Der Wald ist krank

Nur die Weißtanne trotzt dem Klimawandel

von Christine Keck

Stuttgart - Der Wald in Baden-Württemberg ist so sehr unter Stress wie seit Jahren nicht mehr. „Die extreme Trockenheit hat den Zustand dramatisch verschlechtert – und das über fast alle Baumarten hinweg“, sagte der Forst- und Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU). Er präsentierte bei einer Pressekonferenz am Donnerstag im Stuttgarter Landtag ernüchternde Bestandszahlen. 38 Prozent der Wälder im Land seien deutlich geschädigt, der mittlere Nadel- und Blattverlust habe sich gegenüber dem Vorjahr um fast drei Prozentpunkte erhöht und liege bei knapp 25 Prozent. Das heißt, den Bäumen fehlt ein Viertel der Kronen und Nadeln.

Kiefer, Buche und Eiche leiden

Vor allem die Fichte, die am häufigsten vorkommende Baumart in Baden-Württemberg, weise deutlich gelichtete Kronen auf. Auch der Kiefer, dem Baum, der eigentlich alles aushalte, so der Minister, ginge es vielerorts schlechter. Die Buche verliere ihre Blätter; selbst die Eiche – sie ist naturgemäß robust und wenig anfällig gegenüber Trockenheit – sei regional durch Raupenfraß geschädigt. Das größte Sorgenkind ist weiterhin die Esche. Ein Pilz aus Ostasien hat 95 Prozent dieser Laubbäume im Land infiziert: eine tödliche Plage, denn die Ausbreitung des Angreifers lässt sich nicht stoppen. Forstökologen gehen aber davon, dass einzelne Bäume Widerstandskräfte entwickeln und gegenüber dem Pilz resistent werden. Die Überlebenden könnten den Fortbestand der Esche sichern und zu weniger anfälligen Generationen führen.

Nur eine einzige erfreuliche Ausnahme gibt es in der langen Schadensliste: Die Tanne, eine Tiefwurzlerin, gilt als äußerst widerstandsfähig gegen Trockenstress und steht so gut da wie seit Jahrzehnten nicht mehr. „Die Weißtanne wird der Baum sein, den wir im Klimawandel brauchen, sie mag Wärme“, betonte der Minister und erinnerte an die Krisenzeit der Weißtanne. In den 80er Jahren habe der saure Regen den Nadelbaum absterben lassen. Die Tanne, die besonders empfindlich gegenüber Schwefeldioxid ist, kam damals in die Schlagzeilen. Das konsequente Handeln zur Luftreinhaltung habe aber Erfolg gehabt.

Keine Kraft mehr für den Kampf gegen den Borkenkäfer

Nicht nur die Wetterextreme haben gravierende Folgen, auch der Borkenkäfer zerstöre die Wälder. Durch die lang anhaltende warme Witterung habe sich der Schädling landesweit ausgebreitet, sagte Hauk. Statt der üblichen zwei Generationen pro Jahr beklagten die Förster in diesem Jahr schon die dritte. Die Abwehrmechanismen der Fichten, die die Käfer mit Harz bekämpfen, seien durch den Wassermangel deutlich herabgesetzt worden, beklagt der Minister. Befallene Bäume müssten identifiziert und rasch gefällt werden. Das führe allerdings zu sinkenden Holzpreisen.

Mit Blick auf den Klimawandel sei zu erwarten, dass sich trocken-heiße Sommer wie 2003 und 2018 häuften. Der vergangene Sommer gehört zu den wärmsten und trockensten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Die Waldwirtschaft müsse auf die Veränderungen reagieren. „Wir brauchen einen strukturieren Mischwald“, sagte Hauk, der klimastabile Umbau der Wälder müsse das Ziel sein – am besten durch eine Naturverjüngung.