Calw

Nicht nur zum Lachen animiert

von Roland Stöß

Calw. Der 15. Gerbersauer Lesesommer bleibt eine Erfolgsstory. Mit der tragisch-komischen Geschichte über zwei Menschen, angekommen im Bodensatz der Gesellschaft, erlebten mehr 80 Gäste im Landratsamt einen weiteren Höhepunkt.

Martin Frieß, Kulturbeauftragter des Gastgebers, betonte, wie wichtig es dem Kreis ist, diese Veranstaltung zu unterstützen. Hermann Hesse und sein Calw, so Frieß, seien zu einem bedeutenden Leuchtturm in Deutschland geworden.

"Spiritus rector"

Der "Spiritus rector" des Ganzen (Zitat Frieß), Herbert Schnierle-Lutz, wies darauf hin, dass Hesse den Ort des Geschehens, das ehemalige Armenhaus Gerbersaus, dort hin legte, wo heute das Hermann Hesse-Gymnasium steht. Von diesem, zum Armenasyl umfunktionierten ehemaligen Gasthaus "Zur alten Sonne" handelte die Geschichte über das traurige Leben der von der Gesellschaft ausrangierten Existenzen.

Die Beschreibung der Verhaltensweisen der Protagonisten würde, wie so oft bei Hesses Erzählungen, auch in die Gegenwart passen. Der Autor beschrieb, wie sich ein Aufschneider und Emporkömmling in der Gesellschaftsskala ganz oben einnistet. Der Fabrikant macht sich selbst und dem Umfeld glauben, alles beruhe auf seiner Hände Arbeit. Er verdrängt, dass nur ein Erbe seinen Start ermöglichte. Die Fallhöhe wird hoch, der Fall tief. Er landet in der Gosse. Hürlin, so sein Name, wird ein "Unbrauchbarer" und fällt der Stadt zur Last. Das Gasthaus "Zur alten Sonne" wird zum Armenhaus umfunktioniert.

Ein weiterer "Sonnenbruder" kommt hinzu. Der alkoholsüchtige Lukas Heller und der arbeitsscheue Hürlin werden, unfreiwillig, Zimmergenossen. Sie beschimpfen und verurteilen sich. Beleidigungen und Herabwürdigungen sind nötig, um sich selbst erheben zu können. So sind sie letztendlich füreinander unverzichtbar. Immer wieder entdeckt man bei beiden das zeitlose Denkmuster, anderen Menschen oder den Umständen die Schuld für ihr eigenes Schicksal zu geben.

Letztendlich geht es für die beiden Menschen, einmal ganz unten angekommen, um nichts weniger als um den letzten Rest ihrer Würde.

Hesse verstand es schon Anfang des 20. Jahrhunderts, seinen Lesern verschiedenste menschliche Verhaltensweisen mit Ironie und einer Prise Frechheit mit einem Spiegel vorzuhalten. Wer weiß, vielleicht waren für manchen Zuhörer Eigenarten und Schwächen bei sich oder im persönlichen Umfeld wieder zu erkennen? Das Ende der Geschichte mündet in Alter und Einsamkeit, was es nicht erträglicher macht. Die Erzählung "In der alten Sonne" konnte zum Lachen animieren, aber auch weh tun.

Künstler bestimmen

Der Gerbersauer Lesesommer lebt von seiner Qualität. Neben der Auswahl spannender Geschichten und lebendiger Erzählungen, bestimmen die erzählenden sowie musizierenden Künstler über das Qualitätssiegel. Die Stadt Calw, Abteilung Kultur, und Herbert Schnierle-Lutz zeigen hier ein besonderes Geschick und haben ein glückliches Händchen bei der Auswahl. So konnten mit Ulrike Götz und Rudolf Guckelsberger zwei Ausnahmekönner der sprechenden Kunst gewonnen werden. Götz, Rezitatorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, unterrichtet heute Sprecherziehung. Ihr Tätigkeitsfeld ist vielseitig; zum Beispiel umfasst es Sprechrollen in Oratorien und Hörspielen.

Guckelsberger hat ebenfalls ein sehr umfangreiches Künstler- und Lebenswerk aufzuweisen. Als Moderator im Südwestrundfunk- und Fernsehen sowie auf Hör-CDs ist er überregional bekannt. Beide schlüpften in ihre Sprechrollen als Heller und Hürlin. Sie erzählten einfühlsam die Geschichte; boten Dialoge mit deutlichster Akzentuierung und höchster Brillanz. Dabei lebten sie die Gespräche innerlich mit, was manche besonders authentische Mimik verriet.

Es war Leidenschaft und Schauspielkunst in einem. Beide lasen nicht nur vor. Sie lebten ihren Part. So war es folgerichtig, dass sie, bei heiteren und humorvollen Szenen mit dem Publikum lachten. Es machte beiden sichtlich Spaß. Alles passte!

Birgit Zacharias und Helmut Rauscher boten als eingespieltes Gitarrenduo Klangfarben und Harmonie in einfühlsamster und höchster Güte. Die Saitenvirtuosen wählten bewusst zum Thema passende Musikstücke aus. Überwiegend moderne und bekannte Songs waren es, die alle Altersgruppen im Auditorium ansprachen. Das Spiel erzeugte ein ums andere mal eine himmlische Stimmung. Geeignet zum Durchatmen zwischen dem spannenden Lesestoff Hermann Hesses.

Am kommenden Freitag wird in der Sparkasse eine Liebesaffäre sowie die Fußreise vom Bodense nach Calw Thema sein.