Haigerloch

Meisterwerken Chopins den eigenen Stempel aufgedrückt

von Willy Beyer

Haigerloch. Was die technische Versiertheit angeht, da spielt Pianist Valerij Petasch schon in der obersten Liga mit, doch im Interpretationsvermögen, da haftet ihm sogar der Nimbus der Einzigartigkeit an. Davon konnten sich die Zuhörer beim Auftritt dieses Aufnahmekönners am Samstag am Flügel im Haigerlocher Bürgerhaus überzeugen.

Dem Komponisten Frederic Chopin (1810 bis 1849) war der Abend gewidmet. Und genau dieser müsste sich ob der noblen Interpretation seiner Klavierwerke eigentlich noch mal aus seinem viel besuchten Grab auf dem Pariser Friedhof "Père la Chaise" erheben und applaudieren. Chopin war der Urheber schönster romantischer Klavierwerke und diesen Geist der Romantik scheint Valerij Petasch verinnerlicht zu haben.

Wie kaum ein anderer bietet er diesen beeindruckenden Kontrast von zartem, fast zärtlichem Berühren der Tasten im Spiel, um dann wieder dem Konzertflügel im beherzten festen Anschlag wuchtige Akkorde oder Akkordsäulen über die komplette Klaviatur zu entlocken. Die reinste Klanggewalt eben, im Kontrast zum fein-subtilen Spiel. So wie es die Chopin’schen Klavierwerke eigentlich verlangen.

Akzente setzt der Pianist insbesondere im Tempo, das er hie und da gewissermaßen aus dramaturgischen Gründen verlangsamt oder beschleunigt – eben Rubato spielen, wie das Jonglieren mit den Tempi gegenüber den Partiturvorgaben in der Musiksprache genannt wird. So etwas vermögen nur besonders versierte Pianisten zu vollführen, was das auswendig spielen voraussetzt. Mit diesen Effekten setzt Valerij Petasch den jeweiligen Werken den eigenen Stempel auf und adelt sie damit noch.

Um das zu können, muss die technische Versiertheit quasi ganz in den Dienst einer ausgereiften Interpretation gestellt werden, was beispielhaft bei der "Fantasie Impromptu" (in cis-moll) geschah. Darin muss die linke Hand Triolen im Viervierteltakt und die rechte 15 Sechszehntel im selben Taktmaß spielen, was rhythmisch sehr diffizil ist. Komplexe Akkorde über die gesamte Klaviatur und weitere Finessen hinzugenommen ist das Werk ziemlich anspruchsvoll. Neben der Impromptu erklangen auch die weiteren Chopin-Stücke in Petasch-Manier: Die drei Walzer "As-Dur Grande Brillante, cis-moll, h-moll", dann die "Ballade f-moll Nr. 4", eine auf die Musik Masurens zurückgehende "Mazurka a-moll" sowie das Nachtstück "Nocturne Des-Dur".

Verspielt und verträumt, losgelöst von allem und nach allen Regeln der Kompositionskunst erschaffen, erschienen auch Petaschs Eigenkompositionen, wovon nur die Traumstadt "Atlantis" sowie "Butterfly", die an barocke Tänze erinnernde "Siciliane" und besonders seine "Sonatina Graziosa" genannt seien.

Ohne mehrere Zugaben ließ das begeisterte Publikum den sympathischen Pianisten nicht gehen. Am Ende konnte sie sogar Wünsche äußern. Auf den Ruf "Ballett für zehn Finger" reagierte Valerij Petasch und verabschiedete sich mit diesem Eigenwerk.