Hausach

Einen Teil seiner selbst wiedererkannt

von Charlotte Reinhard

Nach einem Drama um Graf Heinrich, einem Krimi, der im Kloster spielte hat Intendant Jürgen Clever sich dieses Mal Till Eulenspiegel vorgenommen. Poetisch, witzig und bissig sollte das Stück sein und das war nicht zu viel versprochen. Bei der Premiere der Burgfestspiele 2017 blieb kein Auge trocken.

Hausach. Ein Held sei er gewesen, ein Rächer der Armen, der den Reichen nahm – da findet der Kulturreferent (Heinz Beese) es angemessen, zu Ehren Till Eulenspiegels eine Statue zu enthüllen.

Die ist dann eher puristisch, eine hutähnliche blasse Konstruktion auf einem Stab, wird aber sogleich vom Eulenspiegel (Marco Jörger) persönlich ersetzt, der auf dem Podest Platz nimmt und Grimassen zieht.

Doch kein so strahlender Held, das versucht dann auch der Erzähler zu korrigieren, indem er einige von Tills Streichen zum Besten gibt. Nachdem der Schelm in Bamberg erst einmal erfolglos das Geld suchte, das dort angeblich einfach auf der Straße liegt, trifft er auf Bäckersfrau Melanie Mehl (Melanie Badke), deren Mann gestorben ist und die dringend einen Bäckergesellen sucht, um ihr Geschäft fortführen zu können. Till, der passenderweise einen "Broterwerb" sucht, gibt sich als gelernter Bäcker aus und findet sich mir nichts dir nichts in der Backstube wieder.

Zu nachtschlafener Zeit versteht sich, was den Schelm seine Entscheidung doch schnell bereuen lässt. Aber immerhin ist alles da, was er braucht, um ans Werk zu gehen.

Nur was soll er eigentlich backen? Das beantwortet Frau Mehl, die diese Frage für eine Scherz hält, mit "Eulen und Meerkatzen". Und das nimmt Till natürlich wörtlich. Kein Wunder, dass die Bäckersfrau am nächsten Morgen nicht sonderlich erfreut ist, als sie statt schöner Brotlaibe Eulen- und Meerkatzen-Brötchen vorfindet. Sie schmeißt ihn raus, sein Backwerk darf er aber mitnehmen. Till wäre aber kein Schelm, wenn er keine Idee hätte, wie er aus dieser Situation nicht doch noch Profit schlagen könnte.

Kurzerhand verkauft er die Eulen und Meerkatzen als teures "Lebensbrot". "Damit werden Sie 90 Jahre alt", verspricht er. "Und falls Sie das nicht werden, kriegen Sie ihr Geld zurück."

Natürlich reißen sich die Leute um das teure Backwerk und als alles verkauft ist, will Till sich schleunigst davon machen. Zuvor hält ihn allerdings eine Frau auf. Niemand anderes als Tamara Waidele (Tamara Waidele als sie selbst), Geschäftsführerin von Hausach Bäckerei Waidele, will ihm die Exklusivrechte an seinem Lebensbrot abkaufen. Till gibt sie natürlich gerne her. Für einen angemessenen Preis, versteht sich. Das Lebensbrot in Tierform gab es dann nicht nur in der Pause, sondern wird ab sofort tatsächlich in der Bäckerei verkauft.

In ähnlicher Weise geht es weiter. Einer hungernden Familie hilft der Eulenspiegel, indem er mit ihnen eine "Besenwirtschaft" eröffnet. Einen kränkelnden, sich überfressenden Pfeffersack (Jürgen Clever) verschreibt er als medizinkundiger Gelehrter eine Medizin, die ihm den Genuss an allem ungesunden Essen verleidet.

Der ist zwar nicht begeistert, dass er nur noch Obst und Gemüse zu sich nehmen kann und sitzt am Ende weinend vor einem Stück Schinken, in das er seine Zähne nicht vergraben kann, aber es stimmt: Es geht ihm besser. Und so muss er "Tilorius" seinen Lohn zahlen, wünscht ihn dann aber zum Teufel.

Ein Höhepunkt ist die Szene, in der Till nach Rom pilgert, um mit dem Papst zu sprechen. Der Schweizer Gardist (Jürgen Karrer) erklärt ihm im schönsten Schweizer-Dialekt, Till solle einfach möglichst weit "uffi go", dann könne er mit sogar mit Gott sprechen. Gesagt, getan. Till steigt auf einen Turm. Das führt schlussendlich dazu, dass der unter dem Turm betende Papst (Stefan Blattmann), Tills Stimme für die Gottes hält.

Und der Narr hat jede Menge Ideen, wie der himmlische Vater die Kirche reformieren könnte. Blöd nur, dass das geläuterte Kirchenoberhaupt voller Tatendrang gegen die nächste Tür läuft und, wie der fluchende Schweizer Gardist feststellt, "hi is".

Noch turbulenter geht es zu, als Till sich bei der Landgräfin von Magdeburg (Susanne Klausmann) als Künstler verdingt und ganz nebenbei die Kunstwelt revolutioniert, was darin gipfelt, dass er sogar einen signierten Nachttopf als hohe Kunst verkaufen kann. Am Ende lässt sich auch Till Eulenspiegel nieder, wird alt und als es seinem Ende zugeht, will ein Pfaffe (Jürgen Clever) ihn doch noch "zum Glauben bekehren", will heißen: Er will sein Geld.

Doch Schelm bleibt Schelm und bei seinem letzten Streich hält er dem Priester seinen berühmten Spiegel vor. "Erkenne dich selbst", brüllt er, woraufhin der Pfaffe fluchtartig das Weite sucht.

Ähnlich wird es wohl dem Publikum gegangen sein. Denn bei allen lustigen Scherzen und Streichen: Wer hat in den vielen Geschichten nicht einen Teil seiner selbst wiedererkannt? Es ergriff aber nicht die Flucht, sondern spendete den Darstellern begeistert Applaus.

Marco Jörger: Till Eulenspiegel. Kulturreferent: Heinz Beese. Melanie Badke: Melanie Mehl, Bäuerin, Kunstliebhaberin. Bettina Meyer: Brotkäuferin, Haushälterin Magda, Haushälterin von Till. Stefan Blattmann: Honigdieb Max, Handwerksgeselle, Papst, Kunstliebhaber. Sigrid Blattmann: Hongdiebin Fritzi. Julia Krauter: Küchenchefin. Jürgen Clever: Kaufmann Pfeffersack, Pfaffe. Reinhold Reichenauer: Rechtsbeistand, Kunstliebhaber. Susanne Klausmann: Spitalleiterin, Landgräfi von Magdeburg. Alina Blattmann: Tills Gehilfin, Dienerin. Daniel Schrempp: Bauer, Volk. Cheyenne Badke, Amelie Badke, Romy Schrempp: Bauerstöchter. Hanna Weber: Marktfrau, Kunstliebhaberin. Jürgen Karrer: Schweizer Gardist, Kaufmann Klaus. Ulrike Oberfell: Margaret, Professor Duda. Verene Brüstle: schöne Verena. Kostüme: Jürgen Karrer. Maske: Verena Brüstle, Waltraud Rössler. Bühnenbau: Jürgen Clever, Salih Gülec, Gesamtes Ensemble. Technik: Salih Gülec, Detlef Meyer. Regieassistenz: Brigitte Brüstle.

Intendanz, Buch, Regie: Jü gen Clever.