Eishockey

Interview: Wild Wings-Coach zieht Bilanz

von Gunter Wiedemann und Michael Bundesmann

Am vergangenen Donnerstag zur Mittagszeit in der Trainerkabine der Wild Wings. Chefcoach Paul Thompson, Co-Trainer Mike Flanagan und Torhüter-Coach Ilpo Kauhanen haben gerade ein Meeting mit der Mannschaft hinter sich – neun Tage vor dem Saisonstart gegen Ingolstadt. "Wir haben eine erste Bilanz der Vorbereitung gezogen und von allen Spielern ein positives Feedback erhalten", berichtet Paul Thompson. Er erzählt auch, weshalb Mark Fraser der neue Kapitän ist, dass er seine Mannschaft im Vergleich zur vergangenen Saison in allen Bereichen verbessert sieht und warum er die DEL-Hauptrunde in sieben Blöcke einteilt. "Für uns beginnen die Play-offs schon am 13. September mit dem ersten Spiel gegen Ingolstadt", unterstreicht der Brite.

Herr Thompson, zum ersten Mal hat bei den Wild Wings das Trainerteam – und nicht die Mannschaft – den Kapitän und die beiden Assistenten bestimmt. Warum ist es Mark Fraser geworden?

Die Entscheidung, einen Spieler zum Kapitän zu ernennen, ist keinesfalls eine Entscheidung gegen die Spieler, die ebenfalls favorisiert waren. Wir haben sieben, acht Führungsspieler in unserem Kader, was sehr positiv ist. Unser Kapitän muss viele Bereiche intern gut abdecken. Wir brauchen intern nicht ständig Meetings, um Themen zu besprechen. Wir haben innerhalb der Mannschaft und zwischen Team und Trainerstab konstant einen positiven Austausch. Mit Mark Fraser haben wir den für uns richtigen Mann gefunden. Das passt.

Sie haben gerade mit der Mannschaft eine erste Bilanz der Vorbereitung gezogen. Sie sprechen von einem sehr positiven Feedback der Spieler. Wie zufrieden sind Sie selbst mit der Testphase?

Wir haben mit unseren Spielern gerade besprochen, wohin wir in dieser Saison wollen und was wir alles noch verbessern wollen. Es ist uns Trainern sehr wichtig, die Meinung der Spieler zu hören. Wir drei Coaches haben nur insgesamt 56 Jahre Erfahrung im Eishockey – die Spieler kommen insgesamt auf mehr als 200 Jahre Praxis (lacht). Deshalb ist ihre Meinung sehr wichtig. Ich bin mit unserer Vorbereitung – abgesehen von den Verletzungen von Mirko Sacher und Simon Danner – sehr zufrieden. Wir haben eine Mannschaft mit 15 neuen Spielern gebildet, die sehr eng zusammensteht. Deshalb gab es in den vergangenen Wochen viele Gruppen-, aber auch Einzelgespräche. Wir haben eine konkrete Idee, wie wir auf und neben dem Eis zusammenarbeiten wollen. Um diese Mannschaft zu finden, haben Manager Jürgen Rumrich und wir Trainer sehr viele Stunden gebraucht. Es gibt im Team einen großen Respekt zwischen den erfahrenen und den jüngeren Spielern. Nur ein Beispiel: Mike Blunden hat unseren Nachwuchsstürmer Cedric Schiemenz auch einmal zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Auf der anderen Seite geht Cedric Schiemenz sehr auf die Ratschläge von Mike Blunden ein. "Wir und ihr" – dies gibt es in unserem Kader nicht. Dass diese Gemeinschaft schon sehr gut funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich möchte an dieser Stelle auch einmal Simon Danner hervorheben, der viel für ein sehr gutes Teamklima tut, auch wenn er uns derzeit aufgrund seiner Verletzung nicht auf dem Eis helfen kann. Diese Atmosphäre bildet insgesamt die wichtige Basis für eine erfolgreiche Saison.

Zurück noch einmal zu den Vorbereitungsspielen. Gegen Rapperswil und Zug kassierte Ihre Mannschaft übermäßig viele Strafen.

Es war ein guter Lernprozess für uns. Wir können den in diesen Spielen phasenweise kleinlich leitenden Schiedsrichtern eigentlich dankbar sein, dass sie uns diese wichtige Erfahrung vermittelt haben. Unser Spiel soll hart und von viel Physis geprägt sein. Es kann in dieser Beziehung für uns in der Saison manchmal ein schmaler Grat sein. Wie gesagt, wir müssen aus diesen genannten Spielen lernen.

