Einzelhandel in Stuttgart

IHK-Studie: Stadt hat kaum vom Handelsboom profitiert

von Sven Hahn

Stuttgart - Die Verkaufsfläche im Handel ist in Stuttgart in den vergangenen Jahren extrem gewachsen. Die Anziehungskraft der Landeshauptstadt hingegen ist kaum gestiegen. Das ist ein Ergebnis der aktuellen Untersuchung der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart (IHK) zum Einzelhandel. „Es gibt Standorte, die deutlich ­verloren haben“, fasst Martin Eisenmann, der Referatsleiter Handel der IHK, zusammen. Insgesamt sei die Region mit einem Konsumpotenzial von 19,8 Milliarden Euro für das Jahr 2017 aber einer der stärksten Handelsstandorte der Republik.

In Handelskreisen wird die Anziehungskraft einer Stadt mit Zentralität beschrieben. Diese Kennziffer liegt in Stuttgart bei 122,2 – in Worte übersetzt, bedeutet diese Kennziffer, dass in Stuttgart in den Kassen der Einzelhändler rund 22 Prozent mehr an Umsatz landet, als dies aufgrund der Einkommensverhältnisse der Stuttgarter Bevölkerung zu erwarten wäre. Die Landeshauptstadt zieht also Kaufkraft von außen an. Und: Im Vergleich der Großstädte liegt Stuttgart in dieser Kategorie auf Rang zwei hinter Nürnberg (Kennziffer 130,3). „Das ist ein Erfolg, speziell wenn man bedenkt, dass die Landeshauptstadt von starken Mittelzentren umgeben ist“, sagt Eisenmann.

„Man hatte sich mehr versprochen“

Bemerkenswert ist allerdings auch der Vergleich der Zentralität der Stadt Stuttgart über einen längeren Zeitraum. Die IHK macht ihre großen Untersuchungen zum Einzelhandel im Zweijahresrhythmus: 2013 lag der Wert bei 121,7, vor zwei Jahren bei 121,9, im Jahr 2017 beträgt die Kennziffer zur Zentralität 122,2. Das Ergebnis: „Der Zuwachs an Verkaufsfläche in Stuttgart spiegelt sich in diesen Zahlen nicht wider“, so Martin Eisenmann von der IHK. Kurz gesagt: Stuttgart hat mit den Eröffnungen der großen Einkaufszentren und des Dorotheen- Quartiers zwar einen bundesweit einzigartigen Flächenboom im Handel erlebt – die Anziehungskraft der Landeshauptstadt nach außen hat dadurch aber kaum gewonnen. Eisenmann erklärt: „Erinnert man sich an die Versprechungen von Politikern und Investoren zurück, als die neuen Shoppingcenter genehmigt und geplant wurden, wäre deutlich mehr zu erwarten gewesen.“

Andrea Poul, die Centermanagerin des Milaneo, des wohl größten Einkaufszentrums im Südwesten, sagt dazu: „Stuttgart müsste aufgrund seiner hohen Wirtschaftskraft eine größere Zentralität aufweisen.“

Eine weitere Größe, die in der Studie der IHK eine erhebliche Rolle spielt, ist die sogenannte einzelhandelsrelevante Kaufkraft. Damit ist der Teil des verfügbaren Geldes gemeint, der tatsächlich im Einzelhandel, inklusive Online- und Versandhandel, ausgegeben wird. In der Untersuchung wurden 62 Kommunen der Region Stuttgart mit mehr als 10 000 Einwohnern untersucht. Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft liegt pro Kopf zwischen 6238 Euro und 8302 Euro. „Mit nur vier Ausnahmen verfügen damit ­alle Städte der Region über ein Kaufkraftpotenzial, das über dem Bundesdurchschnitt von 6582 Euro liegt“, heißt es in der Untersuchung. Spitzenreiter beim Konsumpotenzial ist Gerlingen (Landkreis Ludwigsburg). Auf den Rängen dahinter folgen Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) mit 7748 Euro, Leonberg (Kreis Böblingen) mit 7718 Euro und Korntal-Münchingen (Kreis Ludwigsburg) mit 7690 Euro. Schlusslicht ist Geislingen an der Steige (Kreis Göppingen). Die drei anderen Kommunen mit Werten unterhalb des Bundesschnitts sind Welzheim (Rems-Murr-Kreis) mit 6459 Euro, Eislingen/Fils (Kreis Göppingen) mit 6375 Euro und Murrhardt im Rems-Murr-Kreis mit 6270 Euro Kaufkraftpotenzial.

Im Rahmen der Studie setzt sich die Kammer erneut kritisch mit der Politik auseinander. IHK-Präsidentin Marjoke Breuning kritisiert sowohl mögliche Fahrverbote als auch eine Verschlechterung der Erreichbarkeit der Innenstädte für Kunden und Lieferanten. Breuning kommt selbst aus dem Handel. Sie leitet seit 2003 gemeinsam mit ihrer Schwester als geschäftsführende Gesellschafterin in sechster Generation das Wäschegeschäft Maute-Benger in Stuttgart.