und Kinzig" hat Schöttle mit dem Vortrag damit einen Bärendienst erwiesen. Wer aus durchaus verständlichen Gründen keine Windkraftanlagen auf den Bergen vor der eigenen Haustür will, lädt sich einen Referenten ein, der den Neubau von Atomkraftwerken – natürlich auch nicht vor der eigenen Haustür, weder das AKW noch das Atommülllager – propagiert. Eine äußerst unglückliche Kombination.

Info: Dunkelflaute

Als "Dunkelflaute" werden Zeitabschnitte im Jahr bezeichnet, in denen bei Windstille und viel Bewölkung mit Windrädern und Fotovoltaik-Anlagen kaum Strom produziert werden kann. Dem kann mit länderübergreifendem Stromtransport aus anderen, nicht von Bewölkung und Windstille betroffenen Gegenden, oder dem Rückgriff auf Speicherkraftwerke oder der Verschiebung von Lastspitzen begegnet werden. Nach einer Studie des Deutschen Wetterdienstes (DWD) käme es an zwei Tagen pro Jahr zu einer Dunkelflaute. Unter Einbeziehung der Stromnetze der europäischen Partnerländer sinkt dieser Wert auf 0,2 Tage/Jahr. Für diesen Wert verfügt die Bundesnetzagentur über so genannte Reservekraftwerke in Form von Gasturbinen- oder Kohlekraftwerken.