Calw

Und plötzlich ist die Welt still

von Leah Strauß

Im Alter von nur 30 Jahren erhielt die Calwer Ärztin Irmhild Ohngemach eine Diagnose, die das Leben eines jungen Menschen komplett aus der Bahn werfen kann: Hörverlust. In den folgenden Jahren ertaubte sie fast vollständig.

Calw. Vor und nach der Diagnose sei Ohngemach lange nicht richtig klar gewesen, wie schlecht sie tatsächlich höre, da sie mit der Zeit gelernt hatte, Lippen zu lesen. Sobald sie dann aber das Gesicht eines Patienten oder ihres Mannes nicht mehr hatte sehen können, konnte sie auch nichts mehr verstehen, erzählt sie.

Durch die Diagnose und den Krankheitsverlauf wurde nach und nach ihr ganzes Leben umgekrempelt, die junge Ärztin in eine tiefe Lebenskrise gestürzt. Damals bedeutete jeder Tag für sie eine einzige Konzentrationsleistung. Am Abend hatte sie einfach nicht mehr gekonnt, räumt Ohngemach ein. Noch weiter verschlimmerte sich die Situation durch einen leichten Tinnitus, der sich über die Jahre immer mehr verstärkte. Den Tinnitus beschreibt die Ärztin als "ein Geräusch, als ob Sie die ganze Zeit in einem Raum sind, in dem permanent der Staubsauger läuft, ohne Pause, 24 Stunden am Tag".

Auf Grund des fortgeschrittenen Verlaufs von Ohngemachs Erkrankung reichten konventionelle Hörgeräte zur Behandlung schon bald nicht mehr aus. Laut der Ärztin gebe es bei Gehörverlust, wie in ihrem Falle, als Behandlungsmöglichkeiten nur zwei Optionen – zuerst Hörgerät und wenn das nicht mehr reicht, das Einsetzten eines sogenannten Cochlea-Implantats. Meistens würde ein Implantat auf das Hörgerät folgen – wenn der Hörverlust so groß sei, dass ein Hörgerät das nicht mehr leisten kann. Im Grunde gebe es da keinen Plan B, erklärt Ohngemach. Das Wichtigste sei aber: Der Hörnerv muss intakt sein, sonst funktioniert das Implantat nicht.

Im Alter von 48 Jahren wurde die Calwer Ärztin von ihrem Arzt auf die Möglichkeiten eines Cochlea-Implantats aufmerksam gemacht. Sie entschied sich für die Behandlungsmethode. Der erste Eingriff auf dem rechten Ohr erfolgte 2012, der zweite am linken Ohr 2015. Die Wartezeit zwischen den zwei Operationen war aber keinesfalls aus medizinischen Gründen notwendig, sondern eine Entscheidung von Ohngemach. Sie habe die Hoffnung gehabt, die Hörleistung eines Ohres würde mit der Zeit so gut sein, dass sie kein zweites Implantat benötigen würde. Außerdem habe sie auch keine wirkliche Lust auf viele weitere Monate Gehörtraining nach einer weiteren Operation gehabt. Doch auf einmal sei es ihr klar geworden, erinnert sie sich: "Du musst das machen lassen."

Nach dem Einsetzen des ersten Implantats musste Ohngemach das Hören zunächst wieder ganz neu lernen. "Zuerst hört man mehr Rauschen oder Klopfen als wirkliche Geräusche und Wörter", sagt sie. Die Impulse, die vom Implantat auf den Hörnerv übertragen werden, seien andere als die, die von den Haarzellen der Cochlea (der Hörschnecke, ein Teil des Innenohrs) kommen. So müsse das Hörzentrum im Gehirn lernen, aus diesen neuen Impulsen wieder Sprache zu machen.

Tinnitus ist seit zweiter Operation verschwunden

Nach einer Implantation muss ein Patient also jede Silbe, jedes Wort und jedes Geräusch neu lernen. Ohngemach musste wieder lernen, wie ein Hund bellt und eine Katze miaut, lernen, den Unterschied zwischen Auto, Motorrad und Traktor zu erkennen – einfach alles.

"Das Einzige, das in dieser Phase hilft, ist üben, üben, üben." Jeden Tag nach der Operation habe Ohngemach ein bis zwei Stunden mithilfe einer Übungs-CD das Hören wiedererlernt. So ging das über Monate. Die Calwerin habe einen besonderen Moment erlebt, an den sie sich noch immer deutlich erinnern könne: Eines Abends habe sie sich einen Tatort angesehen und konnte auf einmal erkennen, dass sie die Stimmen der fiktiven Hauptfiguren unterscheiden konnte. Da habe sie fast geweint vor Freude.

Nach der zweiten Operation ging dann alles schnell: Sofort bei der ersten Anpassung des Sprachprozessors habe sie schon einen kompletten Satz verstanden. Die Rückkehr ihrer Hörfähigkeit war für die Calwerin ein Geschenk, auch ihr Tinnitus sei seither so gut wie verschwunden.

Mit ihrem Gehör kam auch ihre Lebensfreude und Energie zurück. Heute führt sie als ärztliche Osteopathin ihre eigene Praxis in Calw. In ihrem Praxisalltag könne sie ihre Hörbehinderung nun fast vollständig vergessen.

Doch auch heute noch habe sie Probleme. Schwierig sei zudem immer das Richtungshören sowie das Telefonieren. In dieser ganzen Lebenskrise stand ihr ihr Mann fest zur Seite. Er suchte Selbsthilfegruppen und hat mit ihr geduldig das neue Hören geübt. Ohngemach wusste, dass sie sich ganz auf ihn verlassen könne. Dazu war ihr christlicher Glaube eine große Ermutigung. Als die Hörkrise überwunden war, reifte der Entschluss, dass sie ehrenamtliche Prädikantin im Dekanat Calw werden wollte. Inzwischen hat sie weit mehr als 80 Gottesdienste gehalten. In ihren Predigten möchte sie ermutigen, Krisen, die jedes Leben mit sich bringt, mutig anzugehen.