Doppeltes Unglück in Stuttgart

Verletztes Unfallopfer wird dreist bestohlen

von Wolf-Dieter Obst

Stuttgart - Ein Unfall, ein schwer verletztes Opfer, eine Menschentraube drumherum, Rettungswagen und Polizei sind mit Blaulicht und Martinshorn auf dem Weg – reichlich Aufregung hat es am Mittwochmorgen bei einer Kollision auf dem Marienplatz im Stuttgarter Süden gegeben. Vor allem danach: Denn die verletzte Motorrollerfahrerin wurde offenbar von einem Schaulustigen bestohlen. „Eine solche Dreistigkeit ist mir noch nicht untergekommen“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann.

Es passierte am Mittwoch gegen 8.25 Uhr. Eine 38-jährige Motorrollerfahrerin ist auf der Böblinger Straße unterwegs und hält auf Höhe der Bushaltestelle am Marienplatz an, um dem Linienbus das Ausfahren zu ermöglichen. Ein nachfolgender 25-jähriger Autofahrer erkennt die Situation zu spät und prallt gegen den Motorroller. Die 38-Jährige stürzt – und erleidet beim Aufprall schwere Beinverletzungen. Ihre Schmerzensschreie lösen einen Menschenauflauf am Unfallort aus. Viele starren auf das Opfer.

Und dann gerät die Handtasche aus dem Blickfeld

Wer Ersthelfer ist, wer Schaulustiger – das ist zunächst unklar. Als die eingetroffenen Rettungskräfte die Schwerverletzte versorgen, fragt die Frau immer wieder nach ihrem Geldbeutel. In der Aufregung war ihre Handtasche aus dem Blickfeld geraten – und ein Unbekannter griff unbemerkt zu.

„Bisher haben wir nur die Aussage eines Passanten“, sagt Polizeisprecher Widmann. Dem Zeugen war ein Verdächtiger aufgefallen, der sich offenbar an den Sachen des Unfallopfers zu schaffen machte. „Die Beschreibung ist eher vage“, sagt Widmann. So soll der Unbekannte etwa 1,70 Meter groß und unter anderem mit einer Jeans bekleidet gewesen sein. Zudem soll er eine Bierflasche in der Hand gehalten haben.

Wenn Helfer lange Finger machen

Womöglich war es aber auch eine Bierdose – die hielt nämlich ein Mann in der Hand, der einer anderen Zeugin wegen seines aufdringlichen Verhaltens unter den Schaulustigen aufgefallen war. Dieser soll ein schwarzes Hemd und eine dunkle Hose getragen haben. Die Verkehrspolizei sucht in diesem Zusammenhang weitere Hinweise, die unter der Rufnummer 07 11 / 89 90 - 41 00 entgegengenommen werden.

Dass bei Unfällen und Notlagen auch Diebe die Situation ausnutzen, ist selten – kommt aber doch vor. Betroffen war beispielsweise eine 48-jährige Fußgängerin, die im 2014 in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) zusammen mit einem jungen Mann einer gestürzten älteren Dame auf die Beine half. Der junge Mann verschwand dann mit seinem Fahrrad – und der Geldbörse der Helferin. Und eine 67 Jahre alte Frau, die in einem Einkaufszentrum in Sindelfingen einen Kreislaufkollaps erlitt und von Kunden und Angestellten erstversorgt wurde, musste im Krankenhaus feststellen, dass einer der Ersthelfer ihren Geldbeutel und ihre Halskette gestohlen hatte. Die Täter wurden in beiden Fällen nie ermittelt.

Wer passt eigentlich auf die Wertsachen auf?

Dabei kann es jeden treffen, der in einen Unfall verwickelt wird: Wer passt auf die Wertsachen auf? Bei der Einsatzzentrale von Rettungsdienst und Feuerwehr ist klar: „Die Sicherung der Eigentumsverhältnisse des Patienten ist zunächst Sache der Polizei“, heißt es. Dies gelte beispielsweise auch bei Notfalleinsätzen in Wohnungen: Muss dabei eine Tür aufgebrochen werden, obliege es der Polizei, die Wohnung sichern zu lassen oder aber einem Angehörigen des Patienten zu übergeben.

Für die Polizei jedenfalls ist es keine Frage, „dass größere Wertsachen auf dem jeweiligen Revier zur Abholung verwahrt werden, wenn der Verletzte nicht mehr selbst dazu in der Lage ist“, sagt Polizeisprecher Widmann. Geldbeutel und Ausweise würden in der Regel aber, wenn der Patient ansprechbar ist und ins Krankenhaus gebracht wird, dem Betroffenen im Rettungswagen mitgegeben. Im Fall Marienplatz allerdings war ein unbekannter Dieb schneller.