Egenhausen

Altes Verbrechen inspiriert Autorin

von Manfred Köncke

Es hat ihr keine Ruhe gelassen. Dabei liegt der Mord an dem zwölfjährigen Mädchen aus der Horber Gegend 46 Jahre zurück. Gertrud Wollschläger aus Egenhausen hat sich des Falls noch einmal angenommen, Zeitzeugen aufgesucht und eigene Recherchen angestellt.

Egenhausen. Persönliche Eindrücke, Vermutungen und Erkenntnisse verarbeitete die Schriftstellerin auf 293 Seiten in ihrem Roman "Maischnee – Tat ohne Sühne". Der pensionierte Kriminalhauptkommissar Dieter Geißel aus Calw stand ihr als Berater zur Seite und war auch bei den viereinhalb Jahre dauernden Befragungen dabei. Die Autorin musste erfahren, dass das 1972 begangene Sexualverbrechen in der Bevölkerung des Ortes, in dem die Schülerin gelebt hatte, bis heute unvergessen ist.

Regionalzeitungen berichteten damals in dicken Lettern über das grausame Geschehen. Das Mädchen war wie immer nach der Schule mit dem Bus unterwegs gewesen und hatte sich danach auf den dreieinhalb Kilometer langen, durch den Wald führenden Heimweg gemacht. Als die Zwölfjährige am Abend nicht zu Hause ankam, wurde ein Suchtrupp zusammengestellt. Der nackte, mit acht Messerstichen getötete Leichnam wurde entdeckt. Kleidungsstücke und Schultasche gefunden. Zehn Jahre später wurde der mutmaßliche Täter verhaftet, ein Geständnis hat er aber nie abgelegt. Die Gerüchteküche brodelte weiter.

Gertrud Wollschläger wohnte zu der Zeit in der Gegend. Die Erinnerung an das Verbrechen hat sie auch nach ihrem Umzug nach Egenhausen beschäftigt. Und sie beschloss, "gegen das Vergessen und zur Erinnerung an ein Kind, das nicht weiterleben durfte" – wie es im Vorwort heißt – in Anlehnung an den damaligen Mordfall ein Buch zu schreiben. Fachlichen Rat holte sie sich bei Dieter Geißel ein, der während seiner Dienstzeit bei der Kripo in Böblingen als Ermittler im Referat Organisierte Kriminalität tätig war und seit seiner Pensionierung als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Weißen Rings aktiv ist. Der gemeinnützige Verein setzt sich für Opfer von Straftaten ein, bietet Beistand und persönliche Betreuung an.

Für die Autorin ist "Mai­schnee" ihr viertes Buch. Alle sind im Engelsdorfer Verlag in Leipzig erschienen. Der Sturm Lothar im Dezember 1990 war für die Eigentümerin einer Fahrschule Anlass, zwei märchenhafte Bücher über das Leben der Zwerge Merit und Merinda im Zeichen des Orkans zu schreiben. Die Leidenschaft für die Schriftstellerei war geweckt. Das dritte Buch "Der Nachtkrabb kommt" handelt von Geschichten und Gedichten über den Rabenvogel.

Für ihr neustes Werk führte die inzwischen 75-Jährige nach eigener Aussage mehr als 30 Befragungen zum damaligen Geschehen durch. Am meisten beeindruckt habe sie bei der Recherche, "dass mir niemand die Tür vor der Nase zugeschlagen hat". Die Erinnerung an das Verbrechen sei trotz der langen Zeit bei vielen wachgeblieben. "Das hat mich überrascht."

Als sie nach der letzten handgeschriebenen Zeile das Manuskript zur Seite gelegt,, Lektorin Gudrun Schächinger den Satz abgetippt und der Versand zum Verlag in Leipzig vorbereitet hatte, erreichte die Autorin am 8. Oktober 2018 die Nachricht, es habe sich im Mordfall ein Zeuge gemeldet, der wisse, wer der echte Täter der Realschülerin sei. "Mord verjährt nie" lautet deshalb auch der Schlusssatz in ihrem Buch, ergänzt um den Hinweis: "Die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt".

Gertrud Wollschläger will ihr Buch in einer Reihe von Lesungen vorstellen – die erste findet am Donnerstag, 31. Januar, ab 19.30 Uhr im Gasthaus Adler in Horb-Dettingen statt.

Weitere Informationen: "Maischnee – Tat ohne Sühne" von Gertrud Wollschläger ist im Engelsdorfer Verlag erschienen und kostet 22 Euro. Es ist auch für E-Reader erhältlich.