Das Linden-Museum Stuttgart

Hula und Aloha ’aina als politische Botschaft

von Adrienne Braun

Stuttgart - Manchmal staunt man, was Gläubigen ein Dorn im Auge ist. Als sich Missionare ans Werk machten, die Hawaianer vom christlichen Glauben zu überzeugen, hatten sie eine besondere Untat im Visier. Sie wollten unterbinden, dass Menschen auf Holzbretter stiegen und über die Wellen jagten. Die Seefahrer und die Missionare haben vieles in Hawaii verändert, sie haben die westliche Schrift und das Rechtssystem eingeführt. Es gelang aber nicht, das Wellenreiten zu verhindern. Denn unter den Anhängern des Wassersports gab es schon im 19. Jahrhundert Prominente – unter anderem eine Prinzessin, die selbst gern aufs Brett stieg.

Heute ist Hawaii das Mekka des Wellenreitens– und wenn man in diesen Tagen einen Abstecher ins Linden-Museum Stuttgart macht, versteht man, weshalb: Meterhoch ragen die Wellen auf, wobei viel Mut und Erfahrung dazu gehört, sich auf diese rasanten Wassermassen zu wagen, bevor man samt Brett in der wilden Gischt versinkt. Auf drei raumhohen Leinwänden kann man die landschaftliche Schönheit sehen, die imposanten Gebirge und perfekten Palmenstrände. Das Linden-Museum schlägt in seiner neuen Sonderausstellung „Hawai’i – Königliche Inseln im Pazifik“ einen großen Bogen vom 18. Jahrhundert, als James Cook auf Haiwaii landete, bis in die Gegenwart und vom Federmantel hawaiischer Oberhäupter bis zum Protest-T-Shirt, mit dem die indigene Bevölkerung heute an ihre Rechte erinnert mit dem Slogan: „Gerechtigkeit für Hawaiier“.

Denn von jenem Tag im Jahre 1778, als Seefahrer aus Europa auf der Inselkette im Pazifischen Ozean anlegten, war auf Hawaii nichts mehr wie zuvor. James Cook, der hier übrigens auch sein Leben ließ, verzeichnet die Insel auf der europäischen Karte. Fortan machen Handelsschiffe auf ihrer Route gen China Zwischenstation und bald verkehrt auch ein Dampfschiff regelmäßig zwischen San Francisco und Honolulu.

Zu den Haizahnwaffen kommen europäische Kurzdolche

Ein kleiner Dolch aus jener Zeit verrät die Einflüsse der Fremden. Diese kurze Waffe kam vermutlich mit James Cook und seinen Mannen auf die Insel, auf der man bis dahin keine kurzen Stichwaffen genutzt hatte. Kampfwaffen gab es auf Hawaii aber selbstverständlich auch, wie eine martialische Haizahnwaffe bestätigt, eine Art Messer, das mit Haifischzähnen bestückt ist.

Als die ersten Fremden nach Hawaii kamen, war die Gesellschaft auf der Insel noch streng hierarchisch geregelt. Hier der Adel, dort die Fischer, Pflanzer und Handwerker, die keine Leibeigene waren, aber Abgaben an die Oberhäupter zahlen mussten. Dafür erhielten sie im Gegenzug politischen und spirituellen Schutz. „Mana“ nannte sich die besondere Kraft, die in Menschen und Dingen gleichermaßen stecken konnte und sich durch wirtschaftlichen Erfolg im Leben vergrößern ließ. Die Kraft wurde aber auch gespeist durch Respekt, sei es für die Alltagsregeln, die heiligen Orte oder die Rangunterschiede in der Gesellschaft.

Männer und Frauen durften im alten Hawaii nicht miteinander speisen, als Kamehamehas, der erste König Haiwaiis 1817 stirbt, übernimmt seine Witwe Ka’ahumanu das Regiment und hebt kurzerhand die Speisegesetze und religiösen Gesetze auf. Tempel werden zerstört, Priesterschaften aufgelöst – womit letztlich den Missionaren der Weg geebnet wurde, die christliche Lehre zu verbreiten. Sie bauten gemeinsam mit Vertretern des hawaiischen Adels die Gesellschaft um. Die westliche Schrift und das Rechtssystem setzen sich durch, 1850 kann bereits die gesamte Bevölkerung lesen und schreiben.

