Golden Globes

Leben, wie es wirklich ist

von Bernd Haasis

Los Angeles/Stuttgart - Es ist schon ihr dritter Golden Globe nach „Short Cuts“ (1993) und „Game Change“ (2013) – in „Still Alice“ aber wächst Julianne Moore (54) über sich hinaus als Linguistik-Professorin mit Alzheimer-Diagnose. „Ich sehe manchmal die Worte vor mir, aber ich kann sie nicht erreichen, und weiß nicht, wer ich bin und was ich als nächstes verlieren werde“, formuliert sie in einem lichten ­Moment, was so viele umtreibt.

Mutig präsentiert sich auch Patricia ­Arquette (46, „True Romance“) in „Boyhood“. Sie spielt eine Alleinerziehende, die Traummänner heiratet und sich von ­Alkoholikern trennt. Über zwölf Jahre hinweg gedreht, altert sie in Richard Linklaters Filmexperiment mit wie alle ­anderen und sie gibt sich dabei ganz natürlich, auch am Ende mit 44. Linklater im Interview mit unserer Zeitung: „Patricia ist sehr furchtlos. Sie hat mir schon sehr früh ­gesagt, dass sie sich ­wegen des Films auf keinen Fall die Brüste machen lassen wird. Ich war da ganz bei ihr.“ Golden Globe? Verdient.

Geld ist nicht alles

Das gilt auch für „Boyhood“ an sich, und das keineswegs nur wegen der Machart. Linklater („Before Sunrise“) kommt Menschen und Dingen näher als andere, er hat es in zwölf jährlichen, jeweils vierwöchigen Drehs ­geschafft, die Phänomene Kindheit und ­Heranwachsen allgemeingültig abzubilden – auch, weil er der Versuchung widerstanden hat, künstlich zu dramatisieren. „Die Leute schauen sich gerne Schießerei, Tod und Zerstörung an, weil sie diese Art von Drama in ihrem eigenen Leben nicht haben“, hat Linklater unserer Zeitung gesagt. „Dieser Film ist das Gegenteil, er soll Leben zeigen, wie es wirklich ist. Das Drama besteht darin, wie die Zeit vergeht und was das mit uns macht.“ Dabei hatte Linklater nur ein vergleichsweise winziges Budget von rund 4 Millionen Dollar (knapp 3,4 Millionen Euro) – ein einziger „Tatort“-Krimi kostet schon 1,4 Millionen Euro. Geld ist eben nicht alles, nicht einmal in den USA.

Oscar-Vorspiel

Ob „Boyhood“ nun auch Oscars abräumt? Reine Spekulation: Ein Einfluss der Golden Globes auf die rund 6000 Mitglieder der Academy Of Motion Picture Arts And Sciences, die über die Oscars entscheiden, ist nicht nachweisbar. Natürlich hat „Boyhood“ Chancen, genau wie Alejandro González ­Iñárritus Schauspieler-Tragikomödie „Birdman“ (Golden Globes fürs Drehbuch und für Hauptdarsteller Michael Keaton ) oder Wes Andersons bunte Farce „Grand Budapest Hotel“ (Golden Globe als beste Komödie). Noch ist nicht einmal klar, wer ins Rennen geht – die Oscar-Nominierungen werden an diesem Donnerstag bekanntgegeben.

Die Zukunft liegt im Netz

Die eigentlichen Gewinner der Golden Globes 2015 sind die Internet-Anbieter, die sich mit Eigenproduktionen neben den TV-Sendern behaupten: Amazon stellt mit „Transparent“ die beste Serie, Netflix mit Kevin Spacey im Polit-Format „House Of Cards“ den besten Serien-Drama-Schauspieler.

Als Spacey bei den Oscars 2014 ans Mikrofon trat, johlte der ganze Saal nach nur einem Satz – er sprach im unverkennbaren Duktus des Politikers Francis Underwood, als der er sich in „House Of Cards“ bis ins Weiße Haus trickst, intrigiert, mordet. Zwei Oscars hat Spacey schon, seinen ersten Golden Globe, und er hat ihn verdient – auch wenn Matthew McConaugheys manischer Ermittler in der irren Krimi-Serie „True ­Detective“ nicht minder präzise konturiert ist. In der Kategorie „Mini-Serie“ lief ihm Billy Bob Thornton den Rang ab als Bösewicht in „Fargo“, der ebenfalls ausgezeichneten Serien-Fortschreibung des Kino-Klassiker der Coen-Brothers von 1996. Alles vertretbar, aller Drehbücher sind stark und präzise auf den Punkt inszeniert; die Zukunft der Bewegtbilder liegt längst nicht mehr allein im Kino.

Später Ruhm

Komödie sei die Tragödie der anderen, ­befand US-Komödiant W. C. Fields, und einer seiner Erben beweist dies: Jeffrey Tambor (70, „Larry Sanders Show“) spielt in „Transparent“ einen Vater dreier erwachsener Kinder, der ein neues Leben als Frau anfängt. Tambor rückt die Transgender-Problematik einfühlsam in den Fokus, sein Golden Globe als bester Darsteller ist zugleich eine Auszeichnung für einen Aufklärer.

Seinen ersten großen Preis hat auch Charakterkopf J. K. Simmons (60) bekommen als fordernder Musikprofessor im Spielfilm „Whiplash“ – verdienter Lohn für all seine exzentrischen Nebenrollen wie in „Juno“ oder „Burn After Reading“.

Keine große Rolle spielte bei diesen Golden Globes das alte Hollywood mit den großen Filmstudios; dort könnte mancher ins Grübeln gekommen sein.

Die wichtigsten Gewinner in diesem Jahr

Bestes Drama: „Boyhood“; Beste Komödie: „The Grand Budapest Hotel“

Bester Hauptdarsteller Drama: Eddie Redmayne in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“; Beste Hauptdarstellerin Drama: Julianne Moore in „Still Alice“

Bester Haupt­darsteller Musical/Komödie: Michael Keaton in „Birdman“; Beste Hauptdarstellerin Musical/Komödie: Amy Adams in „Big Eyes“

Bester Nebendarsteller: J.K. Simmons in ­„Whiplash“ - Beste Nebendarstellerin: Patricia Arquette in „Boyhood“

Beste Regie: Richard Linklater für „Boyhood“.

Fernsehen – Beste Dramaserie: „The Affair“; Bester Schauspieler in einer Dramaserie: Kevin Spacey in „House of Cards“; Beste Schauspielerin in einer Dramaserie: Ruth Wilson in „The Affair“; Beste Comedyserie: „Transparent“; Bester Schauspieler in einer Comedy­serie: Jeffrey Tambor in „Transparent“; Beste Schauspielerin in einer Comedyserie: Gina Rodriguez in „Jane the Virgin“- Beste Miniserie oder Fernsehfilm: „Fargo“