Bisingen

"Größter Kulturbruch in der Geschichte"

von Alexander Kauffmann, Bernd Visel und Lukas Werthenbach

Gedenkstätten des ehemaligen KZ-Komplexes Natzweiler erhalten Europäisches Kulturerbesiegel. Auch Einrichtungen in Bisingen, Haslach und Schömberg ausgezeichnet

Bisingen/Haslach/Schömberg. Das Europäische Kulturerbe-Siegel haben die Gedenkstätten des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsass erhalten. Damit wird ihre gemeinsame grenzüberschreitende Vermittlungsarbeit gewürdigt. Katrin Schütz, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau, überreichte die Auszeichnungs-Plaketten in Stuttgart an die zwölf Gedenkstätten der baden-württembergischen Außenlagerstandorte.

Darunter ist auch die Gedenkstätte Vulkan bei Haslach (Ortenaukreis). Sie wurde im September 1944 eingerichtet und bestand bis zur Befreiung im April 1945. In dieser kurzen Zeit sind dort 223 Menschen ums Lebens gekommen. In der Kleinstadt im Kinzigtal sollten die Gefangenen wegen Fliegerangriffen in unterirdischen Stollen Teile für Daimler-Motoren herstellen. Vereinzelt hat man Fertigungsanlagen offenbar zwar herangeschafft, produziert wurde aber nie. "Mit dem Europäischen Kulturerbesiegel wird unsere Arbeit in Zukunft höher bewertet", ist sich Sören Fuß, Leiter der Gedenkstätte Vulkan, sicher. Das Wichtigste für ihn: "Es ist eine Auszeichnung, für die man sich nicht auf die Schulter klopft, sondern sie ist eine Verpflichtung, die Arbeit weiterzuführen und zu verstärken." Deshalb passe das Siegel auch "perfekt" in die Arbeit des Haslacher Gedenkstätten-Teams.

Künftig wollten er und seine Mitstreiter auch in der Öffentlichkeit aktiver werden, um die Erinnerung an die Geschichte, wie sie sich auch bei Haslach zugetragen hat, wachzuhalten: "Damit man auch weiterhin wahrnimmt, was damals beim größten Kulturbruch in der Geschichte passiert ist", erklärt Fuß.

Auch der Gedenkstätte Eckerwald bei Schömberg (Zollernalbkreis) wurde das Europäische Kulturerbesiegel überreicht. Die Einrichtung erinnert an ein letztes Kapitel nationalsozialistischer Kriegspolitik. Von September 1944 bis Frühjahr 1945 wurde auf diesem Gelände eine Schiefer­ölfabrik errichtet. Die Anlage gehörte zum sogenannten Unternehmen Wüste, dessen Bestimmung es war, die Treibstoffkrise während des Kriegs zu beheben. KZ-Häftlinge aus sieben Außenlagern des KZ Natzweiler-Struthof entlang der Bahnlinie Tübingen-Rottweil wurden gezwungen, dort ihren Beitrag zur Kriegswirtschaft zu leisten.

Im Eckerwald (Werk 10) ist von den zehn Wüste-Werken noch am meisten zu sehen. Das Gelände liegt auf Gemarkung der Gemeinde Schömberg-Schörzingen, ein kleinerer Teil auf derjenigen der Gemeinde Wellendingen (Kreis Rottweil). Ende der 1980er-Jahre machte es sich die Initiative Gedenkstätte Eckerwald zur Aufgabe, dort einen Gedenkpfad anzulegen.

Eine Gedenkstätte entstand beim KZ-Friedhof in Schömberg. Informiert wird vor allem über das Lager Dautmergen, das größte und schlimmste der sieben Wüste-KZs. Im Zentrum der Gedenkstätte steht ein Beton-Kubus, auf dem die Namen der 1774 Todesopfer der Lager Dautmergen und Schömberg aufgelistet sind. Eine weitere Gedenkstätte gibt es auf dem KZ-Friedhof im Schömberger Teilort Schörzingen.

Ebenfalls im Zuge des Unternehmens Wüste wurde das KZ Bisingen (Zollernalbkreis) im Jahr 1945 errichtet. Es stand unter der Leitung des SS-Kommandanten Franz Johann Hofmann. Insgesamt mehr als 4000 Häftlinge mussten dort ein Ölschieferwerk aufbauen. Doch die Menge des gewonnenen Öls war so gering, dass die Maßnahmen keinen Einfluss mehr auf das Kriegsgeschehen hatten.

Die Verleihung des Siegels sei eine "wichtige Anerkennung für uns und unsere Arbeit", findet Ines Mayer, stellvertretende Vorsitzende des "Gedenkstättenvereins KZ Bisingen". "Es stärkt uns", sagt sie, "und wichtig ist auch, dass dies alles grenzüberschreitend ist". Zudem sieht sie darin eine politische Dimension: Gerade heute, wo die AfD Form und Umfang des Gedenkens an die Gräuel der Nazizeit und deren Erinnerungskultur immer wieder infrage stelle, habe das Siegel eine enorme Bedeutung.

Ausgezeichnet wurden neben den Einrichtungen im Südwesten die Gedenkstätte am Hauptlagerstandort Natzweiler und zwei Außenlager im heutigen Frankreich. Weitere deutsche Einrichtungen sind in Hailfingen-Tailfingen, Spaichingen und Vaihingen/Enz.

In den kommenden Jahren wollen sich die Gedenkstätten auf baden-württembergischer und französischer Seite noch enger vernetzen. Die europäische Dimension der Lagerstandorte soll in den Fokus gerückt werden. Ein gemeinsames Internetportal, grenzüberschreitende Projekte insbesondere für Schulklassen und ein erweitertes mehrsprachiges Angebot an den Standorten sind geplant.

Im Rahmen der Feierstunde eröffnete Schütz zudem die Sonderausstellung "Natzweiler: Spuren/Traces" in deutscher und französischer Sprache. Sie ist bis zum 4. Juli im Haus der Wirtschaft in Stuttgart kostenfrei zu sehen.