Flüchtlingsfrage

Wenn der Erzbischof als Vaterlandsverräter beschimpft wird

von Michael Trauthig

Stuttgart - Margot Käßmann, die Botschafterin des Reformationsjubiläums, kennt die kirchlichen Verhältnisse aus dem Effeff. Seit rund 30 Jahren bekleidet sie schließlich wichtige Funktionen im Protestantismus, und sie ist momentan ständig an der Basis unterwegs. Dort ist die Lage nach ihrer Einschätzung relativ ungemütlich. In den vergangenen anderthalb Jahren hätten sich die Beschimpfungen von Pfarrern in einem Maße gesteigert, wie sie es noch nie erlebt habe, sagt die Theologin und spielt damit auf die Auseinandersetzungen um die Flüchtlingsfrage und den Islam an. Der katholische Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ist sogar mit dem Tode bedroht worden, nachdem seine Aussagen über einen möglichen muslimischen Bundespräsidenten in rechten Kreisen falsch wiedergegeben worden waren. „Man schreibt, das ich vergast werden oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll“, erzählt Schick dieser Zeitung. In Briefen und Mails schlage sich die Aggression nieder.

„Sie sollen der Erste sein, der geköpft wird, wenn die Islamisten kommen“, heißt es gegenüber dem Erzbischof zum Beispiel. Offenbar fallen bei manchen Hetzern die Schranken jeglichen Anstands, und kommt es vereinzelt sogar zu Gewalt gegen Geistliche. „Panorama“ berichtete kürzlich, dass bei Jülich ein in der Flüchtlingshilfe engagierter Pfarrer nachts von Unbekannten niedergeschlagen worden sei. Von vergleichbaren Fällen ist bei den Kirchen im Südwesten zwar keine Rede, heftige Kritik, die teils bis zum Hass geht, meldet sich aber auch hier. „Es gibt Beschimpfungen von Priestern oder Mitarbeitern, aber – soweit uns bekannt – keine ernst zu nehmenden Bedrohungen oder Gewalt“, sagt etwa Robert Eberle. Die Erklärung des Sprechers der katholichen Erzdiözese Freiburg klingt zunächst beruhigend, doch Eberle hat auch Besorgniserregendes zu berichten.

Die Kirche will sich nicht einschüchtern lassen

Zum Teil seien die Menschen in „Hetzportalen“ unterwegs und dort würden sie aufgefordert, „dem Erzbischof mal die Meinung zu sagen“. In der Folge muss Stephan Burger in Mails und einigen Briefen heftige Schelte einstecken. „Kritikwellen gibt es eigentlich immer dann, wenn der Erzbischof sich für Hilfe für Geflüchtete stark macht“, betont Eberle. Dann werde mit dem Kirchenaustritt gedroht oder dem Geistlichen werde vorgehalten, er fördere die Islamisierung Deutschlands.

Im Herbst stand in einer Mail gar, Burger solle künftig keinen Berggottesdienst auf dem „Kandel“ mehr feiern – in „unserer schönen Heimat und Natur“, so der Schreiber. Stattdessen solle er, den Gottesdienst „bei ihren beliebten Asylanten, für mich 90 Prozent Dealer und Schmarotzer“ abhalten. „Sie“, meinte der Absender zu Burger „haben es nicht verdient, in so einer schönen Gegend die heile Welt zu verkünden – in Wirklichkeit helfen Sie mit, Deutschland zu zerstören.“ Wenn die Autoren solcher Zeilen meinen, die Kirche einschüchtern zu können, täuschen sie sich aber offenbar. „Natürlich lassen mich die Angriffe nicht kalt“, sagt Schick. „Aber ich lasse mich nicht unterkriegen. Man darf sich nicht wegducken, auch wenn man ein blaues Auge bekommen kann“. Und Eberle berichtet: Wenn es gelinge, die Absender solcher Schreiben zu identifizieren, würden die Verfasser in der Regel rasch sehr kleinlaut.

Ein rauerer Ton auch bei anderen Themen

„Regelrechte Hassmails sind bei uns noch nicht angekommen“, betont dagegen Daniel Meier, der Sprecher der evangelischen Landeskirche in Baden. Insgesamt halte sich die Kritik an der Haltung zur Flüchtlingsfrage in Karlsruhe somit in Grenzen. „Der Ton ist schon rauer geworden“, meint wiederum Dan Peter von der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Selbst in Briefen an den Landesbischof gebe es Respektlosigkeiten, die früher so nicht vorgekommen seien. Doch diese Verrohung habe nichts mit dem Streit über die Einwanderung zu tun, sondern sei ein allgemeiner Trend. „Bei anderen Streitfragen wie dem Umgang mit Homosexualität kam bei uns schon wesentlich mehr Protest an“, erzählt Peter.

Seine Einschätzung deckt sich weit gehend mit der Bilanz der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart. Tätliche oder verbale Übergriffe gegen Geistliche gebe es nicht. „Wöchentlich erreichen den Bischof maximal ein bis zwei Schreiben, die Kritik an seiner Haltung zu den Flüchtlingen äußern. Die sind aber in der Form in Ordnung“, betont der Sprecher Uwe Renz. Damit markiert er einen deutlichen Unterschied zu den Erfahrungen von Gebhard Fürsts Amtsbruder in Freiburg und von Ludwig Schick. Wie die Differenz zu erklären ist, weiß auch Renz nicht. Schick nimmt an, er sei besonders im Fokus, weil er als einer der ersten Geistlichen gegen Pegida Stellung bezogen habe. Daran dass sich der Rottenburger Fürst nicht ebenfalls klar zu Zuwanderung positioniert hat, kann es nicht liegen. Schließlich hat er sich schon 2013 entschieden, das von den Mönchen verlassene Kloster Weingarten für Flüchtlinge zu öffnen und damit ein deutliches Signal gesetzt. Er hat auch häufig klar zugunsten einer offenen Haltung gegenüber Flüchtlingen plädiert und rasch einen Flüchtlingsbeauftragten installiert. Womöglich, so Renz, habe auch diese frühe Weichenstellung geholfen, viele Gläubige „mitzunehmen“.