Hausach

Land, das zum Wohlfühlen einlädt

von Viktoria Armbruster

Die Hausacherin Viktoria Armbruster ist seit September in Belgien, um im Rahmen eines Freiwiligendiensts in einem Kinderheim zu arbeiten. Im vorletzten Teil ihres Reisetagebuchs schreibt sie über die verschiedenen Regionen.

Hausach/Baugnies. Während der zehn Monate, die ich nun in Belgien lebe, kam immer wieder die Frage auf, was eigentlich belgisch sei? Auf der einen Seite stehen Fakten: Die Fläche des Königreichs Belgien beträgt 30 528 Quadratkilometer, das ist weniger als Baden-Württemberg. Obwohl Flandern kleiner ist als die Wallonie, leben dort mehr Menschen. Das Land ist offiziell dreisprachig. Von Brüssel aus kann man in zwei Stunden Autofahrt sowohl am Meer als auch in den Ardennen sein. Die belgische Nordseeküste ist nur 67 Kilometer lang, der höchste Punkt Belgiens liegt auf 694 Metern über dem Meeresspiegel. Der momentane König heißt Albert II. Das politische Zentrum Europas liegt in Brüssel.

Alles geht über Brüssel

Neben all diesen Tatsachen gibt es die andere Seite: Gesinnungen, Gefühle, Gesellschaft. Hier eine Schilderung meines Eindrucks dieses Belgiens. Reist man als Europäer durch Belgien, fühlt man sich im südlichen Teil, als sei man in Frankreich und im nördlichen Teil, als hätte man bereits die Grenze zu den Niederlanden überschritten. Dieser Gedanke kommt nicht bloß anhand des Offensichtlichen, nämlich der Sprache, auf, sondern schließt auch aus anderen Beobachtungen. Findet man beispielsweise in Frankreich sowie in der Wallonie Supermärkte wie Intermarché und Carrefour, so kauft man in den Niederlanden und in Flandern bei Albert Heijn ein.

Setzt man seine Reise durch Belgien mit dem Zug fort, so fällt auf, dass fast alle Verbindungen irgendwie über die Hauptstadt führen. Ist man allerdings mit einem Kinderwagen oder Rollstuhl unterwegs, sind öffentliche Verkehrsmittel nicht unbedingt zu empfehlen, da es an kleineren Bahnhöfen kaum Rampen oder Aufzüge gibt. Sollte man es dann doch an das richtige Gleis geschafft haben, steht man vor dem nächsten Problem. Zwischen dem Bahnsteig und dem Zug klaffen eine 30 Zentimeter große Lücke und drei steile Stufen.

Während die öffentlichen Plätze zum Teil weit davon entfernt sind, behindertengerecht zu sein, sind die Belgier bezüglich eines anderen tagesaktuellen Themas ein Vorbild. 2003 war Belgien das zweite Land weltweit, das die gleichgeschlechtliche Ehe ermöglichte. Homosexuelle werden gesellschaftlich akzeptiert, die Regenbogenfarben strahlen, Brüssels Gay Pride Parade wird gefeiert.

Während sich Flamen und Wallonen bezüglich dieses Aspekts einig zu sein scheinen, so können sie sich im Allgemeinen jedoch weniger leiden. Das "reichere" Flandern wird einerseits geneidet, andererseits ist man in der Wallonie stolz auf seine Region. Was sich klischeehaft anhört, erlebte ich im Alltag, als ein Kollege die Flamen rassistisch nannte und die seiner Ansicht nach geografischen Vorzüge der Wallonie gegenüber dem flämischen Teil des Lands herausstellte: "Die haben zwar die Nordseeküste, allerdings ist das auch nicht der schönste Flecken Meer auf Erden. Wir haben dafür die Ardennen und grenzen an Deutschland, Luxemburg und Frankreich."

Geht man neutral an die Sache heran, so wird man in beiden Regionen im Zug oder Bus von Fremden angesprochen. Betritt man eine Bar, so bleibt man nicht lange alleine, da sich mit Sicherheit jemand zu einem gesellt. Belgien mag ein kleines und dazu noch gesellschaftlich geteiltes Königreich sein, jedoch lädt das Land der Pommes und des Biers trotzdem zum Wohlfühlen ein.

In Belgien gibt es drei Amtssprachen: Niederländisch, Französisch und Deutsch. Bis 1830 galt Französisch als Amtssprache des Staats. 1873 wurde Niederländisch als zweite Amtssprache im belgischen Königreich zwar rechtlich anerkannt, doch blieb immer noch Französisch die Verwaltungs- und Unterrichtssprache in ganz Belgien. 1919 kam Deutsch als Amtssprache im neu hinzugewonnenen Gebiet im Osten dazu. In der Hauptstadt Brüssel sind Französisch und Niederländisch Amtssprachen.