Berlin: Castorf und Peymann auf Abschiedstour

Heimliche Verwandte

von Dirk Pilz

Berlin - Das wird eine sonderbare Berliner Spielzeit. Seit 1992 herrscht Frank Castorf als Intendant an der Volksbühne, seit 1999 Claus Peymann am Berliner Ensemble. Und beide starten sie jetzt in ihre letzte Saison. 18 Jahre wird Peymann im Sommer 2017 BE-Chef gewesen sein, Castorf ein rundes Vierteljahrhundert. Aber was sagen schon Zahlen. Es gehen damit zwei Theaterären zu Ende. Von einer Ära, einer einschneidenden Epoche ist in unseren in den Superlativ verliebten Zeiten zwar allzu schnell die Rede, hier aber trifft es zu.

Peymann und Castorf: seit Jahrzehnten Antipoden in der Theaterhauptstadt. Wer das Castorf-Theater liebte, konnte über Peymanns Kunst nur verächtlich die Nase rümpfen, und umgekehrt. Hier Castorf mit seinem Total-Theater, in dem die Schauspieler alles dürfen, nur nicht herumtheatern, weshalb er ihnen jede Freiheit lässt und sie gerade damit in Erschöpfungszustände treibt. Und dort Peymann, der gern grell geschminkte Figuren herumtrippeln lässt, die keine Fragen offen lassen und deshalb immer ausschauen, als wären sie zu Ausrufezeichen erstarrt. Wenn man unter den werten Kritikerkollegen herumfragt, wird man sehr lange suchen müssen, um auf einen aufrechten Verteidiger der Peymann-Kunst zu treffen – und ziemlich viele Castorf-Freunde finden. Die Legende will, dass Peymanns „Richard II.“, mit Michael Maertens in der Hauptrolle, seine letzte große Berliner Inszenierung war, entstanden im fernen Jahr 1999, als Castorf mit seiner Inszenierung der „Dämonen“ eine viel bejubelte Serie von Dostojewskij-Inszenierungen startete. Hier also die verstaubte BE-Ästhetik, dort die fesch moderne Volksbühnen-Welt.

Aber das stimmt so natürlich nicht. Wie stets unterhalten auch in diesem Fall die Gegensätze geheime Verwandtschaften. „Immer war ich ein Größenwahnsinniger, nie ein Opportunist“, sagt Peymann. Das darf Castorf von sich genauso behaupten. „Wenn man den Konflikt ausschaltet, ist das für die Kunst total langweilig“, behauptet Castorf. Peymann wird dazu eifrig nicken. Er kam damals nach Berlin, um „der Reißwolf im Arsch der Mächtigen“ zu sein; Castorf ging es immer darum, „einen Widerspruch und eine potenzielle Feindschaft zu behaupten“. Sie passten beide gut nach Berlin.

Beide gehen mit Botho Strauß in ihre jeweils letzte Saison

Und auch ästhetisch sind sie sich näher als unterstellt. Castorfs Inszenierungen waren, wie jene Peymanns auch, von Anfang sehr texttreu, entgegen seines Rufs als Stückezertrümmerer; und Peymanns Arbeiten waren oft von einer heimlichen Anarchie durchzogen, Castorfs sowieso. Beide sind sie zudem immer ihren Wurzeln treu geblieben: Castorf seinem Geschichtsblick nach Osten – bis heute prangen auf dem Dach der Volksbühne die programmatischen Buchstaben OST. Peymann wiederum behauptet gern, er erhalte das, „was das Theater ausmacht: den Schauspieler, die Geschichte, die Story“. Das hat er so schon gesagt, als er in Bochum, Stuttgart, Wien residierte. Erst vergangenes Jahr hat er Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“ inszeniert, und der gesamte Abend lebte von seinem wunderbaren Hauptdarsteller Jürgen Holtz. Es gibt für Peymann keinen anderen Grund, Theater zu machen, als um solcher Schauspieler willen. Und es wäre auch die Volksbühne nie zu ihrer Größe gelangt ohne Castorfs Helden von Henry Hübchen bis Martin Wuttke, Sophie Rois, Kathrin Angerer. Sie spielen eben nur sehr verschieden.

Und jetzt also für beide die letzte Runde. Castorf hat versprochen, zum Abschluss Goethes „Faust 2“ herauszubringen, sicher ein ausufernder Abend. Eröffnen wird die Saison aber Christoph Marthaler, der damals in der ersten Castorf-Spielzeit seinen legendären Abend „Murx den Europäer“ zeigte. Der Abend jetzt heißt nach einem Stücktitel von Botho Strauß „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. Und Peymann? Setzt als Motto über die Spielzeit ein Zitat von – Botho Strauß: „Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang.“ Er beginnt die Saison mit zwei Uraufführungen: Achim Freyer macht Lucia Ronchettis „Abschlussball“, ein „Lamento in Bildern“. Und er lässt Manfred Karge das politisch scharfsinnig Stück von Volker Braun urinszenieren, „Die Griechen“.

Beide wollen Widerspruch und Streit provozieren

All das sollen Abende werden, die Bilder aus einer unübersichtlichen Gegenwart zeigen, Geschichtslinien verfolgen, Widerspruch, Streit provozieren wollen. Um die Volksbühne wurde zuletzt ja vor allem unter kulturpolitischen Vorzeichen gestritten: Zum Castorf-Nachfolger bestimmte die Politik den belgischen Kurator Chris Dercon, und vielen ist das ein ungutes Zeichen. Peymann hat besonders laut gerufen, das Haus werde so zur „Eventbude“ verkommen.

Aber schon vor Jahren hat er dekretiert: „Was bleibt von den Politikern? Nichts. Was bleibt von uns Künstlern? Mythos“. Recht hat er. Kürzlich erschienen gleich zwei Bände mit Gesprächen und Essays zur Ära Castorf. Es sind Huldigungsbücher, die Castorfs Volksbühne in den siebten Theaterhimmel loben. Das Beste an der Castorf- und Peymann-Zeit war indes, dass ihre Arbeit stets umstritten war. Wenn es gut geht, wird auch die letzte Spielzeit für Debatten sorgen.