Glatten

Spätzle, Most und tiefe Frömmigkeit

von Schwarzwälder Bote

Mit Ulrich Parzany kommt am heutigen Freitag ein prominenter Redner zu einer Veranstaltung des Männervesper- und des Frauenfrühstücksteams in die Glatttalhalle, der die Gegend kennt. Dietersweiler und Glatten sind Teile seiner Biografie – und seiner 2014 erschienenen Autobiografie.

Glatten/Freudenstadt. Ulrich Parzany verbindet mit Glatten eindrückliche Erlebnisse aus seiner Jugendzeit. Zusammen mit seiner Mutter war er in den Kriegsjahren 1942/43 von Essen aus in Dietersweiler evakuiert. Die freundschaftliche Verbindung dorthin hielt, wie Pfarrer Reinhard Sayer in seiner Ankündigung des heutigen Vortrags mitteilt. Parzany war auch später noch als Jugendlicher in den Sommerferien in Dietersweiler im Urlaub und besuchte mit Freunden gerne das Freibad im drei Kilometer entfernten Glatten.

In seinem Buch "Dazu stehe ich" findet Parzanys Verbundenheit zum Norschwarzwald wiederholt ihren Ausdruck: "Ich habe noch heute vor Augen, dass der Schnee auf dem Waldweg zwischen Freudenstadt und Dietersweiler so hoch lag, dass ich fast darin versank. Kein Wunder, es muss im Winter Anfang 1943 gewesen sein und ich war keine zwei Jahre alt. Meine Mutter musste mit mir zu Fuß den Weg vom Bahnhof Freudenstadt nach Dietersweiler gehen. Das sind etwa drei Kilometer. Wir waren dorthin nicht in den Urlaub gefahren, sondern in den Kriegsjahren evakuiert worden.

Das Ruhrgebiet wurde bombardiert und zerstört. Essen war mit den Fabriken der Firma Krupp ein Zentrum der Rüstungsindustrie. Wer konnte, verließ die Großstädte und suchte in ländlichen Gebieten Zuflucht. Die Bevölkerung des Ruhrgebiets wurde zum Teil evakuiert. Das heißt, Mütter mit kleineren Kindern wurden in ländlicheren Gegenden in Familien untergebracht.

Meine Mutter lebte 1942/43 mit mir ein Jahr lang in dem Schwarzwalddorf Dietersweiler bei Freudenstadt. Wir wohnten bei den Schwestern Amalie und Pauline Bauer, die einen Bauernhof bewirtschafteten. Die angeordnete Unterbringung erwies sich für mich als großer Segen. Ich soll mit zwei, drei Jahren Schwäbisch gesprochen haben. Damals wurden meine Geschmacksnerven nachhaltig auf Spätzle und andere schwäbische Köstlichkeiten programmiert.

Die herzliche Beziehung unserer Familie zu Amalie und Pauline Bauer dauerte an, bis die beiden Schwestern in hohem Alter starben. Ich war oft in den Sommerferien in Dietersweiler und durfte aktiv am landwirtschaftlichen Leben teilnehmen. Mist fahren, Heu machen, die Ernte einbringen – erst mit Kühen, dann mit einem einachsigen Schlepper – waren für einen Jungen aus der Großstadt wunderbare Abenteuer.

Amalie kochte die wunderbaren schwäbischen Gerichte. Die Spätzle wurden natürlich mit der Hand geschabt, die großen runden Brotlaibe im Backhaus gleich nebenan gebacken. Der berühmte Schinken war selbst geräuchert; und aus Birnen und Äpfeln wurde der erfrischende Most – gesprochen: ›Moscht‹ – gekeltert. Die tiefe Frömmigkeit der Schwestern und auch anderer Menschen in Dietersweiler prägten mich. Sie gehörten zur Hahn’schen Gemeinschaft. (…)

Zu den Kostbarkeiten in meinem Bücherschrank gehört ein ledergebundener Band von Michael Hahns Schriften. (...) Meine Tanten Amalie und Pauline – ich habe sie zeitlebens Tanten genannt, obwohl wir nicht verwandt waren – haben vorne, unter einer alten handschriftlichen Widmung aus dem Jahr 1826 im September 1958 eine Widmung für mich geschrieben: ›Unserem lieben Ulrich zum gesegneten Gebrauch gewidmet.‹ (…)

Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, stelle ich staunend und dankbar fest, dass ich mitten in einem Inferno von Gewalt und Zerstörung, Menschenverachtung und Tyrannei von Menschen umsorgt war, die von tiefer Gottes- und Menschenliebe erfüllt waren. Es waren Menschen, in deren Leben ich die formende Hand des lebendigen Gottes gesehen habe."

"Kann man Glück lernen?": Über dieses Thema spricht Pfarrer Ulrich Parzany am heutigen Freitag, 9. März, bei einem "Gedankenanstoß", zu dem das Männervesper- und das Frauenfrühstücksteam der evangelischen Kirchengemeinde in Glatten einladen. Beginn ist um 19 Uhr in der Glatttalhalle. Es gibt einen Imbiss und Musik von Werner Finis aus Freudenstadt.

Pfarrer Ulrich Parzany wurde 1941 in Essen geboren. Seit 1967 ist er mit seiner Frau Regine verheiratet. Das Paar hat drei Kinder. Von 1984 bis 2005 war Parzany Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbands in Deutschland mit Sitz in Kassel. Von 1994 bis 2013 war er Leiter der evangelistischen Projektarbeit "Pro-Christ" und dabei häufig Hauptredner bei den Pro-Christ-Veranstaltungen. Laut Pfarrer Reinhard Sayer ist Parzany "bis heute ein wacher Geist, was die Beurteilung der aktuellen Situation in Kirche und Gesellschaft betrifft, und ein ermutigender Redner, der überzeugend zu einem Leben in der Nachfolge Jesu einlädt".