Forschungsprojekt

Schavan will Amokgefahr an Schulen senken

von Rainer Wehaus

Stuttgart - Seit der Bluttat von Winnenden will nicht nur Baden-Württemberg mit diversen Maßnahmen Amokläufe unwahrscheinlicher machen. Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) mischt mit. Sie finanziert ein Forschungsprojekt, das im Herbst an 40 Schulen in Baden-Württemberg beginnen soll.

Man verliert leicht den Überblick bei den vielen Vorhaben, mit denen die Politik auf den Amoklauf von Winnenden reagieren will. An diesem Dienstag wird die Landesregierung in Stuttgart jene Maßnahmen beschließen, die ihr ein Sonderausschuss des Landtags einstimmig nahegelegt hat. Mehr Schulpsychologen, mehr Staatsanwälte, eine bessere Ausrüstung der Polizei sowie ein flächendeckendes Anti-Gewalt-Programm an Schulen - das ist nur ein Teil der Wunschliste des Parlaments, die den angespannten Landesetat nach bisherigen Berechnungen mit bis zu 30 Millionen Euro im Jahr zusätzlich belasten könnte.

Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat trotz Rekordverschuldung des Bundes offenbar noch ausreichend Geld zur Verfügung. Vergangenes Jahr entschloss sich die frühere Kultusministerin Baden-Württembergs spontan, ein Forschungsvorhaben mit 1,2 Millionen Euro zu finanzieren, von dem sie in der Zeitung gelesen hat. Es handelt sich dabei um das Projekt Netwass (Networks against school shootings) des Psychologen Herbert Scheithauer (40) von der Freien Universität Berlin. Er will den Blick der Lehrkräfte für potenzielle Amokläufer schärfen, mit Netzwerken an den Schulen zumindest ein subjektives Gefühl von Sicherheit schaffen und sucht gerade in den Bundesländern Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg insgesamt 120 Schulen, die sich drei Jahre lang entsprechend beraten lassen.

An jeder Schule soll ein "Bedrohungsanalyse-Team" gebildet werden, dem bedrohliche oder seltsame Verhaltensweisen von Schülern gemeldet werden sollen. Es gehe aber nicht darum, an den Schulen eine "Kultur der Denunziation" zu schaffen, sagt Scheithauer, sondern eine "Kultur des Hinsehens". Es würden auch keine Dateien oder Sammelordner geschaffen. "Wir halten uns streng an den Datenschutz", so der Professor. Das Projekt ziele auch nicht darauf ab, konkrete Amoktaten zu verhindern. "Ich gehe davon aus, dass Amokläufe an Schulen auch in Zukunft in Deutschland sehr, sehr selten passieren werden", sagt Scheithauer. Es gehe darum, psychosoziale Notlagen bei Schülern möglichst früh zu erkennen und den Betroffenen dann diskret und wirksam zu helfen. Im Blick hat man dabei insbesondere auch ruhigere, zurückgezogenere Schüler, die möglicherweise auch innerhalb ihrer Klasse isoliert sind.

Der Versuch ist auf den Regierungsbezirk Stuttgart begrenzt

Wie man am besten diese "Kultur des Hinsehens" schaffen kann - möglichst an allen Schulen Deutschlands -, das will Scheithauer nun drei Jahre lang erforschen. Mithelfen dabei sollen speziell geschulte Schulpsychologen und Polizisten. Laut Stuttgarter Kultusministerium, das Scheithauer in seiner Arbeit unterstützt und diese auch begrüßt, hat der Professor 120 Schulen im Südwesten angeschrieben in der Hoffnung, dass 40 Einrichtungen mitmachen. Der bisherige Rücklauf stimmt Scheithauer zuversichtlich. Es gebe Zu- und Absagen in einem ,,guten, ausgewogenen Verhältnis".

Aus organisatorischen Gründen begrenzt man den Versuch auf drei Schulamtsbezirke, die allesamt im Regierungsbezirk Stuttgart liegen, und zwar auf die Landeshaupstadt, den Landkreis Esslingen sowie den Schulamtsbezirk Künzelsau, der die Kreise Hohenlohe, Schwäbisch Hall und Main-Tauber umfasst. Damit will man die Bereiche Großstadt, deren Speckgürtel sowie den ländlichen Raum abdecken. Nicht dabei ist somit die Albertville-Realschule in Winnenden, die durch den Amoklauf vom 11. März 2009 traurige Berühmtheit erlangte und im Schulamtsbezirk Backnang (Rems-Murr-Kreis) liegt.

Für einen solchen Test brauche man einen repräsentativen Querschnitt, heißt es, eine extrem vorbelastete Schule wie die in Winnenden sei daher dafür ungeeignet. Scheithauer selbst sagt dazu nur so viel, dass er durchaus ein Interesse daran habe, dass auch vorbelastete Schulen bei dem Versuch mitmachten. Dies könnten aber auch Schulen sein, bei denen es Amokdrohungen gegeben habe und die wissen wollten, wie man mit so etwas richtig umgehe.

Im Stuttgarter Kultusministerium hat man keine Sorge, dass sich Scheithauers Projekt nicht verträgt mit dem Anti-Gewalt-Programm, das das Land an allen Schulen bringen will. Die Programme ergänzten sich, so eine Sprecherin. "Wir begrüßen das Projekt aus Berlin."