Geislingen

Schauhühnerstall soll Vorurteile aufräumen

von Sören Stiegler

Geislingen-Binsdorf - Das erste Tier, das die Besucher des Geflügelhofs schwanzwendelnd begrüßt ist kein Huhn, sondern die Riesenschnauzer-Hündin Fanny. Sie begleitet Matthias Hölle bei seiner Tour durch den Schaustall des Steinefurthofs.

Matthias Hölle klopft an das Tor des im vergangenen Jahr umgebauten, ehemaligen Schweinestalls. Immer wieder schlägt sein Fingerknöchel gegen das Holz. Er meldet sich an. "Wenn früher einfach so die Mutter ins Zimmer gerannt kam, ist man auch erschrocken", erklärt Hölle.

Dann öffnet er das Tor und betritt den sogenannten "Wintergarten" des Schaustalls. Hunderte, wenn nicht tausende braune Hennen blicken ihm entgegen. Er tritt ein – Fanny muss draußen bleiben – und geht in die Hocke. Sofort nehmen ihn die Hühner in Beschlag. "Die braunen Hühner, die die braunen Eier legen, sind sehr zahm. Die würden sich auf mich setzen. Die weißen, die die weißen Eier legen, sind ängstlich", erklärt er. Die Hennen rücken immer näher und beginnen nach den Schnürsenkeln zu picken. Ein scharfer, beißender Geruch, der an Zoobesuche erinnert, geht von den Tieren aus.

Entspannte Zufriedenheit

Ihre lauten Rufe klingen wie das Wehklagen einer riesigen Menschenmenge. Tatsächlich seien die Geräusche aber Ausdruck von entspannter Zufriedenheit, erklärt ihr Besitzer. Hühner können ungefähr 30 bis 40 unterschiedliche Laute produzieren. Man müsse lernen diese zu deuten: "Landwirtschaft ist kein Streichelzoo, aber ich muss hören, was die Tiere mir erzählen, was sie mir mitteilen."

Sind seine Hühner glücklich? Das sei Ansichtssache, wägt Hölle ab. Was bedeutet schön glücklich? "Meine Hühner sind zufrieden, weil sie von der Ernährung her bestens versorgt sind. Ein Tier muss zufrieden und gesund sein." Fünfmal täglich erhalten die Tiere Futter auf Getreidebasis. Frisches Wasser ist ständig verfügbar. Im "Wintergarten" stehen vereinzelt kleine Heuballen und Picksteine: das "Beschäftigungsprogramm".

Vor allem aber brauche das Huhn genug Platz, da sei es wie beim Menschen: "Sonst geht man sich auf den Geist." Insgesamt 27 000 Tiere verteilen sich auf drei Ställe – zwei Ställe Bodenhaltung, ein Stall Freilandhaltung. Konkret bedeutet das: neun Hühner auf einem Quadratmeter. Drei Tiere pro Quadratmeter zu viel um das Prädikat "Bio-Haltung" zu bekommen.

Hölle greift hinunter zu den Sägespänen, die den Boden des Innenraums bedecken und lässt sie durch seine Hand gleiten. Dann zeigt er seine leere Handfläche: Sie ist sauber. "Wenn die Hand sauber ist, dann ist alles in Ordnung: Die Tiere sind gesund, das Futter gut und die Lüftung intakt."

Es ist Matthias Hölle wichtig den Menschen zu zeigen, wie seine Tiere leben und wie die Eierproduktion vonstatten geht. Daher die Idee mit dem Schaustall. "Die Bevölkerung ist so weit weg von der Landwirtschaft. Und die junge Generation hat oft keine Ahnung mehr, wo Nahrung eigentlich herkommt."

Durch einen Seiteneingang können Besucher eintreten und durch Glasscheiben das Geschehen im "Wintergarten" und im angrenzen "Warmbereich" beobachten. Matthias Hölle und Fanny steigen über eine grob gezimmerte Holztreppe ins Obergeschoss des Stalls.

30.000 Eier am Tag

Von dort ist der "Warmbereich" besser zu überblicken. Zwei lange, metallene, dreigeschossige Volieren befinden sich darin. Hier schlafen die Hühner. Eng aneinander geschmiegt, hoch oben, als wären es Bäume, erzählt Hölle. Um 5 Uhr morgens geht das Licht an. Nach der ersten Fress-Runde überkommt die Hennen der Legebetrieb. Sie ziehen sich in die Nester zurück, die sich innerhalb der Voliere hinter roten Vorhängen befinden. Dort, am dunkelsten Ort des Stalls, legen die Hennen ihre Eier: Vier Eier in fünf Tagen – insgesamt fast 30.000 Eier pro Tag, 365 Tage im Jahr.

Ein Fließband unterhalb der Nester transportiert die Eier aus dem Stall, auf die sogenannte Eierstraße und von dort über eine die angrenzende Straße überspannende Brücke hinweg bis zur Lagerhalle. Ohnehin funktioniert im Stall vieles vollautomatisch. Ein Computer kontrolliert Lüftung, Futterzufuhr und spült die Trinkwasserleitungen durch. Auch die vollgekoteten Sägespäne werden automatisch abtransportiert.

Die Tiere kommen nach 18 Wochen in der Aufzucht zum Geflügelhof. Nach der 80. Lebenswoche kommen sie zum Schlachter. "Das ist der weniger schöne Teil", gibt Hölle zu. Dann wird der Wärmebereich abgedunkelt, die Hühner sammeln sich zum Schlafen. Zwei Personen gehen längs an den Volieren entlang. Einer nimmt das Huhn, reicht es zum Kollegen runter und steckt mehrere Hühner in eine Verladebox, die dann auf den Lkw kommen. "Das ist wie bei der Weinernte", sagt Hölle, "man zupft sie einfach runter."

In der Lagerhalle endet der Rundgang. Sobald die Eier dort angekommen sind, werden unschöne oder angebrochene Eier zunächst händisch am Fließband aussortiert. Beim Durchleuchten der Schale werden jene Eier, die einen Lichtsprung oder Blutfleck im Inneren aufweisen, ebenfalls per Hand aussortiert und landen in einem Eimer. Den Rest erledigen größtenteils Maschinen, beispielsweise das Ordnen nach Gewichtsklassen oder das Verpacken in die Eierschachteln.

Matthias Hölle hofft, den Leuten ihre Vorurteile gegenüber der Landwirtschaft und insbesondere der Tierhaltung nehmen zu können: "Die Bilder, die im Fernsehen vermittelt werden, sind das größte Problem." Er sei bereit, sich auch mit kritischen Fragen auseinander zu setzen. Letztlich liege es in der Hand der Verbraucher, ob sie seine Eier oder Billig-Eier aus dem Discounter kaufen. Während Hölle spricht, steckt Fanny bis über beide Ohren im Eimer mit den aussortierten Eiern.