Hawaii wird zum Reiseziel

1875 kam der erste Reiseführer heraus, und bald hat sich in den Köpfen der Menschen jenseits der Insel das Bild des „Paradise of the Pacific“ verbreitet, das bis heute existiert: Hawaii gilt vielen vor allem als Urlaubsparadies unter Palmen mit Wassersport und Inselhopping mit den traditionellen Auslegerbooten. Diese Boote, bei denen ein herausragendes Gestänge die schmalen Bootskörper stabilisiert, gibt es heute immer noch, allerdings werden sie inzwischen aus Kunststoff gebaut.

Einige aufwendige Federmäntel und –masken erinnern in der Ausstellung noch an das alte Hawaii, als man sich mit Süßkartoffeln, Yams, Zuckerrohr und Bananen ernährte und aus Taro, einer Knolle, einen typischen Brei kochte. Speisen wurden in Kalebassen mit Deckel in einem Netz transportiert, sozusagen dem Vorläufer des heutigen Henkelmanns. Stoffe webte man nicht, sondern fertigte sie aus Rindenbast des Papiermaulbeerbaumes, indem Streifen gewässert, geklopft und aneinandergefügt wurden. Das feste, flexible Material wurde danach mit Druckstempeln verziert.

Das Linden-Museum erinnert daran, wie die Objekte nach Europa kamen

Viele der älteren Objekte der Hawaii-Ausstellung sind Leihgaben anderer Museen, denn das Linden-Museum selbst besitzt nur Stücke aus jüngerer Zeit. Als Augustin Krämer, der einstige Direktor des Hauses, 1897 auf der Fahrt nach Samoa einen Zwischenstopp auf Hawaii einlegte, kaufte er zahlreiche Alltagsgegenstände für sein Museum ein. Dem Kurator Ulrich Menter war es wichtig, in der Schau auch daran zu erinnern, wie die Objekte in europäische Museen gelangten. Er erzählt die Geschichte der Insel aber auch vor der Folie unserer Projektionen, die Filme unterfütterten wie „Die Blume von Hawaii“ oder „Blaues Hawaii“ mit Elvis Presley.

Die vier zitierten Motive, die mit dem Sehnsuchtsort verbunden sind, haben ihre Wurzeln aber durchaus in der Tradition selbst: Nicht nur das Wellenreiten gehört zu Hawaii, sondern auch die Blumenkette und der Hula-Tanz. Heute leben 1,4 Millionen Menschen auf Hawaii, 300 000 von ihnen sehen sich als Nachkommen der ersten Bewohner und versuchen, die Traditionen des Landes zu wahren und neu zu beleben zum Beispiel durch Hula-Schulen. Die Auftritte dieser Schulen sind immer auch Protestveranstaltungen.

Künstlern ist heute das „Aloha ’aina“ wieder wichtig, die Liebe zum Land

Denn als 1893 die Monarchie gestürzt wird, endet die Zeit des unabhängigen Königreiches Hawaii. Vertreter der Zuckerindustrie treiben den Anschluss an die USA voran, 1898 wird Hawaii offizielles US-Territorium. Der Verlust der Autonomie sorgt bis heute für Widerstand, der auch in der Bildenden Kunst ausgetragen wird. Deshalb wurden hawaiische Künstlerinnen und Künstler eingeladen, zu der Ausstellung im Linden-Museum Arbeiten beizusteuern. April A.H. Drexel hat bei ihrer Installation „In flagrante delicto“ (2017) zahlreiche Scheckkarten aufgereiht mit Aufdrucken, die an die zentralen Daten in der Geschichte erinnern – und damit an den Raub der Identität. Damit bringt sie zum Ausdruck, was für viele Hawaiier nicht nur Folklore, sondern mit einer knallharten politischen Forderung verbunden ist: „Aloha ’aina“, die Liebe zum Land.