Brigachtal

"Wenn man rausgeht, ist das Inspiration pur"

von Beate Müller

­­"Die Kunst hat in meinem Leben einen hohen Stellenwert. Ich denke fast ständig daran, schau was ich als nächstes abbilden möchte", meint Jonas Fehlinger. An verschiedenen Stellen in seiner Heimatgemeinde Brigachtal hat der 25-jährige Künstler Spuren – oder besser die Farbe von Spraydosen – hinterlassen. Die Hauswand an seinem Elternhaus ziert ein großer Kopf, der mit einem Baum verwachsen ist. Sein erstes größeres Graffiti-Projekt war der Bahnübergang Beckhofen in Brigachtal. Damals ging er auf die Gemeinde zu. "Ich hatte einfach Lust darauf, mal was Großes zu machen." Davor übte er sich vielmehr an den Wänden in seinem früheren Kinderzimmer. Mittlerweile kommen vermehrt Anfragen, seine Kunst legal auf Wände zu sprühen. Jüngst verschönerte er eine Wand der Schwenninger Kindertagesstätte Franziskusheim mit einem Graffiti-Bär und einem Graffiti-Marienkäfer oder besprühte das Silo einer Villinger Firma mit einer Schwarzwald-Landschaft.

Graffiti hat seinen Ursprung im eigentlich illegalen Besprühen von Flächen. Oft wird daher Graffiti im öffentlichen Raum als Vandalismus gesehen, vor allem wenn es unerlaubt an öffentlichen Gebäuden angebracht wird. Fehlinger hingegen klärt im vornherein, ob er eine Wand besprühen darf und legt die Pläne offen.

Dennoch sieht er Graffiti im öffentlichen Raum mehr als Kunst statt als Vandalismus. "Graffiti ist etwas handgemachtes, authentisches. Sonst sieht man überall Werbung im öffentlichen Raum. Graffiti ist ein Ausbrechen aus dem sonst in einer Stadt üblichen Bild." Künstler tragen mit dem Anbringen von Graffiti ihre Kunst in den öffentlichen Raum und machen sie der breiten Masse zugänglich, erklärt er.

Einen festen Stil – sowohl in seinen Graffiti als auch in seinen Zeichnungen, Ölgemälden und Aquarellen – hat Jonas Fehlinger noch nicht gefunden. Das möchte er eigentlich auch noch nicht. "Ich mache vor nichts Halt. Ich habe keinen bestimmten Stil und probiere viel aus. Das finde ich spannend", erzählt der sympathische Brigachtaler, der mit seinem Spitzbart und seiner Schiebermütze das optische Klischee eines Künstlers ein wenig bestätigen mag. "Vielleicht lege ich mich ja mal auf etwas fest."

Derzeit bildet er am liebsten Motive aus der Natur ab. "Wenn man raus in die Natur geht, ist das Inspiration pur." Generell bezeichnet sich Fehlinger als sehr naturverbundenen Menschen. Er liebt das Grün des Schwarzwaldes, seinen Vogel Hansi und seinen Hund Emil, er ernährt sich vegan.

Doch an sich kann für ihn vieles Inspiration sein: Manchmal schaut er sich die Leute in der Bahn an, überlegt sich, wie er sie malen kann. "Wenn man umschaut, sieht man fast immer irgendwas, was man zu Kunst machen kann." An sich ist für ihn die Inspiration schon Kunst genug. "Um Kunst zu produzieren, brauche ich eigentlich keinen Stift und keine Spraydose. Das beste entsteht in meinem Kopf. Das Zeichnen oder sprayen ist dann der Ausdruck nach außen."

Im vergangenen Jahr zeigte der 25-jährige Brigachtaler zum ersten Mal in einer Ausstellung im Brigachtaler Rathaus das, was in seinem Kopf vorgeht und er schließlich auf Papier, Leinwand oder an Wände bringt. Denn Fehlinger ist nicht nur Graffitikünstler, er zeichnet auch leidenschaftlich gerne oder bringt seine Vorstellungen in einem Ölbild oder mit Aquarellfarben zum Ausdruck. Die Ausstellung im Rathaus zeigte vornehmlich Hände in verschiedenen Größen, Stilen und Posen. "Hände sind besonders schwer zu zeichnen", findet er. "Und außerdem hat man sein Modell immer dabei", erzählt er und lacht. Generell lacht Fehlinger viel. Er ist ein fröhlicher Freigeist.

Seine Ausbildung zum Grafikdesigner zwingt ihn zwar vornehmlich am Computer Grafiken zu erstellen, doch eigentlich gefällt Fehlinger das Ursprüngliche, das Zeichnen von Hand auf Papier am besten. Derzeit üben sie in der Berufsschule das Aktzeichnen, Fehlinger lernt viel über Proportionen. Das kommt sowohl seinen privaten Zeichnungen als auch seinen Graffiti zugute.

Generell macht Fehlinger Künstlerisch vor nichts Halt. Tape Art ist seine neuste Entdeckung: Aus bunten Klebebändern schneidet er verschiedenfarbige und verschiedengroße Fetzen zusammen und klebt diese so an die Wand, dass ein neues Bild entsteht.

Die Kunst, das Ausprobieren und das Zeichnen begleiten den 25-Jährigen schon seit seiner Kindheit. Mit Graffiti hat er als Teenager angefangen, damals allerdings noch auf dem Papier. Über die Jahre wurde seine Kunst komplexer, er lernte stetig dazu. Obwohl ihm seine Grafikdesignausbildung viele Tipps und Inspirationen gibt, hat sich Fehlinger das Zeichnen wie auch das Graffiti-Sprühen selbst beigebracht. Denn wie man die Dose führt, dass die Farbe möglichst zielgerichtet zerstäubt, welche Techniken es gibt, das lernte er einfach durch ausprobieren. "Man lernt an jedem Bild", findet er.