Calw

KSK-Skandal: Wirklich alles nur Einzelfälle?

von Ralf Klormann

Calw - Wie ist es zu bewerten, wenn ein Kompaniechef des in Calw stationierten Kommando Spezialkräfte (KSK) bei seiner Verabschiedung abgetrennte Schweineköpfe geschleudert haben soll? Wenn ihm als "Preis" für seine Leistungen bei einem von den Kameraden aufgebauten Parcours angeblich Sex mit einer Frau angeboten wurde? Wenn laut einer Zeugin Rechtsrock durch die Luft schallte und Soldaten den Hitlergruß zeigten?

Rund zwei Wochen ist es her, dass diese Vorwürfe gegen Mitglieder der Spezialeinheit erhoben wurden. Harter Tobak – doch Alexander Sollfrank, seit Juni dieses Jahres Kommandeur des KSK, bleibt ganz sachlich, als er im Gespräch mit unserer Zeitung damit konfrontiert wird. Er wolle zuerst die Ergebnisse der laufenden Ermittlungen abwarten; so lange gelte für ihn die Unschuldsvermutung. Klar sei aber auch: "Wir nehmen solche Vorwürfe als Soldaten sehr ernst", betont der Kommandeur. "Wir wollen das ja selber nicht."

Hohes Interesse an Aufklärung

Es bestehe ein hohes Interesse, die Sache aufzuklären. Und sollten sich die Vorwürfe bestätigen, würden "ganz sicher Konsequenzen gezogen", sagt Sollfrank. "Sollten Fehler passiert sein, ist auch die Selbstkritik sehr hoch" – schließlich wolle niemand, dass das Ansehen der Truppe oder der interne Umgang miteinander gefährdet werde. Auch der Stellung des KSK – vor allem, weil es weltweit Ansehen genieße –, ist er sich bewusst. "Man schaut in solchen Lagen schon besonders auf uns", erklärt der Kommandeur. Es bestehe eine hohe Erwartungshaltung an die Mitglieder der Spezialeinheit, Vorbilder zu sein – und in allen Lebensbereichen Professionalität an den Tag zu legen.

Eine Erwartungshaltung, die seiner Ansicht nach aber nicht zu weit reichen sollte. "Am Ende sind wir alle Menschen. Das muss man sich vergegenwärtigen", gibt er zu bedenken. Menschen, die zudem einen Beruf ausüben würden, "der sich zuweilen in absoluten Grenzsituationen bewegt", und auch zu psychischen Ausnahmesituationen führen könne. Die Vorwürfe will er damit aber in keiner Weise rechtfertigen. Auch Soldaten seien selbstverständlich an Recht und Moral gebunden. Und es sei ein Anspruch an jenen Beruf, trotz solcher Ausnahmesituationen Disziplin zu zeigen – ein Anspruch übrigens, dem die allermeisten Soldaten auch gerecht würden.

Übergriffe nicht komplett zu verhindern

Auf die Vorwürfe in anderen Teilen der Bundeswehr angesprochen, die in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen sorgten – sexuelle Übergriffe, fragwürdige Rituale, Mobbing –, positioniert er sich deutlich: "Für mich sind das ganz klar Einzelfälle", betont Sollfrank. "Und es hat viel mit der Unterschiedlichkeit von Menschen zu tun." Angesichts der großen Zahl an Soldaten, die bei der Bundeswehr arbeiten, sei es nun mal nicht auszuschließen, dass darunter auch einige seien, die sich nicht an Recht und Moral hielten. Die Chance, Übergriffe jeglicher Art innerhalb der Truppe komplett zu verhindern, hält er daher auch für illusorisch. "Dafür ist die Organisation zu groß", sagt der Kommandeur.

Im Umgang mit Übergriffen plädiert Sollfrank aber auch für Sachlichkeit. Eine Skandalisierung einzelner Vorfälle sei unverhältnismäßig – und es sei nicht gerechtfertigt, deshalb die ganze Bundeswehr in Sippenhaft zu nehmen. Vorfälle müssten natürlich aufgeklärt werden – doch dazu müsse man der Bundeswehr auch Zeit geben und sich nicht vor Abschluss von Ermittlungen zu einer Vorverurteilung verleiten lassen. Jenseits aller Skandale – oder vermeintlicher Skandale – nehme Sollfrank eine ausgesprochen hohe Wertschätzung der Bundeswehr durch die Bürger wahr. Ein wichtiger Punkt für die Truppe. Nicht zuletzt, weil seit dem Wegfall der Wehrpflicht immer wieder die Frage aufkommt, inwieweit die Bundeswehr in die Gesellschaft integriert ist.

Truppe kein gesichtloser Dienstleister

Die Wehrpflicht hatten viele Menschen als Bindeglied zwischen Militär und Zivilisten gesehen. Dem Kommandeur ist in diesem Zusammenhang vor allem wichtig, dass die Truppe nicht als eine Art gesichtsloser Dienstleister gesehen werde. Integration sei aber keine Selbstverständlichkeit. Um diese zu gewährleisten, sei ein bescheidener, rücksichtsvoller und freundlicher Umgang miteinander nötig. Soldaten in Uniform in der Öffentlichkeit, beispielsweise beim Einkaufen, so Sollfrank, sollten nicht als Fremdkörper, sondern als etwas Alltägliches wahrgenommen werden. "Gäbe es nur eine emotionslose Sachbeziehung zwischen Bundeswehr und Gesellschaft, fände ich das nicht gut", sagt der Kommandeur. "Unser Herz hängt an unserem Land, deshalb hoffen wir, dass das Herz unseres Landes auch an uns hängt."

Welche Rolle das KSK angesichts der weltpolitischen Lage, der Bedrohung durch Terrorismus und der zahlreichen Krisenherde rund um den Globus für dieses Land in Zukunft einnehmen werde, darüber möchte der Kommandeur übrigens lieber nicht spekulieren. Ob das KSK also beispielsweise noch mehr als bislang für den Kampf gegen Terror eingesetzt werden könnte, "das ist eine politische Entscheidung", sagt Sollfrank. Das Retten und Befreien von Bürgern überall auf der Welt werde aber weiterhin die höchste Bedeutung haben. Ansonsten biete das KSK dem Land seine Fähigkeiten an und baue diese permanent aus, um auf dem höchstmöglichen Niveau zu bleiben – und auch weiterhin einen Beitrag zur Gesamtsicherheitslage zu leisten.