Hausach

Entschuldigung beim Pappkameraden

von Charlotte Reinhard

Der Schwierigkeit, ein Gedicht in eine andere Sprache zu übersetzen, haben sich vor einem Jahr mehrere europäische Dichter beim Poesiefestival in Berlin gestellt. Ein Übersetzerpaar sprach beim Leselenz über seine Erfahrungen.

Hausach. Die Deutsche Birgit Kreipe und die Tschechin Bozena Správcová waren eines der Paare, die sich diesem künstlerischen und kulturellen Abenteuer gestellt hatten. Ihr "Sprachmittler" war Mirko Kraetsch, der als Interlinearübersetzer, "die Bälle hin und her beförderte", wie er es ausdrückte.

In einer Leserunde sollten die beiden Dichterinnen sich vorstellen, damit die Zuhörer eine Vorstellung davon bekamen, wer da aufeinander traf. Zuerst las Správcová einige ihrer Gedichte vor, Kreipe später die zusammen erarbeitete Übersetzung. Der Zuhörer, der des Tschechischen nicht mächtig war, konnte sich nur auf den Klang der Worte und die Aussprache verlassen, um zu erahnen, worum es in den Gedichten ging. So konnte er einmal beispielsweise ein Zitat heraushören, auch wenn sich herausstellte, dass es sich dabei um eine indirekte Rede handelte. Im Gegensatz zum ersten klang das zweite Werk nicht melancholisch, sondern eher fröhlich. Und tatsächlich: Das Gedicht "Der alte Fisch" war skurril und abstrus.

Schließlich war Kreipe an der Reihe, gefolgt von der tschechischen Übersetzung. In einem Zyklus über die Alpen verwob sie Märchenmotive, Archäologie, und Geologie miteinander. In "Hitze" ließ sie flirrende, sich auflösende Bilder aufleben, gefolgt von einem Wintergedicht über ein Nashorn in der "Wintersavanne". Mit diesen Bildern und den damit verbundenen Stichwörtern fand der Zuhörer sich in Správcovás Übersetzung zurecht und den Rhythmus der Originals wieder.

Zur Veranschaulichung der geleisteten Arbeit verteilte Oliver die Interlinearübersetzungen, die jedes Dichterpaar ebenfalls zu Anfang bekommen hatte. Der Kurator wies darauf hin, dass diese aus mehr Fußnoten als auch Übersetzungen bestand. "Die Interlinear-Übersetzung ist eine Übersetzung, kein Gedicht", betonte Kreipe. "Ein Gedicht ist Rhythmus, Semantik, Bilder." Správcová fügte hinzu, dass es eher gelte, Bilder als Worte zu übersetzen. "Es war schön zu hören, wie die andere Sprache klingt und es war schön, es in der eigenen Sprache zum Klingen zu bringen", sagte sie. Das sei allerdings nicht immer möglich. Schließlich neige die tschechische Sprache zu einer gewissen Lässigkeit, die der Genauigkeit der deutschen widerspräche. Eine Entschuldigung schulde Správcová den "Pappkameraden", erklärte sie. An diesem Begriff sei sie gescheitert und habe ihn mit einer Umschreibung übersetzen müssen. "Das ist eine Schuld, die ich nicht einlösen konnte."

Oliver fragte die beiden Dichterinnen schließlich nach ihren schönsten Erfahrungen bei ihrer Übersetzungsarbeit. "Ich habe eine chronische und eine akute", antwortete Správcová. So gehe sie ungern auf Festivals, weil es ihr nicht liege, sich vorzuführen. Daher habe es ihr gefallen, mit anderen Lyrikern zum Arbeiten zusammenzukommen. Die akute schönste Erinnerung verbinde sie mit Kraetsch, der bei der damals herrschenden Hitze Erdbeeren vorbei brachte.

"Meine Gedichte von jemand anderem übersetzen zu lassen, löste bei mir zuerst ein gewisses Angstgefühl aus", gestand Kreipe. "Das verflüchtigte sich, als ich merkte, dass man sich immer besser versteht."

Jeden Sommer verwandelt sich Berlin für zehn Tage in eine Hochburg der Poesie. 100 bis 200 Dichter und Künstler aus aller Welt präsentieren Tendenzen zeitgenössischer Dichtkunst. Es kommen jedes Mal zwischen 8000 und 12 000 Besucher. Das Festival findet seit 2000 jährlich statt.