Donaueschingen

Kraft der Musik und der Bilder

von Gunter Faigle

Donaueschingen. "Was war zuerst da: die Henne oder das Ei?" In den wechselseitigen Beziehungen von Stummfilm und Filmmusik sind im 21. Jahrhundert Ursachen und Folgen künstlerischen Ausdrucks ähnlich eng verschränk: Filme werden in ihrer Bildaussage durch Musik intensiviert und umgekehrt steigert Musik die Anschaulichkeit der Inhalte. Diese Anziehungskraft hat das Stuttgarter Ensemble Ascolta im Strawinsky-Saal auf anspruchsvollem Niveau offengelegt.

An acht Beispielen, deren jeweilige Ursprünge zwischen 1921 und 2016 liegen, war zu hören und zu sehen, wie bewegte Bilder und musikalische Klänge zu symbiotischen Einheiten werden. Die dabei ausgelösten Sinneseindrücke sind extrem verschiedenartig. Wird zum Beispiel surreales oder abstraktes historisches Filmmaterial mit einer verwickelten zeitgenössischen Komposition zusammengeführt, kann dies verwunderte Ratlosigkeit auslösen; aber man darf und kann ja auch als künstlerisch schön und interessant erfahren, was man selbst nicht versteht.

Was gemeint ist, vermittelt das Werk "Vormittagsspuk". Es handelt sich um einen Film von Hans Richter von 1928, zu dem die Komponistin Carola Bauckholt 2006 Musik geschrieben hat. Das Wort Spuk benennt unwirkliche Erscheinungen, Richter lässt als Dadaist Zylinderhüte fliegen, Revolver kreisen, Wasserschläuche sich ab- und wieder aufrollen und vier Herren sich überkorrekt zu Tisch setzen – ohne erkennbaren Sinn außer dem, dass er aufzeigt, wie er an gefestigten Normen und Vorstellungen total zweifelt.

Die Filmmusik von Bauckholt nimmt diese Absicht auf, wenn sie die Trompete oder die Posaune nur Luftgeräusche und nicht Töne erzeugen lässt oder Saiten des Flügels mit Bogenhaaren statt mit Tasten zum Klingen bringt. Das ist stimmig, zum Ende erheiternd und nahe am Slapstick.

Martin Smolka hat unter dem Titel "Hats in the Sky" 2004 Musik zum gleichen Film geschrieben. Hört man diese im Anschluss an Bauckholt, wird deutlich, wie sehr seine anderen Klangwelten nun die optische Wahrnehmung beeinflussen. Smolka arbeitet dafür mit hart geschlagenen Akkorden der Gitarre, strukturiert seine Rhythmik, lässt den Posaunisten ein Pfeifchen trällern und baut Erregung auf, ehe gegen 12 Uhr – dem Ende des Films – jedes Tempo aus der Musik genommen wird und die Zeit quasi entschwindet.

Eine der Musiken zum 1929 erschienenen Film "Ein andalusischer Hund" von Luis Bunuel und Salvador Dali hat 2009 Iris ter Schiphorst komponiert. Die Frage lautet: Was für Klänge entsprechen Bildszenen, die sich jeder rationalen, kulturellen oder psychologischen Erklärung entziehen wollen? Schiphorsts Lösung: Ein Rückgriff auf Stilvielfalt, die Wirksamkeit harter Repetitionen bei Klavier, Xylofon und Holzblock auf der einen Seite und Schleiftönen der Trompete auf der anderen sowie besänftigender Swing in der Rhythmik, der die teils grausigen Zumutungen des Films erträglicher macht. Die sieben Instrumentalisten und Dirigent Nicholas Kok agieren als technisch versierte und flexible Interpreten. 50 Besucher danken ihnen mit viel Beifall.