Frankreich

Flut stürzt wie ein Tsunami heran

von Gerd Niewerth, Paris

Arcs sur Argens - Es ist das heftigste Unwetter in der Region seit 180 Jahren: Bei verheerenden Überschwemmungen im Südosten Frankreichs sind ganze Ortschaften verwüstet worden. Mehrere Bewohner werden noch immer vermisst.

Philippe Baudens aus dem Städtchen Arc-sur-Argens ist noch sichtlich geschockt. "So etwas habe ich noch nie erlebt, in wenigen Minuten stand mir das Wasser fast bis zum Hals", sagt der Familienvater. In einer Notunterkunft verteilen Rotkreuzhelfer Decken und warme Getränke an seine Frau und die Kinder. Baudens hatte noch Glück im Unglück: Mindestens 19 Menschen fanden bei den sintflutartigen Regenfällen in Südfrankreich den Tod. Zigtausende im Département Var nahe der Cîte d'Azur stehen am Mittwoch, am Morgen danach, schluchzend vor den Trümmern, die das Unwetter hinterlassen hat.

Überall gibt es beschädigte Häuser, überall aufgerissene Straßen. Manche Krater sind so groß, als hätten sie hier Bomben abgeworfen. Weil das Wasser nicht schnell genug abfließen kann, verwandeln sich die Straßen in Arcs-sur-Argens in reißende Flüsse mit monströser Kraft. Weggespülte Autos stehen Hunderte Meter entfernt senkrecht aufgerichtet neben anderen Wracks, andere liegen auf dem Dach, als hätte ein zorniger Riese sie dort hingeworfen.

Bilder eines Hollywood-Schocker

Es sind Bilder wie aus einem Hollywood-Schocker: Die Sonne scheint vom blauen Himmel, aber unten bedecken die braunroten, bis zu drei Meter hohen Wassermassen ganze Landstriche. Mittendrin steht ein Pferd bis zur Schulter unbeweglich in der Flut und trotzt tapfer der Gefahr. Dutzende Hubschrauber sind im Einsatz, um Menschen von Hausdächern zu holen. Ein Lkw-Fahrer steht stundenlang auf dem Dach seines Müllwagens, ehe er an Bord des Armeehubschraubers genommen wird.

"Das war historisch", sagt der Meteorologe Thierry Fréret. An manchen Stellen fielen in 24 Stunden 400 Millimeter Niederschläge. Die Regenfälle begannen am späten Dienstagnachmittag und steigerten sich in der Nacht. "So etwas habe ich in fünfzig Jahren nicht gesehen", sagt auch Oliver de Mazière von der Präfektur Var.

Es hatte Unwetterwarnungen gegeben. Aber niemand rechnete damit, dass sich die Katastrophe mit voller Gewalt auf diesen kleinen Landstrich konzentrieren würde. "Die Menschen waren überrascht von der Schnelligkeit, mit der das Wasser stieg", fügt Olivier de Mazière hinzu. Am heftigsten hat es Draguignan erwischt, das acht Ertrunkene beklagt. Vier sind es in Trans-en-Provence, einer in Roquebrune. Allein in Draguignan setzen sie neun Hubschrauber und 15 Rettungsboote ein, um die Menschen ins Trockene zu bringen. Manche Bewohner rudern auf Surfbrettern durch das überflutete Land und bringen sich sowie ihr Hab und Gut in Sicherheit. Im verheerten Département sind Tausende Feuerwehrleute im Einsatz. 1200 Menschen verbringen die Nacht in Turnhallen und Hotels, darunter auch zahlreiche Touristen. Ältere und gebrechliche Menschen tragen sie auf Armen in Sicherheit. "Es war wirklich der Weltuntergang", sagt eine Frau.

Die Elektrizitätsunternehmen sind schon Dienstagabend gezwungen, den Strom auszuschalten. 100.000 Haushalte in Var sind noch immer ohne Strom, überall ist der Verkehr unterbrochen. Zwischen Toulon und Nizza fahren keine Züge mehr. Auch der Flughafen von Toulon steht unter Wasser. Stellenweise brach auch das Telefonnetz zusammen.

Innenminister Brice Hortefeux eilt am Mittwoch in die Katastrophenregion und verspricht unbürokratische Hilfe. Es ist schon der dritte Katastropheneinsatz in diesem Jahr. Im Frühjahr fegte Todesorkan Xynthia über die Atlantikküste, über 50 Menschen kamen ums Leben, die meisten ertranken. Erst vor wenigen Wochen hatte ein Sturm die Cîte d'Azur heimgesucht und in Cannes einen Millionenschaden angerichtet.