Lahr/Chamonix

Erfrorene Bergsteiger kommen aus der Ortenau

von Herbert Schabel

Lahr/Chamonix - Das Mont- Blanc-Massiv gilt als das tödlichste Gebirge der Welt – vor jedem Gipfel im Himalaya. Die jüngsten Opfer am "weißen Berg" sind zwei Brüder aus Lahr im Ortenaukreis.

Die Männer, 40 und 42 Jahre alt, waren am  frühen Montagmorgen gegen 2 Uhr von einer Schutzhütte aus losmarschiert, um den 4248 Meter hohen Gipfel des Mont Blanc du Tacul zu erklimmen, der in der Nähe des Mont Blanc liegt.  Zuletzt wurden sie am Montag gegen 14 Uhr von anderen Bergsteigern gesehen. Dann brach ein Unwetter über sie  herein. Ihre Leichen wurden am Mittwochmorgen in 4250 Metern Höhe gefunden, teilte  ein Vertreter der Hochgebirgs-Gendarmerie in Chamonix mit. Todesursache sei Unterkühlung.

Mitglieder im Alpenverein Lahr

Die Brüder waren keine Amateure, die in Shorts und Sportschuhen drauflos kraxeln. Sie zählen nicht zu den Opfern im Gebirge, die leichtsinnig handeln und so eine Mitschuld an ihrem Unglück tragen. Vielmehr waren es versierte Bergsteiger, Mitglieder im Alpenverein Lahr von Kindesbeinen an. Der ältere Bruder war sogar Tourenführer  und  Ausbildungsreferent des Vereins. Als Polizist war er es auch von Berufs wegen gewohnt, Verantwortung zu übernehmen.

Die Lahrer brauchten für die Route zum Gipfel des Mont Blanc du Tacul offenbar länger als üblich und dürften dann von einem Schlechtwettereinbruch überrascht worden sein. Die am Montag zunächst guten Bedingungen hätten sich am Abend rapide verschlechtert, teilte ein Sprecher  der Gendarmerie von Chamonix mit.

Keine offizielle Statistik zu Unfällen am Mont Blanc

Anders als bei den  Achttausendern im Himalaya wird keine offizielle jährliche Statistik zu den Unfällen am Mont Blanc geführt, was auch mit der unübersichtlich hohen Gesamtzahl an Besuchern zu tun hat. Ist doch der höchste Berg der Alpen zu einem Magnet für Touristen geworden. Bis zu 300 Menschen pro Nacht machen sich in der Hauptsaison auf den Weg zum Gipfel. Pro Jahr drängt es Tausende hinauf,  viele von ihnen haben kaum Erfahrung mit Expeditionen im Hochgebirge und unterschätzen die Gefahr.

Im Internet findet sich eine Statistik für das Jahr 1995, in dem für die Region am Mont Blanc 800 Unfälle mit 600 Verletzten und 52 Toten erfasst sind. Seither sind die  Besucherzahlen  gestiegen und damit sicher auch die Zahl der Unfälle. In einem Buch über die Viertausender der Alpen schätzen die Autoren Helmut Dumler und Willi P. Burkhardt die Gesamtzahl der Toten am Mont Blanc auf bis zu 8000. Todesursachen sind Steinschläge, Abstürze, Mitreißunfälle am Seil, Lawinenabgänge oder Wetterumschwünge. Mit seinem Aufstieg von rund 4800 Metern ist der Mont Blanc selbst  für erfahrene Bergsteiger ein gefährliches Terrain. Meist sind es  qualifizierte  Kletterer, die  dort ihr Leben lassen – so wie jetzt die beiden Lahrer.

Der ältere Bruder hatte zuletzt vor zwei Wochen auf dem Gipfel des Mont Blanc gestanden. Auf der Internetseite des Alpenvereins Lahr veröffentlichte er einen detaillierten Bericht über diese erfolgreiche Besteigung, in dem seine Begeisterung für das Bergsteigen und speziell für den höchsten Gipfel der Alpen spürbar wird.

Eine faszinierende Landschaft aus schwarzem Granit und  weißen Gletschern tut sich dort oben auf, darüber nur noch der blaue Himmel. »Das Gebirge im Reinzustand«, schwärmt das Fremdenverkehrsamt von Saint-Gervais über den Hausberg.

Die Brüder aus Lahr wollten den Mont Blanc du Tacul erklimmen, dessen Gipfel 4248 Meter hoch ist. Er befindet sich in der Nähe des größeren Mont Blanc in den Savoyer Alpen. Es gibt einen Normalweg auf den Mont Blanc du Tacul, der Teil der Route auf den Mont Blanc ist. Daher erklimmen viele Bergsteiger den Mont Blanc du Tacul nach ihrem Abstieg vom Mont Blanc.

Brüder wählten anspruchsvollere Route

Doch die Brüder wählten am Montag eine Route, die wesentlich anspruchsvoller als der Normalweg ist – den  Teufelsgrat, der unter Alpinisten als große und schwierige hochalpine Unternehmung gehandelt wird.  Es sind  fünf wilde Gipfelzacken, ein steiles Auf und Ab in 4000 Meter Höhe. Ein Bergsteiger namens  Henri Vallot schrieb   1905 voller Respekt: "Nur wenige Routen können sich mit dieser messen. Wirklich eine teuflische Architektur. Man muss sich sehr gut auskennen, um sich in diesem steinigen Irrgarten aus Couloirs, Zacken und Zinnen zurechtzufinden."

In dieser Umgebung wurde den Brüdern aus Lahr offenbar ein Wetterumschwung zum Verhängnis – nach dem plötzlich hereinbrechenden Sturm saßen sie auf 4250 Metern Höhe fest. Beide waren verheiratet; sie hinterlassen Ehefrauen und kleine Kinder. Beim Lahrer Alpenverein ist die Bestürzung groß. Man stehe unter Schock, sagte der Vorsitzende Norbert Klein auf Nachfrage unserer Zeitung.