Im vergangenen Jahr waren das Powerplay, das Scoring und auch das Bullyspiel die großen Baustellen in Ihrem Team.

Wir werden in allen Bereichen besser als in der vergangenen Saison sein. Das Powerplay war einer der großen Schwerpunkte in unserer Vorbereitung. Im Gegensatz zur Vorsaison haben wir nun zwei feste Überzahl-Formationen. Die Vorbereitung hat gezeigt, dass wir nun einige Spieler haben, die scoren und Spiele entscheiden können. Auch bei Mike Blunden und Troy Bourke, die in den Testspielen noch nicht so viel trafen, wird man dies noch sehen. Sehr positiv war für mich in der Testphase, dass wir auch gegen starke Teams aus der Schweiz viele Chancen kreiert haben. Natürlich sind alle Spieler auch Geschäftsleute, die auch auf ihre eigene Statistik schauen. Aber über allem steht, dass unsere Mannschaft möglichst viele Spiele gewinnt, egal wer scort. Diese Mentalität besitzt unser Team.

Und das Bullyspiel?

Auch hier werden wir effektiver sein. Es kommt nicht nur auf den Bully-, sondern auch auf seine beiden Nebenspieler in dieser Situation an. Aufgrund der Tatsache, dass wir viele Rechts- und Linkshänder im Team haben, muss sich dies aber noch besser einspielen.

Was für ein Spielsystem werden wir von Ihrer Mannschaft in der neuen Saison sehen?

Wir hatten bereits im vergangenen Jahr ein schnelles Umschaltspiel nach vorne, das aber nicht so oft präzise war. Wir wollen auch in der neuen Saison schnell nach vorne umschalten, dann aber in der Offensivzone besser die Scheibe kontrollieren und den Gegner in dessen Drittel mehr unter Druck setzen.

Die Wild Wings waren zuletzt mit nur 28 Punkten in der Helios-Arena das schwächste Heimteam in der DEL-Hauptrunde.

Für uns ist ganz klar: Wenn wir zu den Top 10 der Liga zählen wollen, dann müssen wir die Basis dafür mit möglichst vielen Siegen in unseren Heimspielen legen. Unsere Gegner dürfen irgendwann mal keine Lust mehr haben, nach Schwenningen zu kommen, weil es hier schwer ist, gegen uns zu gewinnen. Und, dass auf sie ein sehr unbequemer Gegner wartet. Ich wünsche mir, dass gleich im ersten Saisonspiel daheim gegen Ingolstadt Mannschaft und Fans ganz eng zusammenrücken und der Funke sofort überspringt.

Sie unterteilen die Hauptrunde in sieben Blöcke mit jeweils sieben Spielen.

Dies ist richtig, aber ich möchte davon nicht so viel verraten, denn es soll intern bleiben. Nur so viel: Es gibt für die Mannschaft in jedem Block eine Zielvorgabe an Punkten. Schafft sie mehr, dann hat sie einen Bonus für die nächste Etappe. Wenn wir unsere Ziele in diesen Abschnitten erreichen, dann haben wir unser Hauptziel, die Play-off-Teilnahme, geschafft. Wenn Sie so wollen, dann beginnen für uns die Play-offs bereits am 13. September. Unsere Spieler werden dieses Schema oft bei ihrer Arbeit vor Augen haben.

Bei den Fans und im gesamten Umfeld herrscht nicht nur viel Euphorie, sondern auch eine große Erwartungshaltung im Hinblick auf die neue Saison. Ist dies für Sie ausschließlich positiv – oder kann es auch kompliziert werden?

Warum kompliziert? Die Vorfreude und die Erwartungshaltung unserer Fans auf die neue Saison ist einfach großartig und absolut verständlich. Es fühlt sich für uns richtig gut an. Schließlich haben wir auch eine neue Mannschaft. Für uns alle zählt nur das Ziel, also die Play-off-Teilnahme.

Die Pre-Play-offs beginnen am 11. März 2020. Dann könnten Sie schon ein Visum brauchen, um nach einem Brexit zwischen Birmingham und Schwenningen hin und her zu pendeln.

Ich werde in der Länderspielpause im November wieder nach England fliegen – und niemand weiß, was dann schon in meinem Land los ist. Das ist großer Mist. Vielleicht brauche ich dann schon ein Visum, um nach Schwenningen zurückzukommen. Vielleicht wollen mich die Wild Wings nach der Länderspielpause auch gar nicht mehr zurückhaben und sagen mir am Telefon, dass ich bloß in England bleiben soll (lacht).