Burladingen

Gesänge in einer sterbenden Sprache – anarchisch und top-aktuell

von Von Erika Rapthel-Kieser

Burladingen-Melchingen. Das könnte der Theaterrenner der Saison werden: Unter den Fittichen von Christoph Biermeier und mit der Stubenoper "Der verreckte Hof – Gesänge in einer sterbenden Sprache" von Georg Ringsgwandl läuft das Ensemble des Melchinger Lindenhofs zu neuer Höchstleistung auf.

Das Stück trifft auf den Punkt, und es wird deutlich, was Christoph Biermeier und Dramaturg Franz Xaver Ott gemeint hatten, als sie in der Pressekonferenz betonten, dass der Lindenhof für so ein komplexes Werk eben auch die Schauspieler habe. Denn die spielen nicht nur, sondern singen, tanzen, musizieren und schlüpfen – zum Teil im Sekundentakt – in verschiedene Rollen. Dabei gibt es keine Umbauten, keine zeitraubende Kulissenschieberei, denn auch das Bühnenbild hat Claudia Rüll Calame-Rosset ebenso multifunktional wie genial einfach gehalten: Im Hintergrund auf erhöhter Ebene die beiden Profi-Musiker Bernhard Mohl und Erwin Rehling, davor die gute Stube, große Milchkannen, ein Boden aus groben Häckseln, die Wände mit großen Pappmaschee-Fotos von kauenden Kühen und einem Holzkreuz versehen. In der rechten Ecke steht der mit Kerzen bestückte und in Nebel gehüllte Sarg der dementen Mutter.

Die hat immer auf und vom Hof gelebt und bis zu ihrem Tod, zum Teil mit kleinen Tricks, versucht, ihn zu erhalten. Während Tochter Gerlinde, die Lehrerin, die Linda Schlepps mit der gehörigen Portion Moralapostel und spießiger Biederkeit skizziert, und ihr bei der Unteren Naturschutzbehörde beschäftigter Ehemann Günther (Stefan Hallmayer) sich nur im Hamsterrad und um sich selbst drehen, verfällt der Hof in echt und die Mama im Geiste.

Da wird mit schrillen Tönen und schaurig aktuellem Text der drohende "Börnaut" Günthers ebenso besungen wie die Vorrangstellung des Sohnes Rupert, "dr guate Bua".

Die Konflikte des Managers mit Koffer und Handy, der Ökonomensprech und Smartphone zwar perfekt beherrscht, aber irgendwann ohne Job dasteht, weil die Firma schlanker werden muss, arbeitet Berthold Biesinger klar heraus. Geschwisterkonflikte brechen auf und werden durcheinandergewirbelt von der osteuropäischen Hilfskraft Svetlana, die sexy und herrlich lasziv über den Hof und durch die gute Stube stolziert und unverkrampft das Leben und die Liebe betrachtet. Denn sie macht mit der Mutter gemeinsame Sache. Beider Ziel ist es, den Hof zu erhalten und für Nachwuchs zu sorgen.

Es ist bisher die wohl stärkste Rolle Kathrin Kestlers am Lindenhof. Wie sie den slawischen Dialekt mit Gesang und ausgefeilter Körpersprache verbindet, wie sich Kestler und Schlepps, die gewohnt ausdrucksstark die wütend-verbitterte Rivalin Gerlinde gibt, aneinander steigern und dabei auch noch in die Rolle der Mutter schlüpfen – dass sie zusammen mit dem Rest des Ensembles mal alles zeigen können, was da an Tempo, Takt und Tanz in ihnen steckt, ist wohl auch einem hartnäckig arbeitendem Regisseur Biermeier zu verdanken.

Der hat zusammen mit Ott die Sprache und Komik des bayerischen Anarcho-Barden, Stücke- und Songschreibers Georg Ringswandl heraus- und die ganz aktuellen Konflikte noch einmal zugespitzt hineingearbeitet. Da spiegeln sich die großen Probleme in der kleinen bäuerlichen Welt. Da geht es um Leistungsverdichtung und Entfremdung, um Werte, Wandel, das Weggehen und die Wurzeln in der Heimat, um Rückbesinnung und Fortschritt. Und das alles mit viel Humor, der begeistert und bis zum Ende fesselt.