Bisingen

Häftlinge als billige Arbeiter verliehen

von Schwarzwälder Bote

Wie gestalteten sich die Beziehungen zwischen Dorf und KZ? Fast täglich waren Häftlinge in Bisingen zu sehen. Als billige Arbeitskräfte wurden sie an Unternehmen und Privatpersonen "verliehen".

Bisingen. Im Heimatbuch der Gemeinde Bisingen-Steinhofen von 1953 wird behauptet, dass sich "das Leben im KZ in völliger Abgeschlossenheit von der Gemeinde (vollzog)". Das Gegenteil war der Fall. Wie in den anderen Arbeitslagern der letzten Kriegsphase, verschwammen die Grenzen zwischen KZ und Dorf. Die Häftlinge des KZs Bisingen waren fast täglich im Ort zu sehen, auf ihrem Weg zum Ölschieferwerk in Engstlatt, bei Aufräumungsarbeiten nach Bombenangriffen oder in ortsansässigen Firmen. Wie in anderen Konzentrationslagern wurden auch in Bisingen Häftlinge als billige Arbeitskräfte an Firmen oder Privatpersonen "verliehen".

Der damalige Mitinhaber der Schuhfabrik Keller gab nach Kriegsende ganz offen zu, wie selbstverständlich dies praktiziert worden war: "Gegen Ende des Krieges war ein großer Teil unserer Fachkräfte zum Wehrdienst eingezogen worden. Um unseren Betrieb fortsetzen zu können, wandten wir uns verschiedentlich an die Lagerleitung des KZs Bisingen mit der Bitte um Überlassung von Häftlingen. Wir forderten hauptsächlich Fachkräfte an, wie z. B. Mechaniker, Schreiner, Modelleure usw. Unserer Bitte wurde von Seiten der Lagerleitung entsprochen und uns wurden verschiedentlich Häftlinge zugeteilt. Diese kamen jeweils mit einem SS-Angehörigen des Lagers oder mit einem Mann der Bewachungsmannschaft."

Die meisten Häftlinge wurden im Maschinensaal der Schuhfabrik eingesetzt; einzelne Gefangene wurden für das Büro der Firma angefordert, um Schreibmaschinen zu reinigen und reparieren. Durch diesen "Häftlingsverleih" kamen Bisinger Bürger in direkten Kontakt zu Wachmännern und den KZ-Häftlingen. Es sind einzelne Fälle belegt, in denen Angestellte der Keller’schen Schuhfabrik Lebensmittel an die Gefangenen abgaben. Außerdem lieh eine Mitarbeiterin einem Wachmann, den sie öfter im Büro traf, ihr Akkordeon aus.

Der Betreiber einer Schuhgroßhandlung in Bisingen, bei dem die Lagerleitung Schuhcreme und ähnliches einkaufte, machte die Bekanntschaft des stellvertretenden Lagerführers Franz Ehrmanntraut. In mehreren Fällen forderte der Geschäftsmann KZ-Häftlinge an, "und zwar zwei bis drei Mann jeweils, die für Gartenarbeiten unter anderem eingesetzt wurden".

Ein Paar Schnürstiefel erinnert an den "Häftlingsverleih"

Im Raum "Das KZ und das Dorf" wird mit einem Paar Schnürstiefel an den "Häftlingsverleih" erinnert. Sie stammen aus der Keller’schen Schuhfabrik und werden dem Gedenkstättenverein vom Heimatverein Bisingen-Steinhofen als Leihgabe für die neue Ausstellung überlassen.

Nach 14 Monaten Planung und sieben Monaten Umbau wird das Museum KZ Bisingen am Sonntag, 2. Juni, mit einer neuen Ausstellung eröffnet. In fünf Themenräumen und einem Introraum wird die Geschichte des KZ Bisingen mit verschiedenen Medien vermittelt. Bis zur Eröffnung wird wöchentlich je ein Exponat zu den Räumen vorgestellt. Im dritten Teil geht es um die Beziehungen zwischen Dorf und Lager, was in einem der neu gestalteten Räume thematisiert wird. Die Beiträge der Serie wurden von Ines Mayer, stellvertretende Vorsitzende des Vereins KZ Gedenkstätten Bisingen, verfasst.